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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-28 · 39 (28.9.1914) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
39 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Leite 676 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 39 jüdischen Belhäuseru gesungen,- und doch lauscht keiner von euch seinen herzzerreißenden Limen und seinen noch traurigeren Worten. Und wenn ihr tauscht, so versteht ihrsie nicht. Bietleicht wirkt die Melodie in ihrer Waisentraurigkeit ein wenig auf euch, aber die Worte sind Engelssprache, „harter piut“ für euch, und ihr staunet, wie solche Melodie zu solchen Worten kommt. Ihr staunet, weit ihr es nicht begreifet. Gesättigt kommt ihr, in Feiertagskleidern. sMit feiertäglichen Seelen stellt ihr euch hin, um das Kol nidief-Geseusze des alten „Chosen" zu hören, und seid zufrieden. Habt alle eure Schuldigkeit getan. Habt euch so und so viele „Osebamnus- und ..Wal cliatoinns" an die Brust geschlagen. In festlicher Stimmung geht ihr zu Kol uidrej. Was Wunder, daß ihr es nicht versteht. Erst „Mi jicbje umi joiirns”, „Mi jeoschir unu jeoni“ rührt euch. Da weint chr und klagt ihr. Aber Kol nidrej! Mag die Rielodie in Trauer und Harmonie zerfließen, euer Herz bleibt unbewegt. Die Melodie tveint bittere, erstickte Tränen. In abgehackten, winselnden Tönen gurgelt sie aus der Tiefe hervor und geht in ein jammervolles schreien über. Es ist das alte chafonifche Weinen ohne Zähne und stimme, mit viel schluchzen und viel Herz. Es ist der alte Gesang mit wenig Körper und viel Seele, der verzärtelte, mitleidflehende. Der „Chafon" weint und es wird chm leichter ums Herz, seid ihr taub? Ditidarno udisclitabuauo . . . Hört doch, horcht doch, ihr taube, gebrochene, ausgetrocknete Herzen! Vielleicht rührt sich doch ein Lebenspuls in euch. Vielleicht ahnt ihr doch die Bitterkeit euerer Lage, ivul n dich. Alle Gelübde, die wir ablegten, alle schwüre, die wir taten, alle Verzichte, die wir auf uns nahmen — alle find null und nichtig. Die Gelübde find keine Gelübde, die schwüre keine schwüre mehr, als wären sie niemals über unsere Lippen gekommen. Seid ihr taub? Junge, gesunde Menschen, denen die Welt offen steht, denen die ganze Welt gehört, für die alles zu klein, zu schwach ist, deren lebendige Kräfte sie zu Taten und Plänen treiben — nehmen Gelübde, schwüre und Verzichte auf sich — ohne Ueberlegung, weil sie ihrer Sache sicher sind, weil keine Zeit zum Ueberlegen ist. Die Jugend läßt sich nicht abhalten, sie will davon nichts wissen. Und plötzlich versammeln sich dieselben jungen Leute im Gotteshause und rufen ohne Scham in die Welt hinaus: „D’indarno ud'isclitabaano lo nidre w'lo scliwuos“, „Was wir gelobten und schwuren, sind keine Gelübde und Schwüre". Alle unsere Träume sind zu Ende, all unser Streben und Denken aufgehoben, alles, alles „lo nidrei w’lo scliwuo.s . Denn gestorben find mir, ehe wir noch geboren wurden, unstete Seelen find wir mit einem Willen ohne Kraft zur Ausführung. Voll Lichter ist das Bethaus, aber daS sind keine Feiertags-, sondern Seelenlichter für jene irren Seelen, die gekommen sind, um vor aller Welt zu bekennen, daß sie Tote unter den Lebenden sind. Friedhofsstille ist im Bethause, Düsterheit und Seufzerstimmung, eine Ruhe voll Erwartung, und plötzlich hört man die Stimme des alten Row: „Ad daas hamokora w’al daas liak diol oim maiirim l’hispalel im awarjunim.