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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-28 · 39 (28.9.1914) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
39 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 668 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 39 meldele er sich beim zuständigen Kommando zu freiwilliger Militär- Dienstleistung, erhielt jedoch schon einige Tage später vom Bürgermeister der Stadt Lirakau die Mitteilung, daß er laut Erlaß des Honvedministers mit Rücksicht aus seine ausländische Staatsbürgerschaft nur dann als Freiwilliger in den Militärdienst ausgenommen werden könnte, wenn Seine Majestät hiezu die besondere Bewilligung erteilt. Der russisch-jüdische Flüchtling, dieser gewisse Simon Fruchtgarten, ist auch vor dem Majestätsgesuch nicht zurückgeschreckt, und es ist ergreifend, wie er dieses Gesuch einleitete: »Eure Majestät! Nein Herr und Königl Ich will Soldat werden. Will in der ersten Feuerlinic kämpfen gegen die russische Barbarei. Ich will Soldat werden und zwar ungarischer Honvedsoldat — so schreibt Simon Fruchtgarten —, der durch die Aufopferung seiner Person beweisen will, daß ein so armer verfolgter Jude dankbar zu sein versteht und weiß was seine Pflicht ist jenem Vaterlande gegenüber, welches ihm in den schweren Tagpn der Not und der Verfolgung sichere Zuflucht, Ruhe und Schutz gewährte.« Simon Fruchtgarten weiß, was ein Krieg ist. Wie er selbst in seinem Majestätsgesuch ausführt, hat er vier Jahre in der russischen Artillerie gedient. Er fürchtet die Gefahr nicht. Er sagt in seinem Gesuche: »Ich schwere vor dem Angesichte Gottes, bei meinem ehrlichen jüdischen Gewissen — so lesen wir in Simon Feuchtgartens Majestätsgesuch — welches sich sozusagen auf das Niveau eines Dokumentes von historischer Bedeutung erhebt —, daß wenn Eure Majestät anzuordnen geruhen, daß man mich als Soldaten einreihe und daß ich in dem Kampfe gegen die Russen als königlich-ungaricher Honved teilnehmen darf, ich in der Feuerlinie kämpfen werde wie zehn andere. Denn ich habe das Bedürfnis einerseits für das große W< hlwollen Eurer Majestät den verfolgten russischen Juden gegenüber den Dank abzustatten und andererseits mit der Waffe in der Hand Rache zu nehmen für all die Bittern s, für all die vielen Morde, welche meine armen Glaubensgenossen in Rußland zu erleiden hatten und dafür, was auch ich leiden mußte im Verlaufe der zahlreichen Judenverfolgungen.« Die Antwort ist noch nicht herabgelangt. Aber sie kann — kaum abweisend sein. Denn wir haben neben unseren „Roten Teufeln" solche Soldaten nötig, die so kämpfen, wie es der russisch-jüdische Flüchtling Simon Fruchtgarten zu tun verspricht. Korrespondenzen. Die galizischrn Juden für Gott, Kaiser und Reich. Wien, die Residenzstadt der Monarchie, kennt die Judell Galiziens; in Friedenszeiten sind sie es vorwiegend, die den wirtschaftlichen Konnex der Reichshauptstadt mit Galizien erhalten. Jeder bedeutende Wiener Kaufmann und Industrielle kennt aus eigener Anschauung das Land Galizien und hat über seine Bewohner sich eine eigene Meinung gebildet. Die Juden Galiziens in Kriegszeiten, int Momente der drohenden Gefahr haben wir erst jetzt kennen zu lernen Gelegenheit. Im Osten Galiziens, dort, wo die Mehrzahl der österreichischen Judenschaft ihren ständigen Wohnsitz hat, und wo deren ökonomische Verhältnisse selbst int tiefsten Frieden nicht die glänzendsten waren, spielt sich, quasi aus ihrem Rücken, der größte Kampf der Weltgeschichte ab. Die Nichtwehrsähigen unter der dortigen Judenschaft, ihre Weiber und Kinder im zarten Alter konnte man nicht als Beute den zarischen Henkern überlassen. Zu den vielen glorreichen Taten unserer Armee gesellt sich auch diese, daß sie nach Kräften dafür sorgte, diese unschuldigen Wesen den: sicheren Tode durch die Kosaken zu entziehen. Die österreichische Armee, die seit Beginn des Krieges stündlich sich vom Patriotismus dieser armen und gehetzten galizischen Inden zu überzeugen Gelegenheit hat, die mahrnintmt, mit welcher