Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-10-08 · 40 (8.10.1914) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
40 (8.10.1914)
Date
1914-10-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022130--23491-3048693
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 40 Dr. Bloch s Wochenschrift Seite 685 da sprach ein Herr zu ihnen: „Auch wir sind Juden! Nicht eure Richter sind wir, sondern eure Glaubensgenossen! Wir werden den morgigen Festtag mit euch feiern. Ihr seid jetzt frei, denn der mächtige deutsche Kaiser hat euch, begnadigt; der mächtige deutsche Kaiser läßt euch sagen, daß er nicht gegen die Juden Krieg führe, sondern gegen die Russen. Nicht ihr — die Russen sind seine Feinde, sie unterdrücken euch. Seht! Wir deutschen Juden sind frei und reich; auch ihr werdet alle frei sein und eure Brüder und Kinder, wenn einmal der deutsche Kaiser den Zaren besiegt haben wird." Die jüdischen Kriegsgefangenen weinten vor Ergriffenheit und Dankbarkeit. Bald darauf trat der Generalstabsarzt Dr. L a n d a u mit ordcnbedeckter Brust ins Zimmer. „Wißt ihr, wer dieser Herr ist?" fragte man die Juden, und im Chor riesen die Angesprochenen: „Ein großer General." „Jawohl," erwiderte der Fragesteller, „und dieser General ist auch Jude." Das wollten die armen russischen Juden schon gar nicht glauben, und erst als Dr. Landau sie in ihrem Jargon ansprach, schwanden ihre Zweifel. Am Abend ivurden sie von der Berliner israelitischen Gemeinde bewirtet und am folgenden Tage veranstaltete man für sie einen Festgottesdienst. Oberstleutnant Emanuel Krausz. Vorige Woche brachten die Tagesblätter die kurze Nachricht, daß Oberst Emanuel Krausz vom 52. Infanterieregiment auf dem serbischen Schlachtfelde den Heldentod gefunden hat. Das Leben Emanuel K raus z' ivar, wie „E g y e n l ö se g" berichtet, eine ununterbrochene Kette vor: Erfolgen, und auch die ungarische Judenschaft hat in ihm einen ihrer treuen Söhne verloren, auf deil, wie aus Nachfolgendem ersichtlich, das Judentum allen Grund hatte, stolz zu sein. Er wurde im Jahre 1864 in Bonyhad geboren, und betrat auf Wunsch seines Vaters die kaufmännische Laufbahn. Als Einjährig-Freiwilliger ließ er sich aktivieren, bestand die Offiziersprüfung mit Auszeichnung und begann seinen rascheil Emporstieg Beim 24. Jägerbataillon. Auf seiner Ofsizierstaufbahn ward ihm die besondere H ll l d S e i n e r M a j e st ü t zuteil. Als Oberleutnant ivurde er vom Kaiser mit der Signum laudis-Verdienstmedaille mit der Krone für ausgezeichnete Dienste in Galizien geschniückt. Alllüßlich eines Osfiziersballes zeichnete der Kaiser den Offizier mit einer Ansprache aus, was allgemeines Aufsehen erregte, nitb zehn Minuten lang konferierte der Monarch mit ihm, wobei er sich über seinen Dienst und seine Privatverhültnisse eingehend erkundigte. Bald hierauf avancierte Krausz zum Hauptnrann. Später als Major versah er Dienst ill der Ofner Hofburg und er erhielt eine Einladung zur Hoftasel. Major Krausz saß neben einer Erzherzogin, von welcher der geistreiche und kluge Nachbar ein vergoldetes Etui zum Geschenk erhielt. Als Major erhielt Krausz auch das Militär-Verdienstkreuz. Kurz darauf wurde er, nach bestandener Prüfung, zum Oberstleutnant befördert. Sein Regiment schwärmte für ihn uild, wie es im Beileidsschreiben seines Bataillons heißt: sie liebten und verehrten ihren Oberstleutnant bis zu seinem Tode. Krausz war von humaner, edler Gesinnung, aber vom Scheitel bis zur Sohle Soldat. Jir Offizierskreisen wurde er oft darüber interpelliert, weshalb er seinen Glauben n ich t verlass e, da er doch dann leichter avancieren könnte. Wie uns von ihm nahestehender Seite berichtet wird, antwortete der Oberstleutnant aus solche Fragen stets wie folgt: „Abgesehen von dem warmen seelischen Bande, mit welchem ich mit