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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-28 · 39 (28.9.1914) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
39 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Sekte 669 Flüchtlingsfürsorge. Unter der Aegide einer Anzahl städtischer Mandatare hat sich ein aus angesehenen Bürgern bestehendes „Interkonfessionelles Hilfskomitee zur Frühstücks- und Iausenausspeisung unserer Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina" gebildet, von welchem wir nachfolgendes Schriftstück empfangen: Aufruf! Eine der schrecklichsten Folgen unsres opferoollen Krieges, welcher in Galizien und der Bukowina einer Entscheidung entgcgengeht, bildet es, daß die nicht wehrfähige Zivilbevölkerung gezwungen ist, Haus und Hof, Hab und Gut, Beruf und Erwerb liegen zu lassen und von der Heimat zu flüchten. Hat sich auch dieser gewaltige Menschenstrom in mehrere Städte Oesterreich-Ungarns ergossen, so ist es doch eine bekannte Tatsache, daß das Gros der aus strategischen Gründen geräumten Gebiete nach Wien geflüchtet ist. Nach langer qualvoller Fahrt kommen diese Bedauernswerten in elendem Zustand hier in Wien an und wohl haben sie, die mit für das ganze Reich leiden, ein Anrecht auf gastliche Aufnahme, Schutz und Hilfe. Wohl ist nun deshalb auch von Seiner Erzellenz dem Herrn Bürgermeister von Wien eine amtliche Zentralstelle geschaffen worden, welche unter der Leitung des Gemeinderates Dr. Rudolf Schwarz-Hil'er geradezu aufopferungsvoll arbeitet, so karg die ihr zugemessenen Mitttel auch-sind. Um nun den unglücklichen Frauen, worunter viele mit Säuglingen, den zahlreichen Bindern und den einer besseren Ernährung bedürftigen Männern — alles ohne jeden Unterschied der Konfession — etwas zu bieten, wofür anderweitig leider nicht gesorgt werden kann, nämlich den so dringend notwendigen Morgenkaffee oder Tee mit zwei Semmeln, hat sich unter der Aegide der Gemeinderäte Siegmund Kodier«, Wenzel Ripper, und Gustav Schaffer, der Bezirksräte Philipp Bat, Franz Günther und Edmund Hofmann, endlich des Kommerzialrates S. Rosenzweig ein Komitee gebildet, welches diese Frühstücks- und Iausenausspeisung aus sich genommen hat. Dieses Komitee hat die Kosten bis heute aus Eigenem bestritten und war der Anblick der armen Flüchtlinge, namentkich der Frauen und Kinder, nach dieser Labung so rührend, daß es geradezu sündhaft wäre, dieselbe mangels entsprechender Mittel einstellcn zu müssen. Es ergeht also hiemit an alle Menschenfreunde die dringende Bitte, zu diesem speziellen Zweck durch edle Spenden beizutragen, um dieses wohltätige Werk bis zur Repatriierung unserer besonders hart betroffenen Flüchtlinge fortsetzen zu können. Denke jedermann, wenn er behaglich seinen Morgenkaffee oder Tee schlürft, daran, daß Tausende und Tausende, die es vor kurzer Zeit ebenso hatten, jetzt in improvisierten Massenquartieren meist ohne Nachtmahl auf ihre Strohsäcke gehen müssen, und wenn sie ihre sorgenvolle Häupter des Morgens erheben, hungernd das geschenkte Mittagmahl abwarten sollen. An die Herren Cafetiers ergeht die besondere Bitte, freiwillig je einer Anzahl von Flüchtlingen während der Kriegsdauer dieses notwendige Frühstück, eventuell auch die Jause, zu verabfolgen, und kann jeder sicher sein, daß Gott die heißen Dankgebete der Gelabten erhören und die gute Tat belohnen wird. Sam. Körner, Kaufmann, 2. Bezirk, Haidgasse Nr. 7, erster Präsident; B. Zeller, Kaufmann, 2. Bezirk, Glockengasse 6, zweiter Präsident; Bernhard Wollen, Kaufmann aus Lemberg, Vizepräsident; Josef Goldstaub, 2. Bezirk, Glockengasse Rr. 14, erster Schriftführer; Oskar Berkowitz, Prokurist, 2. Bezirk, Hammer-Purgstallgasse Nr. 4, zweiter Schriftführer; Benno Czaczkes, Juwelier, 2. Bezirk, Glockengasse Nr. 5, und Mar Gansl, Fabrikant, 2. Bezirk, Haidgasse Nr. 5, Kassiere: Leopold Deutsch, Kaufmann, 2. Bezirk, Lilienbrunngasse Nr. 6, und D. Schramek, Kaufnurnn, 2. Bezirk, Leopoldsgasse