Rührung und persönlicher Aufopferung gerade diese Juden die Wünsche der Militärverwaltung erfüllen, zeigt sich ihnen dankbar. Eine Leidensgeschichte gleich dem Auszuge aus Aegypten machten diejenigen Juden mit, die seit einigen Tagen den gastlichen Boden unseres lieben Wien erreicht haben. Biele vott ihnen verließen außer Hab und Gut auch eilt schönes, bequemes Heim, und auch derjenige Teil (der größere), der fein Hab und Gut zurückzulassen hatte, ließ die Grabstätten seiner Väter zurück, die ihm alle irdischen Schätze ersetzten und bei denen er sich gerade gelegentlich der hohen Feiertage foufl Trost und Hoffnung für's ganze Jahr suchte. Mit einem schweren und zerrissenen Herzen kamen die Juden Galiziens nach Wien, die wehrfähigen Kinder im Felde zurücklassend, die kleinen auf den Händen tragend, erreichten sie die Tore dieser Stadt. Und was war ihre erste Sorge hier? Nicht so sehr eine Stätte zu finden, wo sie ihr müdes Haupt und das ihrer Kinder ausruhen könnten; nein, in zwei Tagen ist Rosch Haschono, man muß beten, und das Beten zu Gott ist wichtiger, als den Hunger zu stillen. Die Juden Lembergs waren die ersten, die an die Einrichtung eines Gottesdienstes dachten; bevor jeder von ihnen für sich selbst eine Ruhestätte fand, suchten und fanden sie eine würdige Stätte, den Feiertagsgottesdienst gemeinsam abzuhalten. Materielle Opfer, die in normalen Zeiten keine solche Rolle spielen und die aber jetzt gerade für sie, wo sie nur den geringsten Teil ihrer Habe retten konnten, ein Hundertfaches bedeuten, scheuten sie nicht und nahmen es auf sich, einen der größten Säle Wiens, das Etablissement Ronacher, zu einem würdigen Gotteshause auszugestalten. Daß die Stimmung in diesem Hause während der Rosch Haschono-Tage eine sehr ernste war, scheint wohl jedermann begreiflich, interessant ist aber das Thema, welches die zwei Seelsorger von Lemberg, die Rabbiner Dr. Caro und Dr. G u t t m a n n, zum Gegettstand ihrer Predigt wählten. Sie führten nicht Klage über das namenlose Elend, das der Krieg gerade über die Juden Galiziens brachte, mit dem ganzen Aufgebot einer flammenden Beredsamkeit schilderten sie den Zarismus, dessen Macht zu brechen die Aufgabe aller Kulturmenschen sei, und forderten ihre Zuhörer auf, tticht früher zu ruhen, als bis daS Moskowitertum in Europa gedemütigt wird. Die Gebete an diesem für die Juden heiligsten Tage int Jahre galten nicht so sehr ihrem eigenen Heil, als dem unseres Kaisers und seiner Armee. Dieser Gottesdienst im Ronachersaale, der an Weihe und Würde nicht hinter dem der Wiener ständigen Tempeln zurücksteht, arrangiert .von Personen, deren Herz von Leiden er füllt ist, ist ein Zeugnis für die Seelengröße des galizischen Judentums. Ebenso rührend wie die Predigt war der Vortrag des Oberkantors S a i tz, meisterhaft trug er die inhaltsreichen Gebete vor und wußte dadurch auch demjenigen Teile des Publikums, der die Bedeutung derselben nicht versteht, Verständnis beizubringen. Aber nicht nur die große Gemeinde der Lemberger, sondern die Juden aller galizischen Städte sind in Wien diesem Beispiele 'gefolgt. Rührend war es mitanzusehen, wie z. B. Juden, die erst Freitag abends aus Rzeszow ankamen, schott am Sonntag früh in dieser Großstadt eine würdige Betstätte anläßlich der hohen Feiertage sich er richteten. Viele von diesen Leuten haben wohl bis heute noch keine Wohnung, aber ein Gotteshaus haben sie gefunden, und das' ist ihr Trost. Gott und der Kaiser — von diesen zwei Begriffen wollen und werden sich die Juden Galiziens niemals trennen, an diesen beiden hängen sie mit allen Fasern ihres Herzens. Der Wiener Bevölkerung, ihrer legitimen lokalen Vertretung, ganz besonders der Bezirksvertretung Leopoldstadt, an deren Spitze gegenwärtig der Bezirksvorsteherstellvertreter Schriftsteller E r n st K l e b i n d e r steht, gebührt besonderer Dank dafür,'Gaß sie mit so viel Teilnahme sich der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina annehmen. I. G r o b t u ch.

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