Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 40 (8.10.1914)
- Date
- 1914-10-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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ScUe 682 Dr. Bloch'S Wochkuschnst Nl 40 schiedenen Katastropcheil, durch ludcljc die Zahl der Menschheil von Zeit zu Zeit verringert wird, als die Aderlässe derselben gekennzeichnet. sollte es nun wirklich so sein, daß nur voll Zeit zn Zeit eintretende Katastrophen die Menschheit vor der drohenden Ucbersülkung bewahren, daß sie lvie eine vorher bestimmte Einrichtung der Schöpfung erscheinen!? Nein! Gewiß nicht! Unsere Propheteil haben sich hievon ein anderes Zukunstsbild dargestellt. Es wird die zunehmende Kultur Raum schassen, werm die Menschheit sich auch noch so sehr vermehrt. Kultur ist ja in ihren Wirkungen unbegrenzt, und was diese an Segen und Lebensfähigkeit, an Raum und Bewegungsmüglichkeit zu schaffen vermag, das läßt sich ilicht ausdenken. Das lehrt uns die Zeit der Entdeckungeil und Erfindungen, in der wir leben, in der es versucht wird, Kvmmunikarioilen in den Lüften herzustellen, und aus den chemischen Bestandteileil derselben sogar* Brod ulld Lcbenselixier zu schaffen. Der Prophet Jesaias, der sich unter allen anderen besonders begeistert in dem Weltsriedensgedailkeil sonnt, bezeichnet als Borlänfer desselben, daß in der Wüste Wege gebahnt sein werden und in der Steppe Straßen erstehen; Täler erheben sich, Berge und Hügel fciifen sich; krumme Stellen werden gerade, steile Höhen zu Ebeileil. An anderer Stelle schwelgt er in dem Zukunftsbilde, lvie die Wohnsitze sich ausdehnen, nach rechts und links sich verbreiterll und wüste Stätten sich füllen. Nicht durch sieghafte Schlachten soll Raum geschaffen iverden, sondern durch zunehmende Kultur sollen Wüsterreien aufblühen. So lange es jedoch Tyrannelcherrschaft gibt, die mit chrenl Barbarentum zur Weltknechtung drängt, muß der Kulturwelt in der Bekämpfung derselben erst sieghaft, selbst unter den größten Opfern, der Weg gebahnt, die Zukunft gesichert werden. Daher kommt es, daß es den friedlichen Weisen des Judentums stets als Vorläufer einstiger vollkommener Erlösung vorschwebte, es müßten erst die sogenannten „Ch e b l e i,Mo schia ch" dieser heißersehnten Zeit vorangehen. Als „Zeiten unsagbarer Leiden" werden sie von ihnen vorausgeschaut, denen als logische Konsequenz die Zeit der Erlösung der Menschheit folgt und die, in unsere Anschauungsweise und Ausdrucksform übertragen, die K r i e g s n o l w e n d i g k e i t e n begründen, die einer einzutretenden unangefochtenen Kulturwelt der Menschheit vorangehcn. Immer und immer wieder, wenn große, erschütternde katastrophale Ereignisse die Welt einer Umbildung näher brachten, schwebten dieselben dem jüdischen Geiste, als die der Erlösung vorangehenden Leidenszciten vor. Sie gingen nur scheinbar nicht in Erfüllung und die nachfolgenden Generationen haben sie damr als eine Enttäuschung, als eine Irreführung des Welterlösungsgedankens angesehen. In Wirklichkeit ist durch dieselben die Menschheit immer ein Stück Weges weiter zur Welterlösung gebracht worden. Die göttliche Borsehung rechnet mit Generationen, mit Jahrhunderten und Jahrtausenden, mit ganzen Welten, mit der Ewigkeit. Wir können sie nicht mit unseren menschlichen Gedanken messen, die mit dem Augenblickserfolg rechnen, mit der vorübereilenden Gegenwart. „Denn nur^ch weiß die Ratschlüsse, die ich in betreff eurer fasse, spricht der Herr, Ratschlüsse des Heiles und nicht zum Unglücke, um euch eine glückliche Zukunft und Festigkeit zu geben." Wenn der Mensch die Gottesgedanken fassen, denken könnte, wäre er selbst ein Gott. Und daß dieser Ausspruch des