Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 40 (8.10.1914)
- Date
- 1914-10-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 689 welcher er die Bürgermeister und Bizegespane darüber belehrt, welchen Standpunkt sie laut einem diesbezüglichen Uebereinkommen zwischen der ungarischen und de? österreichischen Regierung in dieser Angelegenheit einzunehmen, haben. Die mittellosen Flüchtlinge sind nach Szatmar zu senden, wo für sie provisorisch gesorgt wird. Tie Bemittelten können wo immer Aufenthalt nehmen, freilich ebenfalls" nur provisorisch. Solange die schon hier befindlichen Flüchtlinge nicht untergebracht sind, können neue Truppen galizischer Flüchtlinge ans ungarisches Gebiet nicht hereingelassen werden. Diese sind in geschlossenen Eisenbahnzügen auf österreichisches Gebiet, bezrv. nach Ungarisch-Hradisch zu befördern, wo sie provisorisch Unterkunft finden. Die Versorgung dieser Flüchtlinge geschieht in Ungarn, da sie österreichische Staatsbürger sind, auf Kosten Oesterreichs. Der Minister ordnet ferner an, daß die zur Niederlassung notlvendigen Bedingungen jetzt von diesen Flüchtlingen nicht erfüllt iverden müssen, nach dem Aufhören der gegenwärtigen Zwangslage jedoch müssen denjenigen gegenüber, die in ihre Heimat nicht zurückkehren wollen, die diesbezüglichen gesetzlichen Bestimmungen wieder airgewendet werden. Alle Flüchtlinge, auch die Bemittelten, müssen in einer Lifte znsammengefaßt und in Evidenz gehalten iverden. Tie Versprechungen des Zaren unbestätigt. Wie die Neivyorker Blätter berichterr, ist die irr Europa gemeldete Nachricht, daß der Zar beit Inden die Gleichberechtigung versprochen habe, bisher noch nicht in authentischer Weise bestätigt worderr. Wohl wurde in der Duma erklärt, daß die Rechte der Juden eine Erweiterung erfahren würden, irr ivelchem Ausmaße dies jedoch geschehen solle, wurde von keiner autoritativen Seite erklärt. Der Präsident der Duma und die oktobristischeil Deputierten sprachen auch nur von einer Verbesserung der Lage der Juden. In diesen Zusagen handelt es sich auch nicht um eine völlige Aushebung des bisherigen jüdischen Ansiedlungsgebietes, sondern bloß um eine Erweiterung desselben, indem von den erwähnten Faktoren der Wunsch igeäußert wurde, daß einige Städte, in welchen die Juden bisher nicht wohnen durften, irr das Ansiedlungsgebiet eingeschlossen werden mögen. Wer weist? Aitgaben über die Familie Adolf L icht e r, Lemberg- Zniesienie, werden erbeten von I. Lichter, Berlin C., Elisabethstraße 18/1. Ueber den Aufenthalt der Frau Golde L e n ß n e r aus Trembowla, Gattin des Moses Leußner, derz. in Eisgrub, werden Mitteilungen erbeten an Oskar Gold, Lurrdenburg. Nathan Klarer und Frau, deren Sohn JUDr. K l a r c r und Frau aus Brzezany iverden gesucht von Adolf Weiß, Berlin-Neukölln, Hobrechtsstraße 57/IV. Moses Katz, derzeit Ofsiziersdiener beim 58. Infanterieregimente, sucht seine Frau Genia K a tz, geborene Kleiner, sowie seinen Söhn Hesio Katz und feinen Schwiegervater Gerson K l eine r, sämtliche aus Tlnmacz. Gefällige Nachrichten an Herrn Emil Fried in Odrau. Vermiete Heeresangehörige. JUDr. Rudolf K ohn, k. u. k. Einjährig-Freiwilliger, Korporal des 88. Infanterieregimentes, 5. Feldkompagnie, wurde am 9. September 1914 auf dem nördlichen Kriegsschauplatz (R.äwaruska) verwundet, verbunden und ins Spital gebracht. Seit jenen: Tage fehlt jede Nachricht von dem Verwundeten. Angehörige des Regimentes und Personen, welche von dem Verbleib des genannten Verwundeten nähere Mitteilungen zu machen in der Lage sind, werden gebeten, solche dem Herrn JUDr. Israel Kohn, Advokat und Vorsteher der isr. Äultusgerncinde in Budweis, zukommen lassen zu wolle::. Wenn sie aus einem Wege gegen Dich ans,ziehen, werden sie ans sieben Wegen vvr Dir fliehen. I 7N Ni ti iN | i i« j _ I \ i — w —. er rrr ü'-z-j Der Feinde sieben, wein: in Sehmach und Schande, Bekriegen Dich, mein Polt, und auch die denrschen Lande, Ihr seid nur zwei vereint, in Güte, Lieb' imd