Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 39 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 67t wohl zu keinem Kriegsdienste verpflichtet, hat jedoch nach Ausbruch des Krieges seine schöne Stellung ausgegeben und seine Dienste der Kriegsleitung angeboten. Diese wurden gerne angenommen und Kaldor wurde als Dolmetsch mit dem Range eines Hauptmamles dein Generalstabe zugeteilt. Dieser Dolmetsch des Generalstabes ist auch Besitzer des Franz Josef-Ordens. Diese Auszeichnung hat sich Kaldor bei der Erstürmung von Adrianopel verdient, .denn er war der einzige Ungar, der sich in der belagerten Stadt aushielt und als solcher der Monarchie große Dienste geleistet hat. Nun hat Kaldor sich freiwillig in den Dienst seines Vaterlandes gestellt, um seine reichen und in K'riegszeiten wichtigen Sprachenkenntnisse zugunsten der Monarchie zu verwerten. Die in Marienbad nach dem Ausbruch des Krieges unternommene und durchgeführte Hilfsaktion zugunsten der zurückgebliebenen Kurgäste. Seit dem Beistände Marienbads war der Andrang von Kurgästen nie so groß, als dies gerade zur Zeit, zu welcher der Krieg ausbrach, der Fall war. Die Verwirrung, welche dieses schreckliche Ereignis unter den aus allen Teilen der Welt anwesenden Kurgästen hervorgerufen hat, war eine unbeschreibliche und es flüchteten rn erster Linie sämtliche zum Kriegsdieust einberufenen Autoritäten, ferner alle wehrfähigen Männer. Die reichen, vermögenden Kurgäste, welche für unseren Kurort gewiß jederzeit eine Auslese waren und sind, beeilten sich nicht minder, raschest heimzureisen, um so mehr, als' kfmuit wurde, daß die Zugsverbindungen in fast allen Teilen Europas in kürzester Zeit vollständig für den Personenverkehr eingestellt werden würden. Gleich nach Ausbruch des Krieges war das hier zurückgebliebene Kurvublikuur förmlich gesiebt, und zwar irr solche, ivelchc rasch noch eine Verständigung mit ihren in anderer! Kurorterr befindlichen Verwandten srrchten und in solche, deuerr, obwohl sie in der Heimat vermögerrd sind, das notwerrdige Geld zur Abreise fehlte, und in 'ausgesprochen Arme. Die Zahl der noch hier verbliebenen Kurgäste war immerhin noch eine bedeutende und die Furcht und der Schrecken über die eingetretenen bedeutsamen Weltereignisse trieben sie von einem Reise- und Auskunftsbureau ins andere, zur Stadtgemeinde, zur k. k. Bezirkshauptmannschaft usw., kurz zu allen in Betracht kommenden Faktoren. Es ergab sich daher die dringende Notwendigkeit, für all diese unsere lieben Gäste, ohne Unterschied der Konfession und Nationalität, eine Hilfsstelle zu errichten, und da der weitaus größte Teil der zurückgebliebenen Kurgäste der israelitischen Konfession angehörte, sah sich der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, gleich wie in Karlsbad, veranlaßt, die ersten Schritte zu unternehmen. Die israelitische Kultusgemeinde in Marienbad nutrbe bei den Verwaltungs- und kommunalen Behörden vorstellig, um diese zu ersuchen, dem inzwischen bereits unter den anwesenden Kurgästen ausgebrochenen Elend zu begegnen, und wurde tzu diesem Dehnst ein Hilfskomitee für zurückgebliebene ausländische Kurgäste ins Leben gerufen, das sich zur Aufgabe machte, 'allen zurückgebliebenen Kurgästen, gleichviel welcher Konfession oder Nationalität sie auch angehören, hilfreich und unterstützend zur Seite zu stehen. Der Andrang zu dem Bureau dieses Konritees war denn auch sogleich ein ungeheurer und es meldeten sich hunderte von Kurgästen, welche sich schon dem Hunger preisgegeben sahen, obwohl sie in deren Heinrat begütert und verurögeud sind. Wie bekannt, waren die ausländischen Valuten sofort fast auf die Hälfte ihres ursprünglichen Wertes herabgesunken, abgesehen davon, wurden Rubel in den Bankinstituten überhaupt nicht mehr in Kronen