Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 39 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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- Radom 2× ep/1000823
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Nr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 667 Russische Greuel. Im Krakauer „Czas" erzählt eine Persönlichkeit, der es jetzt gelang aus Russisch-Polen zu entkommen, folgendes: In kleinen Städten Russisch-Polens spielen sich jetzt unvergeßliche Szenen ab, manchmal tragische, manchmal blut'ge. Die Kosaken, welche in polnische Dörfer und Städtchen erngezogen sind, wirtschaften dort auf die ihnen eigene Art. Als ich in Radom in einem Gasthofe satz, da sah ich plötzlich eine Abteilung Kosaken, die durch die Stadt galoppierte.^ Hinter den Kosaken her zog eilig eine Masse von Leuten. In ihrer Mitte werden unter Bewachung drei Juden geführt -- einer _ in festlichem Seidenkaftan, zwei andere in den Nachtkleidern, fast entblößt. Alle drei gingen blaß, entsetzt und beteten unterwegs: die Menge ihrer Glaubensgenossen umzingelte sie weinend. Der ganze unheimliche Zug ging in der Richtung des nahen Wäldchens. „Was ist geschehen?" fragte ich neugierig. „Die drei Juden werden gehängt," antwortete mir kurz ein Passant. „Man hat alle hiesigen Juden zusammengetrieben, damit sie der Hinrichtung zuschauen." „Was haben sie denn angestellt?" Man wußte mir keine genaue Antwort zu geben. -Höchstwahrscheinlich dürften die drei armen Juden dem preußischen Militär geholfen haben. Nach kurzer Zeit war die Erekution vorüber. Wie eine Schafherde, von den Kosaken getrieben, kehrten die Radomer Juden jammernd in die Stadt zurück. rjr * * An einer Straßenecke hat eine Jüdin ihren Standplatz, wo sie Obst und Süßigkeiten verkauft. Ich kaufe eben bei ihr Birnen, da erscheinen neben mir zwei Kosaken. Die Gewehre auf dem Rücken, in der Hand die Reitpeitsche, die „Ragaika". Die Kosaken sangen an ihre Taschen mit Obst zu füllen. Als kein Platz mehr in den unheimlich tiefen Hosentaschen war, entfernen sich die beiden in vollkommener Ruhe. Die verblüffte Jüdin wagt schüchtern .zu benrerken: „Ein Pfund Birnen kostet 6 Kopejki." „Sechs Kopejki? Charaszo (gut)!" Mit einem starken Fußtritte wirft der Kosake den Korb tiitt Birnen und Zwetschken um, der andere Fußtritt schickt auf die Straße die Kuchen. Der zweite Kosake folgt dem Beispiele seines Genossen. „Da hast deine 6 Kopefki!" Im Bureau gibt man Halbpässe für die Reise nach Warschau aus. Die Formulare werden in einem Zimmer vom rangältesten Kosaken, vermutlich einem Kommandanten, ausgefüllt. In dem zweiten Zimmer warten die Interessenten, fast lauter jüdische Kaufleute. Bevor sie vor dem Gesichte des Kommandanten erscheinen können, werden sie von einem jungen, etwa 20jährigen stark gebauten und energischen Kosaken in Rechen gestellt, geordnet und ermahnt. Der junge Kosake spricht zu jedem der anwesenden Juden dieselben kurzen Worte: m „Geld hergeben!" Es verschwinden in der Hand des Kosaken kleinere Silbcrstücke, oft auch ganze Rubel. Der Kosake tariert die Interessenten nach ihren Kleidern und Aussehen. Bei jedem jedoch macht, er die Bemerkung, er habe viel zu wenig Geld bekommen. „Wer fahren will, muß auch zahlen! Geschäfte wollt's ihr machen, aber unseren Bruder wollt's ihr nichts verdienen lassen!" Und . . . zum zweiten Male sängt er das Geld einzukassieren. Wiederum klingt das Geld, kleinere und größere Geldstücke. Da, unerwartet, folgt ein »coup de theatre«. Die Türen werden wirklich geöffnet, laber nicht die Türen in die Kanzlei des Kommandanten, sondern die rechts, die in ein anderes Zimmer. Der junge Kosate packt die am nächsten stehenden Juden, stößt sie gegen dieses Zimmer, ungefähr zwanzig Kaufleute fallen in die Arme der Kosaken, die hinter den Türen schon warteten. „Jetzt werden wir euch was zeigen. Wartet nur!" Die „Ragaikas" beginnen zu pfeifen, man hört entsetzliches Schreien, welches von den schnell zugedrückten Türen gedämpft wird. Der junge Kosake schaut ernst die im Wartezimmer gebliebenen Juden an und beginnt artig zu wiederholen: „Geld her!" Die Szene, die vor einem Momente stattgesunden, hat ihren Zweck nicht verfehlt. Der Kosale nimmt