Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 39 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 678 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 39 wieder Bier, Zigarren und allerlei Dinge, die ein Heidengeld verschlingen, das wichtigerer Kriegsfürsorge entzogen wird. In Mödling wiederholt sich dasselbe. Ich habe viele Soldaten gesehen, die nicht mehr trinken konnten und nicht wußten, wo sie all die Zigarren und Zigaretten unterbringen. Wo ist die Logik? Inter anna gibt es eben keine. Die arAnineuta logica ruhen aber leider gar oft auch in Friedenszeiten. Unser ganzes Erziehungssystem wird nicht von der Logik geleitet. Es ist falsch, nicht der Krieg ist die Ursache alles Elends, aller Fchler und Gebrechen, die in der Nkenschheit zutage treten -- gar oft liegt die Ursache gar nicht im Zusammenhang mit dem Krieg —, Fehler in der Erziehung. Mangel an Ehrlichkeit im Streben nach Idealen. — Solche Defekte treten in Erscheinung, wenn Not und Elend das Jndeutaghineinleben ablösen. Um nur zum besseren Verständnis, was ich mit diesen Bemerkungen verfolge, eines herauszustreicheu, will ich auf folgende Zustände, die jeder beobachten kann, verweisen. Ein Tag nach der Kriegserklärung und alles ist kopflos — Angestellte fürchten Entlassung, Kündigung oder Reduktion ihrer Bezüge — sie sind ratlos. Woher das Notwendigste nehmen für Frau und Kinder, da man ja an eine solche Zeit nie gedacht und keine Reserve — keine Ersparnisse besitzt. Man hat gelebt ohne Logik, d. h. ohne zu denken: Was machen wir, wenn schlechte Zeiten kommen sollten. Ein Angestellter mit einem monatlichen Einkommen von 300 Kronen und wieder ein anderer mit einem solchen von 200 Kronen und ein anderer mit 400—500 Kronen — sie alle haben, was sie eingenommen, auch wieder verausgabt für die Wohnung, für den Magen, für Putz und Tand. Sie konnten dem X doch unmöglich im Auftreten uachstehen, sie wären das ihrer Stellung schuldig usw., wie all die Beruhigungsphrasen lauten, mit welchen man sein Gewissen zu beschwichtigen sucht. Wer aber logisch denkt — Logik deckt sich mit Ehrlichkeit, Treue, Wahrheit und anderen Dingen, die der Menschheit uottun—, der lege seinen Fonds au für alle Fälle — welche Zeiten auch kommen mögen: Hast du ein Einkommen von 300 Kronen, dann teile deine Bedürfnisse so ein, daß du mit 200 bis 250 Kronen dein Auslangen findest. In jedem Falle: wie groß oder wie klein deine Einnahmen sein mögen, du mußt für die Not eine Reserve haben. Die Pädagogik hat deshalb ihre unabänderlichen Gesetze. Die Grundprinzipien der Erziehung müssen z. B. bei einem Kinde reicher Leute genau so beachtet werden wie bei Arbeiterkindern. So wie Tugend, Wahrheitsliebe, Gerechtigkeit nicht verschieden zugeschnitten werden können — gilt dasselbe auch von der Mäßigkeit im Genießen. Hättest du zur Zeit gespart, wärst du bescheiden, mäßig in deinen Bedürfnissen gewesen, du würdest heute nicht verzagen müssen, wenigstens nicht gleich in den ersten Tagen, wegen der schlimmen Zeit, die dir bevorsteht. Ein anderer wieder war faul, hat Jahr um Jahr verstreichen lassen, um sich für schlechte Zeiten zu befestigen, plötzlich kommt der Feind und wirft ihn über den Haufen. Ja, der Krieg! Nein, sage ich, nicht der Krieg — deine Sorglosigkeit, deine Faulheit, deine Sucht, mehr sein zu wollen — es anderen gleich zu tun, ist schuld daran, daß du heute beim ersten Ansturm deinen Kopf verlierst und gleich verarmt bist. So tritt der Mangel an Logik in diesen ernsten Tagen deutlicher hervor. Dem scharfen Auge des psychologischen Beobachters entgehen all die feinen Risse und Sprünge nicht, die jetzt sich jedem Auge darbieteu. Die geputzten Frauen sind ja eigentlich nicht gefühllos, wenn sie es über sich bringen, jetzt, in so schwerer Zeit, mit manicure und pedicure, mit Puder und Schminke die Zeit zu vergeuden, wo unsere Männer im Felde stehen, ungezähltemale auf allen Seiten vom Tode bedroht — sie haben wohl keine Zeit, in den Spiegel zu schauen, um ihr verwildertes, von Schreck und Grauen entstelltes Angesicht zu erblicken und hunderttausende Arbeitsloser