-4 Beten kann man mit ihnen, aber leben nicht. Denn sie haben mit dem Leben abgerechnet. Und die Sänger helfen dem alten „Chason", die Kol uidrej-Melodie drechseln. Das Gotteshaus ist voll Menschen. Auch Fremde sind da, der „Poritz" (Gutsherr), die Honorationen, die gekommen sind, um die Juden in ihren Kitteln zu sehen und sie „Kol uidrej“ singen zu hören. „Dindarno ud’ischtabaano" . . . Der alte Chason und der junge Sopran winden und verirren sich zu den höchsten Tönen herauf, und ich sehe die einzelnen Kittelträger vor mir, die bei ihren Lebzeiten selbst ihr Leelenlicht anzündeten, die „Kolnidrej als Totenlied fingen. Bei ,.L<> nidi ejtA fällt der ganze Chor ein, und in Sek-undenintervallen senkt sich der Sang tief hinab, um noch vor dem Erlöschen in eine Quinte auszuklingen. Vor meinem Auge wird das Bild größer, deutlicher, schwärzer. ... Nicht nur die einzelnen, das ganze jüdische Volk zündet sich selbst sein seelenlicht an, das ganze jüdische Volk befreit sich von seinen Gelübden und Schwüren, steht und singt ,.Kol nidrej" vor der ganzen Welt und schämt sich nicht, einzubekennen, daß es^öhne Kraft und Leben ist, daß seine Hoffnungen und träume verrauscht sind, weit es ein Toter ist. Alte (Gelübde, neue Schwüre finden nur auf jeder Seite unserer dickbändigen Golusgeschichte. Aber noch ist das Echo von den Gelübden und Schwüren nicht verklungen, und schon zieht man die Kittel, zündet Seelenlichter an und singt ,.Kol nidiej44. Gurgelt mit Kraft und Vergnügen, wiegt sich bei .. D’indarno udischtabaano'4 und hält mit Andacht die Kadenz auf „Lo nidrei“. Und ein zweites Mal singt der alte Chason , lüd nidH um einen halben Ton höher. In sein Weinen um alle Kittelträger mischen sich Seufzer um den großen Toten, um das ganze jüdische Volk, das sich jetzt von seinen Gelübden losspricht. . . . Der alte Chason beginnt nun das dritte Mal und will wieder um einen halben Ton höher hinauf. Er singt mit gebrochener Stimme, es ist ein Gesang aus Seufzern und Wimmern. Er dünkt mir zu klein und zu schwach, um die Trauer auszudrücken, die im ,.Kol nidrei" liegt, und ich fliehe aus dem Bechause. Nur Baßgeigen nnit ihrem iiefen Brummen könnten vielleicht das jüdisch-nationale Begräbnislied, das „Kol uidrej“ heißt, zum Ausdruck bringen. I. A. L o u b e tz k v. Ker Krieg. (4. Fortsetzung.) Die größte Gruppe bilden jene Glaubensgenossen, welche nur einmal im Jahr einen Tempel aufsuchen — am Jom Kippur — mit verschiedenen Schattierungen. Es gibt solche, die keinen Sitzplatz gekauft haben, auch nicht fasten, bloß zum Maskir kommen. Was in diesen armen Hirnen sich abspielt, entzieht sich meinem Verständnis. Warum müssen die Leute in den Tempel gehen oder fahren? Gilt doch das Wort ybti KHK DK TlDtK Dip» Gewiß auch für das Maskir. — Askir — Maskir! Vielleicht ließe es sich in erster. Linie auf das Maskir so auslegen? Mein guter Vater b‘"\ war allerdings dieser Ansicht. Ich erinnere mich an die Schaaloh eines jungen Militärarztes, der in der Rennwegkaserne in Wien seinen Dienst hatte und meinen Vater y, um Angabe der Stunde des Maskir bat. Die Antwort lautete: — bleiben Sie ruhig in der Kaserne, auch wenn Sie dienstfrei sind. Der Mann ist heute praktischer Arzt in Wien, getauft und dessen Kinder sind Judenfeinde. Das Maskir ITlTTO zu gestatten, kann aber von der Reform nicht ausgehen. Das wäre eine Richtlinie, die sie ins Herz trifft. Es würde damit der ganze Festtagsnimbus fallen. Des Malers schönstes Bild, Des Dichters schönstes Wort, Zergliedcr's und zerleg's, Es ist der Zauber fort. Auch das Maskir darf nicht zergliedert werden, sonst ist sein Zauber fort. Es darf daher nicht dem Einzelnen überlassen bleiben. Das Maskir muß mit großer Entfaltung von Andacht und Weihe in Szene gesetzt werden. Auf das mis en scene verstehen sich die Herren Reformatoren ausgezeichnet.

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