jetzt eine noch reichere Steuer ein. Aber vor den Kommandanten werden nur wenige vorgelassen — die dem jungen Kosaken gefallen. Die übrigen Juden werden in den Hof hinausgetrieben. Und die sind noch überglücklich, daß man sie nicht hinter die rechte Türe schickte, wo man dje Kontribution mit den Schlägen Her Reitpeitsche quittiert. Wir fahren aus der Stadt hinaus. Es ist ein Wunder, daß ich überhaupt einen Wagen bekommen habe. Ein graues Pferd, bei welchem man alle Rippen zusammenzühlrn könnte, z-eht resigniert den Wagen, auf den ich mit meinem Koffer hinaufkletterte. Rur die im voraus bezahlten 7 Rubels haben den Fuhrmann — einen jungen Juden — dazu bewogen, daß er mit mir von der Stadt hinausfuhr. Beide haben wir Pässe gehabt, unterwegs revidierten einige Kosakenpatrouillen unsere Papiere und fanden sie in Ordnung. So fuhren wir gesund und behelligt durch einige Dörfer, die an meinem Wege lagen. Schon sehe ich die ersten Hütten des Dorfes, in welchem die Pflicht meines Fuhrmannes endet und von woher er umkehren soll, mn nach Radom zurückzukehren. Da, aus dem Gebüsch her, ertönt der laute Ruf: „Stehen bleiben!" In demselben Momente, fast auf derselben Stelle halten wir das Pferd auf. Wir sehen einige Kosakenlanzen. Zum Wagen nähert sich der Patrouillenkommandant: „Pässe hergeben!" Die Pässe werden vorgezeigt. „Sie sind ein Pole?" „Jawohl!" „Du ein Iewrej (Jude)?" „Jawohl!" Der Kommandant wendet sich an mich. „Steigen Sie vom Wagen herunter. Den weiteren Weg werden Sie zu Fuß zurücklegen." Ich strenge mich an, dem Kosaken zu erklären, daß ich den Wagen schon bezahlt habe und daß ich jetzt genötigt wäre, den schweren Koffer allein zu tragen. Ich bitte ihn, er solle mir erlauben, im Wagen bis ins Dorf hinein zu fahren. „Sie werden zu Fuß gehen, habe ich ausdrücklich gesagt!" wiederholt der Kommandant mit fester Stimme. Der Ton seiner Sprache war so entschlossen, daß ich vom Wagen hinunterstieg und den Koffer in die Hand nahm. „Marsch weiter!" ermutigt mich der Kosake. „Da haben Sie nichts zu suchen!" Ich entferne mich in der Richtung des Dorfes. Hinter mir ertönten zwei gedämpfte Schüsse. Als ich mich umwandte, fah ich auf der Straße den jungen Juden bei seinem grauen Pferde liegen. Die Kosakenpatrouille fuhr weiter! . . . Erzwungene Gebete für den Zaren. Berlin. Dem Hilfsverein der deutschen Inden kam aus Rußland folgende Meldung zu: sämtliche Gouverneure wurden angewiesen, strenge darauf zu achten, daß die Inden anläßlich ihrer Feiertage l Neujahr und Ber söhnungstag) Gebete für den Zaren und die russ i s ch e n Waffen verrichten. Einzelne Gouverneure, wie die von St i e w und £ d e s s a, beriefen die Gemeindevorsteher mtb Rabbiner zu sich und drohten ihnen mit Pogroms bei Nicht befolgung dieses Wunsches der Petersburger Regieritng. In allen Tempeln werden Vertreter der Regierung anwesend sein. Wer weiß?! Jnnia Carfunkel, Tierarztens-Gattin aus Monastersisko (Galizien), gegenwärtig in Nagykäroly, sucht ihre Eltern Schaje Saprin und Frau, ferner ihren Schwager Dr. Bier aus Stanislau. Mitteilungen werden erbeten an die Adresse: Oberrabbiner Lazar Schönfeld in Nagykäroly. Gesucht werden Broni Margulies und David Margnlies. Auskünfte an Isak Balter, II., Am Tabor 22, für Margulies. Nathan Tennenbaum und Frau aus Cieszanow werden von ihrem Sohn Samson gesucht. Nachrichten an Dr. Theodor Sonnenschein, Advokat in Tarnow. Timon Fruchtgarten. Dem „Egyenlöszeg" trirb geschrieben: Simon Fruchtgarten, dieser sonderbare Name gehört einem russischen Juden. Bor zehn Jahren hat ihn ein unbarmherziger Pogrom aus Rußland vertrieben. Er fand in Kaschau Zuflucht. Unter emsiger Arbeit erzog er seine fünf Kinder und er hat während dieser Zeit nicht nur ungarisch sprechen, sondern auch fühlen gelernt, anders als so viele Kinder anderer Rationalitäten, welche, obgleich sie Jahrhunderte alte Bande an die Ungarn knüpfen, in Verwahrung genommen werden mußten, damit sie nicht Schaden anrichten. Aber vergebens ist Simon Fruchlgarten Ungar geworden. Wegen seiner russischen Abkunft war er stets Verdächtigungen ausge'etzt. Aber der russische Flüchtling hat seine Verleumder zuschanden gemacht. Gleich am ersten Tage der allgemeinen Mobilisierung