Treu', Ihr seid der Sturm und Wind, verwehet sie wie Spreu, Pereint in Lug und Trug, so kommen sie verwegen. Sie werden flieh'n vvr Dir ans allen sieben Wegen. v. K. Korrespondenzen. Eine Stunde in den Räumen der Brockensamnrlung. In diesen Tagen, da Wien von vielen Tausenden, die aus Galizien, der Bukowina geflüchtet sind, überschwemmt ist, hat das ante Wiener Herz reichlich Gelegenheit, sich zu betätigen. Man sammelt aller Orten und alles reicht nicht, um die große ".Kot zu lindern. In der Brockensammlung für jüdische Arme, 8. Bezirk, Albertgasse Rr. 16. wurde sonst nur an zwei Tagen verteilt, stets von 3—4 111)1-; in den letzten Tagen war täglich von 9 5!lhc Berteilung; die Armen standen weit hinaus bis auf die Straße, wurden zu je 10 und 10 eingelassen: ein Verschlag trennte sie dann vom Lagerraum, in dem die geipendeten und zur Berteilung gelangenden Sachen aufbewahrt sind. Bittend streckten uns die Armen ihre Hände mit dein Meldezettel als Legitimation entgegen. Fch sehe einen jungen Burschen, der den rechten Arm im Verband hat. „Waren Sie in der Schlacht?" frage ich. „Nein, man hat ans uns, als wir flüchteten, geschossen; »reinem Bater ist die Kugel durch den -Hopf gegangen; er liegt in Preßburg im Spital." „Was brauchen Sie?" Er deutete auf seine zerfetzten Stiesel: bekommt andere und einen Winterrock. Eine blasse, ganz unterernährt aussehende Frau streckt mir ihren Meldezettel entgegen. Ich lese: Frau Doktor S. aus Lemberg, Mutter von 7 Hindern. Sie bittet für ihre Kleinen um Wüsche, Kleider. Wir wollen ihr, nachdem sie dies erhalten, noch einen Paletot geben. Sie dankt, der ihrige ist, wie sie meint, warm genug. Sie weist aus eine andere, hinter ihr stehende Frau L.. die gar nichts hat; man hat ihr Reisegepäck in Lemberg am Bahnhof gestohlen. Frau L. bekommt Kleider, Wüsche, Schuhe. Tränen entstürzen ihren Augen. Sie erzählt uns, daß sie in Ezernowitz Haus und Hof gehabt; ihr Mann ist in der Schlacht bei Iacowo gefallen, ihre drei Mädchen sind ihr bei dem großen Gedränge, das in Lemberg am Bahnhofe herrschte, abhanden gekommen. Man tröstet sie, daß gute Menschen sich ihrer annehmen werden. Ein alter Mann mit schneeweißem Haar reicht mir seinen Meldeschein hin. Er hat drei Tage lang nichts gegessen, frägt, ob er nicht eine Anweisung auf ein Speisehaus bekommen könne. Die Wohnung müsse er auch heute räumen, wisse nicht, wohin. Da wo er jetzt wohne, seien schon drei Familien in einem Kabinett und der Hausmeister habe den Auftrag bekommen, daß nur eine Familie da wohnen dürfe. — Man weist ihn an das Wohnungsburcau in der Sperlgasse. „Wie find' ich dahin?" fragte ec tieftraurig. „Ich bin fremd in der großen Stadt!" „Des Lebens ganzer Jammer packt mich an", höre ich eine der Komiteedamen sagen. Sie winkt den alten Mann zu sich, gibt ihm Geld und läßt ihn durch einen Dienstmann nach dem Wohnungsbureau führen. Ein anderes Bild: Ein junges Mädchen, der Typus der schönen Jüdin, naht sich bittend, man möge ihr nur eine Decke, einen Polster geben, ihre alte Mutter liegt in einer fernen Gasse im 20. Bezirke auf Stroh. Gute Leute haben sie, als sie in der Nacht mit dem Zuge ankamen, zu sich genommen. Die Mutter sei während der Fahrt erkrankt. Sie fiebert. Tränen rollen dem schönen Mädchen über die blassen Wangen. Glücklicherweise haben wir das Gewünschte. „Nun wird die Mutter mal eine Nacht schlafen können!" sagt das junge Mädchen. „Wir sind acht Tage und Nächte lang unterwegs gewesen; das war schrecklich!" Ein blaß aussehender Mann drängt sich vor, läßt sich, obgleich die früher gekommenen ihn nicht durchlassen wollen, nicht fortweisen. Aus den totmüden Augen spricht Not und Verzweiflung. Ich frage, was sein Begehr. — Er ist aus Przemysl mit Frau und vier Kindern geflüchtet; heute Nacht hat die Frau dem fünften das Leben gegeben; es fehlt an allem; er bittet um Wüsche, um einen Polster für das Kleine, das ganz kalt war, als er es heute früh verlassen. Unsere gute Frau Bauer weiß für alles Rat;