gewechselt. Die zahlreichen im Besitze der russischen Kurgäste sich befindenden, zuweilen aus sehr große Beträge lautenden Akkreditivs wurden als wertlos erklärt und nicht mehr weiter honoriert, so daß zufolge all dieser durch den Krieg geschaffenen Zustände das russische .Kurpublikuin aller Geldmittel bar dastand und überdies außerstande war, sich von der Heimat Gelder überweisen lassen zu können. Der erste und wichtigste Schritt zur Durchführung dieser umfangreichen und großerr Aktion war der, die erforderlichen Geldmittel zu beschassell. Nachdenl seitens der hiesigen konnnunalen Behörden eine finanzielle Unterstützung nicht zu erreichen war, sah sich das Komitee genötigt, seine eigenen Mittel anzugreisen und außerdem an verschiedene Kultusgemeiudeu sowie reiche Privatpersonen behufs Unterstützung des Fonds herauzutreleu. Da soll vor allem die sofortige Hilfsbereitschaft der hoch geehrten Kultusgemeinde von Reichenberg, welche nicht nur die Aktion durch einen namhaften Betrag unterstützte, sondern auch wertvolle, die Beschaffung von Kapitalien betreffende Winke erteilte, mit gebührender Anerkennung hervorgehoben werden. Nicht minder verdienen den Dank die geehrten .Kultusgemeinden voir Prag, Pilsen, Budweis. Preßburg, Kgl. Weinberge, Szeged und die Repräsentanz der Landesjudenschaft von Prag. Um die Beschaffung der Kapitalien und bei der Konstituierung des. Hilfskomitees hat sich der Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde Herr Otto Wolfner in hervorragender Weise verdient gemacht und soll ihm an dieser Stelle für seine mühevolle Tätig keil der Dank ausgesprochen werden. Das Hilfskomitee stellte sich nun als erste Aufgabe, die beschleunigte Abreise der bemittelten Kurgäste aus Marienbad zu ermöglichen, während sie den in der Heimat vermögenden, hier jedoch unter dein Druck der Verhält uisse in finanzielle Notlage geratenen Kurgästen durch finanzielle Unterstützungen die beabsichtigte Heimreise durchzuführen verhalf. Selbstverständlich wurde weiters sofort dafür vorgesorgt, daß alle Unbemittelten und Armen unentgeltlich, bezw. gegen Vorweis von Marken des Hilfskomitees in verschiedenen hiesigen Restaurants abgespeist wurden, so daß auch nicht ein einziger, welcher Konfession oder Nationalität er auch angehören mochte, ja selbst die als kriegsgefangen erklärten Kurgäste und jene, welche bereits in Eger interniert waren, jedoch später wieder auf freien Fuß belassen wurden, an dem Notwendigsten Mangel hatten. Weiters war das Komitee ununterbrochen darauf bedacht, Transporte ausländischer, insbesondere russischer Kurgäste nach der Heimat zu ermöglichen. Gruppenweise erfolgte deren Abreise pou .Marienbad, so daß die Anzahl der noch hier verbliebenen Kurgäste auf zirka M—-100 Personen herabsank. Bei der Beförderung unserer Glaubensgenossen via Wien nach Rußland verdient unsere Anerkennung und innigsten Dank vor allem die „Israelitische Allianz" in Wien und unser hiesiger k. k. Bezirkshauptmann Herr Ritter v. Brechler, welch letzterer unsere Hilfsaktion in liebevoller Weise unterstützte rrnd erleichterte. In vielen Fällen vermochte die Tätigkeit des Hilfskomitees im Interesse, der -Kurgäste bedeutende Erfolge zu erzielen, indem es gelang, ganz besonders billige Unterkunft für den weiteren Aufenthalt der noch vier zurückgebliebenen Kurgäste zu verbürgen. Das Hilfskomitee hat bis nun zirka 900 Mittagmahle verabreichen lassen, überdies auch vielen Leuten ein Frühstück und Abendessen durch eine Bargeldunterstützung ermöglicht. Den mittellosen Heimreisenden jedoch wurden für Fahrkarten und Reisespesen insgesanrt 2492.60 Kronen gegeben. Die Geldnot hat sich wohl in der letzten Zeit einigermaßen gemildert, speziell da es den von Haus aus vermögenden Kurgästen mittlerweile gelungen ist, auf Unr-