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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-28 · 39 (28.9.1914) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
39 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Lette 677 Den Eintagsfliegen, welche also das Maskir am Jom Kippur besuchen, aber sonst ihre gewöhnliche Tageseinteilung einhalten, im Essen, Trinken und Rauchen sich keine Beschränkung auferlegen — gehören zu jenen Gläubigen, die ihre Religion — ober wie sie auch manchmal zu sagen pflegen — ihren Gott int Herzen haben — (int Kopf wahrlich nicht). — Nachdem sie durch eine stimmungsvolle Requiempredigt erbaut wurden, sagen sie ihr Maskir und gehen fort. Es gibt aber auch viele, die dreimal des I ihres im Tempel ihre Andacht verrichten, am Jom Kippur das Fasten strenge beobachten — aber sonst nur noch — wenn sie keine Eltern haben — an den Jahrzeitlagen in den Tempel kommen — und wieder andere, welche auch die Megilla und Ejcho im Tempel hören und am Simchat-Thora ihre Kinder dahin führen, wenn sie nicht sonst noch ein Zufall — eine Trauung — in den Tempel bringt. Dann solche — die auch an den übrigen Festtagen kommen und endlich die kleinste Gruppe der Tempelbesucher, die jeden »Samstag erscheint. Sie sind aber sehr anspruchsvoll — sie wollen erbaut werden — besonders vom Rosch Chodesch- Benschen — sie wollen erbaut und gerührt werden. Prediger und Kantor müssen ihre höchsten Leistungen bieten. Dann erzählt der erbaute Besucher am Nachmittag seinen Freunden im Kaffeehaus beim Kartenspiel, wie schön heute das Rosch- Chodefch-Benschen ausgefallen sei, wie ergreifend der Doktor gesprochen habe, Kantor und Chor hätten noch nie so glänzend funktioniert. Sie müssen, lieber Freund, nächstens auch hingehen in diese Synagoge — nicht in die ^-Synagoge, dort haben Sie gar nichts davon. Gut, antwortet der Freund, ich höre mir einmal die Geschichte au — er streicht das nächste Neumond-Benschen in seinem Taschenkalender an und findet sich pünktlich an jenem Sabbat dort Gt. — Als er den Tempel verläßt, gelobt er, sich nie wieder verführen zu lassen, denn seine Enttäuschung war groß — der Prediger war dienstlich verhindert, der Kantor heiser und sein Stellvertreter hat den Jelii Rozaun gründlich verpfuscht. Ein anderes Modell, streng nach der Natur gezeichnet! Ein Mann, der den Sabbat öffentlich entweiht, dessen Haus nicht mehr religiös geführt wird, besucht jeden Samstag den Tempel. Er klagt über Mangel au Weihe beim Gottesdieust und sieht sich aus diesem Anlaß genötigt, mit der Elektrischen in die benachbarte Gemeinde zum Rosch Chodesch-Benschen zu fahren. Dort, erzählt er mir, weine er sich gut aus — er glaube auch, daß das Verbot des Fahrens am Samstag da keine Kraft habe. (Eine neue Richtlmie.) Nachdem er sich ausgeweint, fährt er, erbaut durch ahawoth, tora wejiras scliomajim mit der Elektrischen wieder zurück in sein Büro. Oder folgende Skizze: Ein Mann, Abkömmling gelehrter Männer, ist auf gewisse Ritualien „versessen". Daß er am Samstag und Jomtob keine Tefillin legen darf, schmerzt ihn — denn bte Phylakterien sind für ihn das höchste Symbol — er trägt sie immer bei sich. Aber in solch verschwindender Kleinheit, daß man den Sofer bewandern muß, der diese Parschijoth geschrieben. Die Sabbatgesetze hält er nicht, aber bei Kiddusch und Habdalah darf kein Mitglied seines Hauses fehlen — er will doch seinen Jungens und Mädels ein gutes Beispiel geben. Es hat nichts genützt. Seine Jungens sind heute in hohen Stellungen, sie wissen nichts von Tefillin, Kiddusch und Habdalah — nur noch Kaddisch und Maskir. So habe ich noch eine Menge vollgezeichneter Blätter in meinem Skizzenbuche. Es ließen sich noch viele Grupp nt zusammenstellen, die Sekten der Klopfer» der Schüttler und der Rüttler. Pietas groß ist deine Macht! Die größte Macht besitzt die pietas erga parentes. Ihr sind die meisten Menschen unterworfen. Kindliche Liebe und Ergebenheit,- Anhänglichkeit — die Erinnerung an Vater und Mutter — an das Elternhaus, an die goldene Jugendzeit, an das Leben und Treiben in