Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 40 (8.10.1914)
- Date
- 1914-10-08
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 688 Ein Feldpostbrief eines verwundeten jüdischen Soldaten aus Natibor. Fritzlar, den 26. August 1914. Liebes Muttchen! Mein Telegramm von vorgestern hast Du wohl erhalten und kann ich Dir nur nochmals versichern, datz ich ganz leicht verletzt bin. Ich habe einen Granatsplitter in den Hinterkopf bekommen, der nur ein ganz kleines Loch schlug und nicht einmal in der Schädeldecke stecken blieb. Der alte Gott lebt noch, der Splitter ist an der Helmschiene angeprallt und dadurch abgeschwächt worden. Er ist links von der Helmschiene durch das Leder durchgegangen, hatte aber keine Gewalt mehr, so datz er nicht ins Gehirn gehen konnte. Wie Du siehst, bin ich nun nicht nach Cassel, sondern nach einem kleinen Städtchen bei Cassel, Fritzlar, gekommen. Je kleiner der Ort, desto besser die Aufnahme. Ich schlafe hier in der Kaserne und werde erstklassig verpflegt. Hier gibt es etwa 50 jüdische Familien, die säst durchweg orthodox sind. Ein jüdischer Herr, H. Loewenstein, bei dem ich gerade bin und Dir den Brief schreibe, hat mich am Bahnhof gleich als Stammesgenosse erkannt und mich zu sich geladen. Ich hoffe, schon nächste Woche nach dem Schlachtfeld abdampfen zu können. Es ist nicht angenehm, hier zu faulenzen, wenn man weitz, datz seine Kameraden schwer im Felde kämpfen. Nun werde ich Dir ein wenig von meinen bisherigen Erlebnissen erzählen. Eben habe ich bei H. Loewenstein, einem sehr netten, frommen Herrn, gevespert; ich sage Dir, erstklassig. In solchen Zeiten hat die jüdische Gastfreundschaft keine Grenzen. — Am 8. August fuhren wir 74 Stunden bis nach Mettlack, Kreis Saarburg, Regierungsbezirk Trier. Wir wurden vom Roten Kreuz erstklassig verpflegt und alle Spenden und alle Mühe und Arbeit, die man dem Roten Kreuz zugute kommen läßt, sind zu wenig. Was die Leute leisten, ist unsagbar. Einzelheiten mündlich. Von Mettlack gingen wir einen schweren, sehr steilen Bergweg nach Orscholz, wo wir Bürgerqartiere bezogen. Ich habe ein sehr gutes Quartier gefunden. Ich schlief mit Dudacy in einem sehr breiten Bett und wir bekamen sehr viel und sehr gut zu essen und zu trinke^ von einer Frau, deren Mann im Kriege ist. Den nächsten Tag früh ging es vor Morgengrauen los und wir gingen auf Luxemburg zu. Wir überschritten bald die luxemburgische Grenze, kamen durch das wunderbare luxemburgische Erenzstädtchen Remig und bezogen nach einem schweren bergigen Marsche von ca. 35 Kilometer in größter Hitze um halb 3 Uhr nachmittags Quartier in einem kleinen Dörfchen — Weiler am Turm. Das Dorf war von den schon vorher durchgezogenen Truppen fast ausgefressen. Zum Glück wurden wir von unserer Feldküche gut versorgt. Ich lag mit etwa 60 Mann in einer Scheune aus Stroh, das mit einem Wallach bedeckt war. Wir blieben dort von Mittwoch bis Sonnabend ftüh und marschierten dann, einen ganz kleinen Marsch von etwa 10 Kilometern, nach dem schönen, ziemlich großen Dorfe Itig. Dort hatte ich wieder bei einer sehr anständigen Familie ein glänzendes Quartier. Wir lagen zwar auf Stroh, hatten aber Unterdecken, Kopfkissen und Zudecken. Auch gab es außer der Feldküchenkost viel Essen und Trinkbares zu kaufen, so datz ich mir schon Eejd pumpen mutzte. Dienstag früh um 3 Uhr rückten wir los und marschierten über die Stadt Luxemburg der belgischen Grenze zu, bezogen aber noch vor der belgischen Grenze in einem Dörfchen von 30 Einwohnern Rotquartier. Wir lagen etwa 150 Mann in einer Scheune. In dieser Nacht ist mir meine Uhr mit Kette weggekommen. Wir marschierten ftühzeitig weiter und überschritten die belgische Grenze. Ich war die nächste Nacht auf Feldwache; was das ist, erzähle ich Dir. Dort waren noch die Leute deutsch und auch sehr nett, aber als wir tiefer ins Land kamen, dann waren sie recht hinterlistig und feindlich. Um die Sache kurz zu machen, wir marschierten weiter und kamen Sonnabend, den 22. August, in ein sehr hitziges Gefecht. Die Kugeln sausten um mich nur so herum und Granaten platzten in meiner nächsten Nähe, und ein Leutnant, der zwei Schritte von mir entfernt lag, wurde verwundet, doch ich kam heil davon. Unsere Kompagnie hatte nur 8 Mann tot und verwundet zusammen. Sonntag lagen wir drei