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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-10-16 · 41 (16.10.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
41 (16.10.1914)
Date
1914-10-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 698 Dr. Bloch's Wochenschrift Ni.. 41 erträgt wie diejenigen, die dem entbchrungsgewohntcn Arbeiter- oder Bauernstände angehören. Wer hatte je gedacht, daß die mit den Behelfen der Neuzeit verwöhnten Lebenskünstler imstande sein werden, der Unbill des Wetters, der rastlosen Unruhe einer ganz veränderten Lebensweise des Krieges sich anpassen zu können!? Ein Geschlecht, verweichlicht von den Annehmlichkeiten einer Zivilisation bis zum Exzeß; eine Generation, die man sich als neurasthenisch unterwühlt dachte, die gerade wie an einer Gesamtnervenschwäche krankte; ein Zeitalter, von dem man sagen konnte wie von einem abgelebten Wüstling, es habe Nerven — erweist sich als ein solches, das überhaupt keine Nerven zu haben scheint. Das heißt, all biQ Erregungen, /all die Erschütterungen, all die Reizungen, die sonst den nervösen Menschen zu einem minderwertigen, keine Widerstandsfähigkeit aufbringenden wehrlosen und zusammenbrechenden Geschöpfe herunterbringen, sind aus dem Oemüte des plötzlich uniformierten Bürgers mit seinem Soldatenkleide wie ausgeschaltet! Dieses Wunder, wodurch kommt es zustande? Es ist eben kein Wunder, es ist eine göttliche Naturgabe, dem Menschen mit seinem Schöpfungszwecke gleichzeitig mitgegeben. Er ist eben ein ,.honio sapiens" in dem eigentlichen Sinn des Wortes, er ist vom Geiste beherrscht und sein Geist beherrscht seinen Leib mit allen Tätigkeitsmöglichkciten. Ein Gedanke, der ihn leitet, vermag aus seinen körperlichen Kräften die höchst denkbaren menschlichen Leistungen auszulösen. Schön und zugleich währ zeigt sich dieser Gedankengang von unseren Weisen zur Lösung eines Widerspruches in zwei ineinander entgegenstehenden Lehrsätzen des philosophierenden Dulders Jjob ausgedrückt. Einmal ruft er bewundernd aus: „Allmächtiger! Wir dringen nicht zu ihm, so unfaßbar ist er an Kraft!" Ein anderesmal jedoch spricht er es aus: „Sieh! Gott ist faßbar in seiner Kraft!" Wie mag der Sinn dieser beiden Aussprüche in Uebereinstimmung gebracht werden, fragen die Gelehrten verwundert. Es soll durch dieselben ein einziger, zusammenhängender Gedanke wiedergegeben werden, der für die religiöse Opferfähigkeit von ausschlaggebender Bedeutung ist. Er sagt dir: Gott hat dich mit seinen göttlichen, unermeßlichen Kräften ausgestattet, fordert jedoch von dir nur, was deinen gewöhnlichen menschlichen Kräften angepaßt ist. Sieh! spricht der philosophische Denker in der Gestalt des leidenden und duldenden Jjob zu dir, den Menschen, Gott hat dich ausgestattet mit allen Mitteln, mit allen Seelenkräften und Geistesfähigkeiten, die dich der höchsten Entwicklung zuzuführen vermögen; mit einer Willensstärke, die staunenerregend ist; mit einem Mute des Wetteifers, mit einer Zähigkeit der Bestrebungen, mit einer Ausdauer in den Trieben, die zur Bewunderung herausfordern. Und welche Fülle an Geist und Vernunft, an Verstand! und Erkenntnis vermag der Mensch in sich zur Reife zu bringen! Mit der Ansammlung von Wissenschaft und Kenntnis der Naturkräfte vermag er die schwierigsten Probleme zu lösen, die ihn zum Meister der Schöpfung emporheben; mit seiner Kunst der Berechnung, mit seinem durchdringenden Geistesblitze durchleuchtet er sich das Weltall in seinen dunkelsten Kammern, wie in seinen fernsten Fernen. Und wie groß ist er in seiner Tatkraft und in seiner Tragfähigkeit des Duldens und des Leidens! Er vermag für seine Ueberzeugung die peinigendste Folter, für einen als wahr erfaßten Gedanken die qualvollsten Schmerzen zu ertragen; er ist imstande, für ein erkanntes Ideal hingebungsvoll sein Leben zu wagen, es sogar, wenn nötig, hinzuopfern! Spricht hiefür nicht die Geschichte der Märtyrer, die die Menschheit in allen ihren Annalen auszeichnet!? Und was fordert Gott von dir sonst in Wirklichkeit!? Verlangt er von dir Unnatürliches, Außergewöhnliches, Unerfüllbares!? Nichts anderes als gewöhnliche, natürliche menschliche Pflichten, die kaum an deine sonstigen Seelenkräfte heranreichen. Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, Mäßigkeit, Genügsamkeit, Zuversicht, Menschlichkeit. Ist dies etwa mehr, als du nach deiner Schöpfungsart zu leisten imstande bist!? Gewiß nicht! Wenn wir unsere Fähigkeiten, mit denen uns Gott ausgestattet hat, in Betracht ziehen, so werden wir finden, daß weit weniger von uns gefordert wird, als wir nach den himmlischen Geisteskräften, mit denen der gütige Schöpfer uns ausgestattet, zu leisten imstande wären. Es kommen jedoch im Menschenleben und auf der großen Weltenbühne auch außergewöhnliche Ereignisse vor, die außergewöhnliche Forderungen zu erzwingen berufen find. Da müssen jene außerordentlichen, wahrhaft göttlichen Fähigkeiten in Erscheinung treten, mit denen das geistig gereifte menschliche Wesen, oftmals sich selbst unbewußt, ausgestattet ist. Jenes Volk, welches in seiner Gesamtheit in solchen katastrophalen Zeiten sich den welterschütternden Ereignissen gewachsen zeigt, wächst dann über sich selbst ftleichsam hinaus und gibt diesem Zeitpunkt seiner Geschichte das Signum eines heroischen Zeitalters. Uns Juden ist ein solches nicht fremd; es hat sich gar oft in seiner Entwicklung wiederholt und der Psalmist hat seiner heldenhaften Widerstandsfähigkeit in einem Stufenliede ein Denkmal gesetzt. Es ist der 129. Psalm, der diese Ueberschrift trägt und mit den 2§orten anhiebt: „Ost hat man mich bedrängt, von Jugend auf, so singe es Israel! Oft hat man mich bedrängt, von Jugend auf, jedoch nicht konnte man mich überwinden!" Die oftmalige Bedrängnis, die da Israel so begeistert und dankerfüllt besingt, ist tiefbegründet und steht mit dem Charakter eines jubelnden Stufenliedes nicht in Widerspruch. Es drückt die Erkenntnis aus, daß es eben durch die heroisch überwundenen, seit der frühesten Jugendzeit seines Bestandes überdauerten Krisen, sich Eigenschaften anerzogen hat, die es überhaupt unüberwindlich gestaltet haben. Es hat sich Vorzüge ausgelöst, die es mit einer unvergleichlichen Elastizität, mit einer außerordentlichen Anpassung der Geistesbeweglichkeit versehen haben, die es zu einem für die Ewigkeit geschaffenen Volke ausstatteten. Schon in seiner Jugendzeit hat es mit einer geschichtlichen Widerwärtigkeit zu kämpfen gehabt, durch welche ein anderes Volk vom Geschichtsplane der Welt für immer verschwunden wäre — es ist die ägyptische Knechtschaft. Cs hat sie überwunden. Es ist als Arbeitervolk nicht versumpft; es wurde ein freies Volk der Wüste und baute sich neu auf durch das Gottesgesetz, das ibm die erste Stellung in der Menschheit für alle Ewigkeit garantiert! In der Zeit der Richter wurde es ein Agrikulturvolk; in der Zeit der Könige ein Volk von Propheten. oder eigentlich von Staatsmännern; in den Zeiten Roms bewährte es sich als ein Volk von Kriegern; im Mittelalter bewährte es der verfallenen Barbarenwelt die Wissenschaften; in der Neuzeit pflegt es erfolgreich jedes Gebiet, das ihm freigegeben ist. Fürwahr? Israel darf und mag ein Stufenlied des Dankes anstimmeu für das erfolgreiche Ueberdauern gewaltiger historischer Zeiten, in denen es seine übermenschlichen geistigen Kräfte, die in ihm ruhten, zur Geltung gebracht hat. Es hat die Geduldprobe der Geschichte glorreich überstanden, die ihm die fernere unabsehbare Dauer der Zukunft sichert.

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