der kleinen Gemeinde, der man entstammt, die Erinnerung au die ganze Zeit, das Gefühl oer Zugehörigkeit zu eimu Richtung — sie veranlassen den Menschen, gedankenlos Handlungen zu verrichten und Gebräuche zu beobachten, die mit ihrem ganzen Leben, mit all ihrem Tun und Lassen im Widerspruche sind. Die Logik, zu deutsch Vernunft, ist ganz ausgeschaltet. Und daher tun so viele Menschen manches, was sie sicherlich nach reiflicher Ueberlegung und philosophischer Erwägung nie tun würden. So wie wir den sparsamsten Menschen plötzlich bei Verschwendung ertappen, den Verschwender knausern sehen, den Hartherzigen mild und weich, den Mutigen feige oder den Feigen herausfordernd — es gibt dafür nur eine Erklärung: Menschen mit menschlicher Handlungsweise. Wie könnte man sich's anders erklären, daß zum Beispiel jemand das Jahr hindurch kein Gesetz der jüdischen Religion beobachtet, sich über das Heiligste kühn hinwegsetzt — ja auch tthqch verkommen — aber an den beiden Neujahrstagen sowie am Versöhuungstage wäre der Mann nicht in einen modernen Tempel zu bringen — er will unverfälscht altes Judentum an diesen drei Tagen, betet unaufhörlich, läßt kein Wort des Pijut weg. ersucht um eine Alijah und spendet reichlich für die Armen. Er trägt an diesen Tagen die Tracht, Kittel und Haube, den Tallis über den Kopf gezogen, wie es die Orthodoxen tun und wie es in seiner Heimat, in der altehrwürdigen Gemeinde, gewesen und noch ist. Da fällt mir eine Geschichte ein, die sich in einem Budapester Gefangenhaus zugetragen haben soll» Ein jüdischer Gefangener lehnt es ab, den im Strafhause am Sabbat statt findenden Gottesdienst zu besuchen, mit der Begründung, daß er das Anhöreu einer Exhorte in ungarischer Sprache mit seiner religiösen Anschauung nicht vereinbaren könne. Der Rabbiner ließ den Gefangenen vorführen und erkundigte sich um die Ursache seiner Internierung. — Er habe Wechsel gefälscht. Nun fragte der Rabbiner, in welcher Sprache die Wechsel ausgt stellt waren. — Ungarisch, antwortete der Gefangene. Nun dann dürfen sie auch eine ungarische Predigt hören. Der Stampiglienfälscher mit dem großen Tefillim — eine köstliche Figur, reich an Schlechtigkeit und Dummheit — oder die Kinder, die zur Reifezeit in die Weingärten schleichen, sich dort gütlich tun, während ein Kamerad auf Wache steht und Tehillim sagt, um das Ertapptwerden zn verhüten — das ist das Unfaßbare — wir begegnen ihm aber im täglichen Leben in mehr oder weniger starkem Kolorit. Da habe ich ein Buch mit Skizzen aus dem Leben — Sittenbilder -- z. B. die fein und hochmodern gekleidete und reichgeschmückte Frau, ihr gegenüber eine arme Slovakin mit dem Kinde auf dem Rücken und vor sich in einem Korb ihr Hab und Gut an Aepfeln oder Karfiol. — Die Dame glückstrahlend, daß sie den verlangten Preis um einige Heller herunterbringen konnte. Wenige Minuten später öffnet sie ihr Krokodil-Portemonnaie, um einem Bettler den dreifachen Betrag ihrer Einkaufsersparuiffe zu geben! Uebrigens ich habe Skizzen allerjüngsten Datums, aktuelle! Die Zeiten sind ernst, man muß sich einer der vielen Arten von Kriegsfürsorge widmen — ernste, böseZeiten! Das Fräulein wird entlassen, um denHaushalt zu entlasten. Die Hausfrau legt eine Binde um ihren Arm und wird Labedame (nicht Lebedame?). Sie hat Bahnhofdienst in sehr guter Gesellschaft und versieht ihren Dienst mit größter Pünktlichkeit, fährt täglich schon um 8 Uhr früh zu dem weit entlegenen Bahnhof, natürlich nicht mit leeren Händen. Sie bringt jedesmal Zigarren. Zigaretten, Backwerk u. a. mit, beschenkt auch die abziehenden Krieger mit kleinen Beträgen, die, zusammengezählt, für die Erhaltung mehrerer Fräulein hinreichend wären. Oder folgende Beobachtung: Die Labekomitees haben gar keine Verbindung miteinander — daher kommt es, daß die Soldaten auf ihrem Wege von, sagen wir. Innsbruck bis Wien x mal bewirtet werden und jeder schon nach kurzer Zeit sein Räuschlein hat. Sie werden z. B. in Vöslau fetiert, 7 Minuten später erhalten sie von den Badner Labedamen

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