Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 40 (8.10.1914)
- Date
- 1914-10-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Dr. Bloch s Wochenschrift LLtte 680 Nach demselben sind alle (Ereignisse der (beschichte keül Ungefähr, sondern auf die Erfüllung des Schöp fungszweckes der Menschheit auslaufende und hiuarbeitende Kulturförderungen, bis das Ideal derselben zur Wirklichkeit herauswächst. Je gewaltiger die Faktoren auftreten, um so mächtiger müssen die Wirkungen sein, die sie herbeisühren, und so erscheint uns auch diese K r i e g s n o t w e n d i gk e i t unserer Zeit, die wir setzt durchleben, als eines der grandiosesten Werkzeuge, welches der göttliche Meister handhabt, um durch den heiß erstrittenen Lieg, den höchsten Triumph der Menschheitsideale zur Erfüllung ztl bringen — die Erlösung der Menschheit vom Kosakentum, vom Despotismus, voll der Heuchelei in der Weltpolitik, von der M e n s ch e n s ch ä lt d n n g d it r ch P o - g r o ut Heldentum! So ist der Krieg. So ist der Krieg: daß man allen seinen materiellen Besitz hingibt, Haus und Hof, Vieh und Saatgut, Kisten und Kastell mit jahrelang sorgfältig gesammeltem Leinen ulid Kleidern, kurz Geld und Gut; aber auch Leib uird Leben, Brüder und Eltern, Kinder und Enkel sowie das eigene Dasein, kurz alles, alles geht als Einsatz in den Krieg. Was man aus dieses blutigen Spieles Einlage zurückbekommt, das ist uns neu gewonnen, ein gütiges Geschenk der Vorsehung, das ivir im demütigen Danke entgegennehmen wollen. Darum ist es einfältig, die Gabe der Wohltätigkeit einschränkelt zu wollen wie im Frieden und sich zu bedenken bei der helfenden Fürsorge. Gibt man's nicht heute aus freudigem Herzen bcu Freunden, so kann es morgen der Feind nehmen, und er kann es auch dann nehmen, wenn er uns lticht naherückt, Denn wir alle stehen im Kriege, die wir ferne dem Schlachtfelde leben. Wir haben teil an den Verlusten derer, welche die Verheerung des Krieges am eigenen Besitz gespürt haben, weil ja in einem solchen Gemeinwesen, wie es das Reich ist, die Venen und Aederchen des materiellen Blutumlaufes den gattzen Körper durchziehen und die Blutung an'einer Stelle den Verlust für den ganzen Kreislauf bedeutest Und kämpfen nicht unsere Allerteuersten den harten Kampf vor dem Feinde. Was ist Geld als Gegenwert gegen das blanke Leben? Wir alle stehen im Kriege. Unsere Waffen sind materieller und moralischer Art. Einerseits Freigebigkeit, Hilfsbereitschaft, andererseits Vertrauen und Zuversicht, d. h. der Wille zum Aushalten. Und das muß in jedermanns Bewußtsein hineingehämmert iverden, daß der Krieg erst in seinem Beginne steht und daß er siegreich beendet werden wird, — wenn wir wollen. Moralische Siege haben wir Juden bereits in reichlicher Menge erfochten. Unsere Brüder unter den Waffen haben mit ihrem Blute bezeugt, daß. wir an Mut keiner Nation nachstehen; einzelnen war es vergönnt, ihre Namen in das Buch der Geschichte dieses Krieges eiuzu tragen. Die Offiziere, die von ihrer Mannschaft das Schönste und Größte erzählen, was man von Soldaten sagen kann, sie alle schließen ihre jüdische Mannschaft mit ein. Und noch ein Großes wird erzählt i Unsere Arnree findet während des ganzen Feldzuges an den Juden ein beispiellos zuverlässiges, kaisertreues uud reichstreues Element, das ihr vielfach Hilfe und Stütze bot, nw andere versagten. Nicht nur beim Einzuge in die einzelnen Orte, wo selbst das ärmste Hausiererweib stolz war, die Mannschaft mit einer kleinen Labe zu erquicken, auch nahe beim Kamps, in der Verwundung, beim Transport, allüberall hat das jüdische Element, u. zw. nicht nur in Galizien, sich bewährt. Wir hoffen nun, daß