zu den Ausspeiselokalen drängen, um ihren nagenden Hunger zu stillen. Als ich am Sonntag von der Ausspeisung im Volksheim, wo ich mehrere Kinder barfuß sah — es war kalt und regnerisch —, in die Stadt zurückkehrte, da fand ich ein gar buntes Treiben und Flirten am Ring — Halbschuhe mit durchlöcherten Strümpfen in allen Farbenzusammenstellungen. Da dachte ich an die nackten kleinen Füße im Volksheim und an die Gier, mit welcher Erwachsene und Kleine ihr Sonntagsmenü: Kraut mit ein wenig Geselchtem, herunterstürzten, Es muß aber nicht Rohheit sein, wenn die Menschen — insbesondere die Damen — Aerger erregenden Putz treiben — es muß nicht gerade herzlos sein — aber taktlos, aus maßloser, unfaßbarer Dummheit resultierend. Jetzt kommt die ethische Seite, die Frage nicht in Betracht, ob's der oder die Betreffende auch kann. Lassen wir den point d'lionneur, untersuchen wir nicht weiter — jeder sei zurückhaltend und bescheiden in seinem Auftreten, lasse nicht den Körper die Oberhand gewinnen über seinen Geist. Wenn die Männer draußen ihr Leben zu Markte tragen und in ihren Entbehrungen auf so vieles, was uns unentbehrlich erscheint, verzichten mußten, dann ist es wahrlich für uns im Lande Gebliebenen höchstes Gebot, die ernste und feierliche Stimmung innerlich und äußerlich nicht zu entweihen. Vernunft ist jetzt am Platz mehr denn je. Ja, helfe ich denn damit den armen Verwundeten oder den Arbeitslosen, wenn ich mich einfacher kleide? sagte mir eine Dame. Und so sprechen gar viele, denn die Dummheit hat ein großes Gefolge — sie ist auch in Friedenszeitcn mobilisiert und verfügt über starke Kontingente. Gegen die Dummheit kämpfen selbst Götter vergebens. Wir Menschcn müssen sie bekämpfen. Wir müssen die Kampfesstimmung ausnützeu, und der nicht im Felde steht gegen den äußeren Feind, der Gelle seinen Mann gegen den inneren — die Dummheit. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Sehr geehrte Redaktion! Hierdurch gestatte ich mir, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, daß sich kürzlich^ in Berlin unter meinem Vorsitz ein Komitee gebildet hat, welches den Zweck verfolgt, die deutsche Öffentlichkeit über die Lage der Juden in West- und Südrußland aufzuklären und gleichzeitig die Kunde von dem siegreichen Vordringen der deutschen Armeen in den von Juden bewohnten Gebieten Rußlands zu verbreiten. Die Juden Rußlands, dieses von der Regierung des Zaren so grausam unterdrückte und verfolgte Element, dürften für die künftige Gestaltung Osteuropas von hervorragender Bedeutung 'werden, und. es liegt gerade im deutschen Interesse, dieses Volkselemcnt zu befreien und einer gesunden Entwicklung entgegenzusühren. Die osteuropäische Judenheit ist durch ihre Sprache sowie durch alte Kultur- und Wirtschaftsbeziehungen mit dem Deutschtum verbunden. Sie wird bei geeigneter Behandlung ein wichtiger Stützpunkt des deutschen Einflusses im Osten werden, und es liegt daher auch im deutschen Interesse, daß sie aus ihrer gegenwärtigen unerträglichen Lage befreit werde. Hierzu ist die Aufklärung der öffentlichen Meinung Deutschlands über die Lage und die erforderliche Neugestaltung der Verhältnisse in den von Juden bewohnten Teilen Rußlands eine notwendige Vorbedingung. Gleichzeitig ist es erforderlich, die Wahrheit über die deutschen Siege unter der jüdischen Bevölkerung des Ostens zu verbreiten und ihnen die Kunde zu bringen, daß die Heere Deutschlands und Oesterreichs den geknechteten Völkern Rußlands die Freiheit bringen werden. Die deutsche und die österreichischr Heeresleitung haben bekanntlich bereits Aufrufe an die jüdische Bevölkerung Polens in hebräischer und jüdischer Sprache verbreitet, in welchen den Juden Freiheit und Gleichberechtigung verheißen wird. Der Unterzeichnete wird sich gestatten, Ihnen von Zeit zu Zeit kurze Mitteilungen über die Lage der Juden in Rußland zu übersenden, und bittet Sie ergebenst, diese Mitteilungen Ihrem Leserkreise zur Kenntnis zu bringen. Berlin W., den 17. September 1914 Behrenstraße 7. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. Franz Oppenheimer.