Nr. 10, Kontrollore; Emil Benczer, F. Fleischmann, Weingroßhündler Karl Fuchs, B. Goldenberg, Sig. Guttwald, Ingenieur aus Lemberg, Mor. Hahn, Cafetier Herm. Löwy, Osw. Reicher aus Lemberg, Jakob Singer aus Lemberg, Dr. Hch. Wechsler, Komiteemitglieder. Sitz des Komitees: Grand Cafö Rational, Wien, 2. Bezirk, Taborstraße Rr. 18. Edle Spenden und Anmeldungen von Frühstücks- und Iausenverabfolgungen wolle man an die mit Adressen gefertigten Koiniteefunktionäre oder an die Administration dieses Blattes richten. i Mitbürger! Helfet den Aermsten der Armen, eine der empfindlichsten Entbehrungen zu ersparen. Wien, 20. September. Interkonfessionelles Hilfskomitee zur Frühstücks- und Iaufenausspeisung unsrer Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina. Macht auf die Tür! Es lvar kurz nach der Mobilisierung. Ein junger Freiwilliger schritt durch die Straßen von Krakau: ein lveuig trüb und sentimental, denn er war ein verwöhntes Muttersöhnchen, zart und sein, und ein Künstlerkopf mit weichen, bunten Träumen und konnte sich in der neuert lauten, fremden Welt noch nicht zurechtfinden: auch lag ihm der Abschied von „daheim" noch in den Gliedern. Da spricht ein älterer Herr ihn an: „Tie sind Toldat, Tie sirtd Jude, kommen Tie mit mir, heute ist „Freitagabend," seien Tie unser Gast!" „Wie im Märchen", denkt der junge Mann, „eine Eirrladurrg ohne Frage nach Nam' und Art", und rvillig folgt er dem Fremden. Und das Märchen rvard inuner schöner: er tritt in ein reiches, behagliches Heim, wunderschöner ererbter Hausrat umfängt ihn und er erlebt, was er bisher nur vom Hörensagen gekannt, den ,.Freitagabend" mit Tabbatbrot und Kerzenlicht, mit Tegenssprüchen und festlich gekleideter Hausfrau. Lieb und gut waren alle mit ihnl, er mußte von zu Hanse berichten, von der lieblichen urdeutschen Ttadt an der Donau, von Pater und Mutter und - natürlich --- auch von Leutnant und Korporal und von seinen, deS jungen Strategen Ansichten über Kriegspläne und Siegesaussicht. Da verging der Abend freilich anders als sonst in der Kaserne, und als der Haus Herr, ein angesehener Advokat, in dem Gaste gar den Juristen entdeckte, geivann man einander noch schneller lieb. Und so lang des Kaisers Dienst den jungen Krieger in der alten Ttadt der Polenkönige feslhielt, weilte er nicht mehr in der Fremde, die neuen Freunde umsorgten ihn mit aller Güte und Teilnahme der trauten Heimat. . . Seither ist das frisch-fröhliche Vorspiel des Krieges zum furchtbar-finsteren Ernst geworden. Was ein längst ausgeträumter, grauenhafter .Kindheitstraum der Menschheit schien, ist wieder zum blutroten Erleben erwacht. Viel zukunftsfrohe Jugend ist fern von daheim gestorben, in fremder, heimatsferner Erde zu (Krade gebracht, die junge Kraft dem Paterlande in schwerein Ringen geweiht. Und andere Boten des Krieges kommen zu uns, Männer, Frauen und Kinder, in deren angstvollen Augen noch kaum überstandene Schrecken zu lesen sind, von nächtlicher Flucht, von Irren und Schweifen, von obdachlosen Nächten und vom fürchterlichsten Schrecken: von zügelloser, wilder Soldateska. Und sie füllen die Hallen, der Bahnhöfe und stehen ratlos in den weiten Straßen, und fragen schüchtern und angstvoll und können vor zitternder Erregung oft kaum den eigenen Namen stammeln. Und viele, viele unter ihnen, die nicht gewohnt sind, „die Gabe zu heischen, die der andere oft ungern gibt," und viele, viele unter ihnen, die vor wenig Tagen noch vom warmen, behaglichen Heim umhegt und geschützt sich fühlten. Wer ist der hohe Mann mit den klugen, energischen Fügen, der sich dort in dem Haufen drängen must vor der Tür der „Fürsorgekommission"? An seinen: Arme eine urüde Frau, fast lachen möcht' man, könnte man hier lachen, ob des sonderbaren Anzuges, in den sie gehüllt, ein feiner Hut. durchnäßt und zerdrückt, ein kostbares Kleid, wohl in verwirrter Eile zufammengerasft, ein schlimmer Schutz vor Kälte

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