meiner Religion mich verknüpft fühle, würde ich es auch für äußere Vorteile nicht wert finden, auszutreten. Auch andere Offiziere sind nicht rascher avanciert; ich bin jetzt 46 Jahre alt und bin Oberstleutnant. Uebrigens habe ich die Erfahrung gemacht, daß in unserer Armee die Apostasie für die Offiziere keinerlei Vorteile hat; im Gegenteil, der Getaufte wird als Streber angesehen und seinem Vorwärtskommen würden sich aus diesem Grunde sowohl auf militärischem wie auf gesellschaftlichem Gebiete viele Hindernisse in den Weg stellen. Mir ist meine Konfession auch nicht eine Minute lang im Wege gestanden." Anläßlich der diesjährigen Mobilisierung im August ivurde er mit der Organisierung und Befehligung des 17. Landsturmregimentes betraut. In der zweiten Halste des Monates August ging er mit seinem Regiment nach Bosnien. Er besetzte mit seinen Truppen, die unter seiner Hand zu tüchtigen Soldaten geworden waren, die sechs Stunden Marschweges von Derajewo -entfernte Dugo- Höhe. Am 10. September erhielt er den Befehl, das Dorf Ljubovija, welches der Feind besetzt hielt, zu nehmen. Bei dieser Affäre fiel der heldenmütige Soldat im nächtlichen Sturm mit dem Schwert in der Hand. Seine letzten Minuten schildert in ergreifenden Worten der bekannte katholische Kirchendichter Ladislaus S z e - p c s s h, der unter ihm gekämpft hat, in einem an die Familie des Tapferen gerichteten Brief: „Er war ein Grand-Seigneur in des Wortes edelsteut Sinne, ein edler Ritter. An seinem letzten Abend lud er mich noch zum Nachtmahl, damit ich ihm meine Gedichte vorlese. . . . Das Verlöschen seiner erhabenen Seele bereitet mir unendlichen Schmerz. Sein Tod war würdig seiner Seelengröße. Wir zogen zum Sturme unterhalb des Dugo-Berges: undurchdringliche Finsternis herrschte, eine Verwirrung drohte, da ries der Oberstleutnant: „Jungens, lgebt nrir eine ungarische Fahne!" — Man reichte sie ihm. — „Vorwärts!" kommandierte Krausz, und unter der entfalteten Nationalfahne stürmte er vorwärts, an der Spitze seiner Truppen. Plötzlich wankte er. Eine Kugel hatte seine Kehle durchbohrt. Flehend bat er seine Kameraden, sie mögen ihm doch den Gnadenschuß geben, damit er nicht lange leiden müsse. Mein armer heldenmütiger Führer hatte bald ausgelitten. Man begrub ihn zwischen dem Dugo und dem Usi Glarica-Berge und bezeichnete sein Grab, damit die Pietät seiner Familie dereinst das Grab finden könne. Wenn jemand, so verdient er es in allererster Reihe. Ich beweine in ihm den reckenhaften, gewissermaßen feiertäglichen Mann, die glänzende Seele, den einem Löwen gleichen Helden, der sowohl in den Salons wie auf dem Schlachtfelde der 'erste war. . . . Ich bekränze sein Heldengrab mit Herbstblumen, das Grab des Wackeren, der jetzt ferne, ferne ruht, eingewiegt zu ewigem Schlafe durch Kanonendonner und Flintengeknatter . . ." Mit solch hinreißender Begeisterung schreibt der vorzügliche katholische Dichter von dem jüdischen Oberstleutnant. Aber auch die aus hohen Militärkreisen an die trauernde Familie gelangten zahllosen Beileidskundgebungen legen Zeugnis dafür ab, daß Oberstleutnant Krausz unser Stolz und unser Schmuck, ein großer und edler Soldat war. Der Heldentod des Leutnants Baderle. Am 12. September ist auf dem nördlichen Kriegsschauplatz der Landsturmleutnant Alfred B a d e r l e aus Straßnitz in Erfüllung seiner Soldatenpflicht gefallen. Das Bataillon des Leutnants hatte am -Abend jenes Tages die Aufgabe, einen Brückenkopf zu halten und wurde von russischer Artillerie stark beschossen. Einer feiner Leute verließ dabei die Deckung, und als ihn Leutnant B a d e r l e z u r ü ck r i ß„ um. ihn in Sicherung zu bringen und sich dabei selbst eine B l ö ß e g a b, erreichtc den jungen Offizier das totbringende Geschoß und er ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.