Propheten Jeremias von der Erlösungszeit spricht, haben unsere Weisen durch folgendes hiezu angeftchrte Bild aus denl Patriarchenlebeu gegeben; es ist ein Ausschnitt aus der traurigsteil Zeit desselben, in ivetcheul es schien, als sei es mm für alle Zeiten aufgelöst, und gerade diese führen sie tiefdurchdacht als deil Beginn, als den Urquell der kommenden Erlösung aus. Es ivar irach dem Verläufe des Lieblingssohnes Jakobs durch seine Brüder. Der greise Patriarch war in einer unsagbareil Trauer gehüllt; Josef in der Trauer der unabsehbaren Sklaverei; Rüben in der der Reue, ihil ilicht gerettet zu haben; Juda verließ sogar das Elternhaus, ilm sich in der Freinde eines zu gründeil. Hoffilungstos sah es in denl Patriarchenheim aus. Jedoch, Er, der Ewige, hatte eben diese von Verzweiflung erfüllte Zeit bestimmt, aus derselben das Licht des gesalbteil Erlösers für die ferne Zukunft vorzubereiten. (Mid. r. I, 88.) Wie blilld sind wir oft gegen dne Erscheinungen des Lebens. Wir sehen Tod und Vernichtung, uttb es ist Leben und Erblühen; wir sehen Unglück und Mißgeschick, Ulld sieh, nach einer Zeit entstehen aus denselben Freude und Jubel. Die Welt, sie gleicht einer großen Werkstätte. Es rollen die Räder, es kreischen die Kolbeil, es erdröhnen die Hämmer, es! knirschen die Riemen, es knistern die Flammen, und wir wähnen Werke der Zerstörllng vor uns zu seheil. Hier zerschneidet die Säge einen herrlicheil Baumstamm, dort zerschmilzt das Feuer eilt kostbares Metall; da feilt ein harter Stahl den gtängenben Diamanten, dort schneidet ein scharfer Meißel in felsenharteil Granit, und doch, ivenn ivir nur geduldig abwarteil, wie wird unser Auge plötzlich überrascht, anstatt der Zerstörung ein herrliches Werk vollendet erstehell zu sehen. Die Stiche und Schläge, das Sengen und Brennen, die Schnitte und Brüche der arbeitenden Maschinen, sie waren nur wohlausgedachte, vorausberechnete Vorarbeiten des klug berechnenden und ordnenden Meisters. So seheil wir im Leben Träilen fließen, ivir hören Jammertöne des Unglückes, Wehgeschrei des Mißgeschickes; Blut strömt, Herzeil brechen, Tod erstarrt. Hier zerstöreil Feuergarben schwer erworbenen Besitz, dort bedecken rauschende Fluten Gut und Leben; verzweifelt steheil die Menschen da ulld beurteilen die Ereignisse als Werke der Vernichtung; jedoch es gilt auszuharren und sie zu erkennen, daß eine ewige Meisterhand alles leitet; aus Finsternis entsteht Licht, aus Verderben Segen, aus Tod keimt neues Leben. Wenil wir noch so viele in Sack und Asche trauern sehen; ivenn sich Bäche von Tränen ergießen, Wolken von Seufzeril erheben uud den Horizont verduiikeln, sie bilden alle nur einzelne Ringe an der gesamteil großeil Kette der Menschheitsgeschichte, die beit Sonnenglanz der kommenden Ereignisse vorbereitet. Die Erde mit ihren Bewohnern, die Länder mit ihren Völkern, die Staaten mit ihren Bürgern, die Nationen mit ihren Angehörigen, die Familien mit ihren Mitgliedern, sie bilden alle die einzelilen Teile einer großen, für das beschränkte menschliche Auge unübersehbaren Werkstätte des ewigen, göttlichen, nie raftenbeit Meisters. ' Lessing, der große Dichter, der zugleich ein großer Denker war, hat an die Spitze seines Lehrgedichtes „Die Religioil" den einleitenden Satz aufgestellt: „Der Mensch? Wo ist er her? Zu schlecht für einen Gott, zu gut für's Ungefähr." Was er hier vom Menschen, als einem Einzelwesen, fragend ausgesprochen, um im ausführlichen Gedanken über die Berechtigung der Religion sich auszusprechen, das hat er in gleicher, adäquater Gedankeurichtullg auf die Geschichtsphilosophie übertragen und in dem Gesänge „Die Erziehilllg des Menscheugeschlechtes" kunstvoll ausgeführt.