mail ill Oesterreich daran denken ivird auch nach dem Kriege. Moralisch also haben lvir Juden viel gewonnen, lvas die Hoffnung ans eine gedeihliche Zukunft rechtfertigt. Materiell allerdings leiden wir wie keine andere Natiorc in diesem Völkerstaate. Das kommt daher, daß der Krieg das Vermögen des Kaufmannes und Industriellem viel rascher uird viel gründlicher zerstört, als das der Bauern oder Grundbesitzer. Das Moratorium und der Krieg entrverten Forderungen, sperren das Geld ein, erschüttern den Kredit, verderben die Ware, kurz sie lösen alles aus, lvas das Dasein des Kaufmannes bedingt. Der Grundbesitzer jedoch ist selbst im Kampfgewühl derart geschont, daß mail zivar ein Gebäude zusanrmcnschießen, einem Acker verwüsten kann, den Grund und Boden aber kann der Sieger dem Besiegten nicht ivegtragen. Und da bei uns ja drei Viertel aller Juden Kaufleute und Industrielle oder deren "Angestellte find, so ergibt sich daraus, daß ivir schon bei Beginn des Krieges die schlversten Schäden zu tragen hatten. Im Augenblick jedoch, da eilt Teil von Galizien von unseren Truppen geräumt ivurde, flüchteten, mehrere Hunderttausend Juden aus den bedrohten Bezirken. Zuerst nahni man es ihnen übel und meinte, daff sie viel zu frühzeitig ihre Habe im Stiche ließen, aber bald genug zeigte es sich, daß sie im Rechte gewesen waren. Und mm sind sie bei uns, hilfsbedürftig, wenn auch nicht ganz hilflos. Jene, die einen Besitz zurückgelassen haben, finbcn nach und nach so viel Kredit, baß sie des Tages Notdurft stillen könneit, und für die anderen bemüht man sich zu sorgen, so gut es geht. Wenn man die öffentlichen Sammlungen kritisch durchsieht, dann findet man so viele jüdische Namen, daß man ait beit Wohltätigkeitssinn unserer Glaubens genossen gerne glaubt. Wenn man hört, wie wenig die Reichen für unsere galizischen Flüchtlinge getan haben, dann wird man irre; vielleicht wissen sie nicht, um wen es sich handelt. Nicht Luftmenschen allein sind es, denen es gleichgültig sein kann, wo sie ihren Jammer hintragen. Feingebildete Menschen, hochkultivierte Naturen, vornehme Frauen, wackere Mädchen und arbeitsgewohnte junge Männer sind aus ihren schönen Stellungen, aus ihren Lebensgewohnheiten hinausgeschleudert worden und liegen nun ans dem Pflaster, von dem aus sie Almosen nehmen sollen, die sie noch wenige Tage früher reichlich gegeben haben. Der Krieg ist das große Staatsexamen. Die tüchtigen Völker bestehen es glänzend, die untüchtigen fallen durch. Die Juden, die seit Jahrtausenden durch alle Drangsal, durch alle Leiden gegangen sind, deren Menschen sich erinnern können, sie müssen auch jetzt tapfer aushalten und sich der großen Zeit würdig erweisen. Genug, daß mau an allen Stellen von ihren Leiden weiß; es soll so wenig als möglich darüber gesprochen werden. Genug, daß manches versäumt wurde, was großen Schaden Hütte verhindern können; es wäre nicht klug, heute daran zu erinnern und die Stimmung zu verbittern. An maßgebender Stelle weiß man alles und ivird hoffentlich nichts vergessen. Man hüte sich auch vor Anklagen, die man nicht beweisen kann, und erzähle gar nichts weiter, was man nicht selbst gesehen und erlebt hat. Noch jeder Staat hat vom Kriege gelernt, ganz gleich, ob er verlustbringend oder siegreich gewesen ist: und wir werden siegen, weil in unserer Armee alle Nationalitäten miteinander wetteifern und um die Palme der Allermutigsten und Tapfersten ringen. Wir werden siegen, iveil die Offiziere ihre Mannschaft lieben und die Manu schuft ihre Führer vergöttert. Und wenn in diesem Staate eine Nation ist, die diesen Sieg ans dem tiefsten Innern ihrer Empfindung erfleht, ihr ganzes Sein, ihr Hab