Stunden noch in weit heftigerem Feuer und da bekam ich den Granatsplitter. In diesem Gefecht hat unser Bataillon sich durch ausgezeichnete Tapferkeit hervorgetan, ist aber auch wegen ungeheurer Verluste arg zusammengeschrumpft. Ich habe ziemlich genaues Tagebuch geführt und werde in Ratibor, wenn ich aus dem Kriege zurückkommen sollte, viel erzählen können. Ich hoffe bis Sonntag heil zu sein und fahre dann wieder ins Schlachtfeld. Es ist gräßlich, hier müßig zu sitzen, wenn die Kameraden schwer zu kämpfen haben. Du wirst mir wohl, liebe Mutter, schön öfters geschrieben haben. Ich habe aber bei der schlechten Feldpost bis jetzt nichts erhalten. Schicke mir bitte an die obige Adresse des Herrn Loewenstein telegraphisch 20 Mark; ich habe mir Verschiedenes zu beschaffen und habe mir schon 2 Mark von einem Einjährigen? Unteroffizier hier gepumpt. Wo befindet sich Mar? Sei unbesorgt, geliebte Mutter, um mich, daß Shuß meines seligen Vaters hilft mir, und wenn ich bis jetzt nicht gefallen bin, dann werde ich nicht mehr fallen. In einen so heftigen Kampf, wie ich am Sonntag Rr. 40 war, komme ich nicht mehr hinein. Heute abend gehe ich in Schul und werde nach langer Zeit wieder einmal Kaddisch sagen können. Ich bin glücklich, daß ich bei solch netten, frommen Juden bin. Es grüßt und küßt Dich tausendmal Dein treuer Sohn Isidor. Hilssmarkcn mit dem roten Davidschild, die schönste Zier der Feldpost-Korrespondenz, sind Bctnt Jüdischen Nationalfonds, Wien, II., Zirkusgasse 33, erhältlich. Ein Heft zu 20 Marken kostet 1 Krone zuzüglich Porto. Postsparkassakonto 100.208. Der Erlös fällt voll den staatlichen Kriegshilfszentralen (Rotes Kreuz, Kriegshifsbureau, Kriegsfürsorgeamt) zu. Oesfentliche Danksagung. Der Lemberger Gemeinderat H. Victor Chajes ersucht uns um Veröffentlichung folgender Zeilen: „Ich fühle mich verpflichtet, den: Wiener Hof- und Gerichtsadvokaten Herrn Dr. dl. B a u m ö l, der unter seinen Klienten zugunsten galizischer Flüchtlinge tausend Kronen gesammelt hat, besten Dank zu sagen'. Außerdem stellte Herr Dr. Baumöl mehrere Wohnungen unentgeltlich! zur Verfügung. Den Betrag habe ich 25 Familien aus Galizien zugeführt." Jüdische Offiziere in der Türkei. Aus Konstantinopel wird uns geschrieben: Anläßlich der jüngsten Ausmusterung in der hiesigen Militärakademie wurden auch zwei jüdische Offiziere ausgemustert. Es jtitb dies Haim Effendi Cohen aus Kirk- Klisse und Ella Effendi Barbout aus Konstantinopel. Die beiden neuernannten jüdischen Offiziere find bereits zu ihren Regimentern abgegangen. Ein Lehrstuhl für Hebräisch an der Florentiner Universität. An dem Institut für Höhere Wissenschaften in Florenz wurde, wie von dort berichtet wird, von der Regierung ein Lehrstuhl für hebräische Sprache und Literatur errichtet. Zum Professor für dieses Fach wurde Rabbiner Dr. Umberto Cassuto ernannt. „Kehre zurück — alles verziehen." Aus Zürich wird uns geschrieben: Die russische Gesandtschaft in Bern fordert sämtliche russischen Aerzte und auch die Studenten der Medizin „ohne Unterschied der Konfession", die sich in der Schweiz befinden, auf, sich sofort nach RrMand zu begeben. Es muß inr Zarenlande schon schlimm genug aussehen, wenn die Regierung sogar schon die jüdischen Studenten aus der Schweiz ruft. Erst vor kurzem hat die russische Regierung erklärt, daß sie keine jüdischen Aerzte annchmen will. Jetzt sind chr sogar die jüdischen Studenten und Studentinnen gut genug, die wegen ihrer freiheitlichen Gesinnung in die Gefängnisse wandern mußten und keine Möglichkeit hatten, im eigenen Heimatlande zu studieren. Die jüdischen Studentinnen mußten bekanntlich sich das berüchtigte „gelbe Billet" der Freudenmädchen lösen, wenn sie in Petersburg studieren wollten. Die russische Regierung weiß sehr wohl, daß die jüdischen Studenten europäische Gesinnung und freiheitliche Gedanken in das Heer hineingetragen haben, und trotzdem ruft man sie. Man nimmt daher an, daß in Rußland die sanitären Verhältnisse in elendem Zustande sich befinden müssen. Tie Behandlung der galizischen Flüchtlinge in Ungarn. Aus Budapest wird uns berichtet: Betreffs der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina, die nach Ungarn gekommen sind, hat der Minister des Innern Johann Sandor soeben eine Verordnung erlassen, in Dr. Bloch's Wochenschrift