Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 39 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 666 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 39 Hermann Bahr, der gewiß auch ernst genommen sein will, empfiehlt den halbwegs Wohlhabenden, rechs aus dem Bollen zu leben und ihre Bedürfnisse bis an die äußerste Grenze des Möglichen auszudehnen. Ja, er erklärt es für gemeinnütziger, sich heute zwei Anzüge beim Schneider zu bestellen und sie vorläufig schuldig zu bleiben, als nur einen Anzug anzuschafsen, wenn man nur einen bezahlen kann. Und sogar die Frau Bürgermeister richtet an die strickenden Frauen und Mädchen die Bitte, doch bei ihren „seinen Arbeiten" zu bleiben (oder weiter im Kaffeehause dem Müßiggang zu huldigen) und Strick- und Näharbeiten ihren armen Schwestern, die sich daran „einer; Lohn verdienen" können, zu überlassen. Heil und Ehre also jeder jüdischen Frau, die in diesen schweren 'Tagen den Mut /und .'die Selbstverleugnung ausbringt, Ausgaben zu machen und Verdienst unter die Leute zu bringen. Denn auch dazu gehört Selbstverleugnung, wenn man Ausgaben macht, die wieder hereinzubringen eine keineswegs leichte Sache sein wird. So etlva müßte man denjenigen antworten, die auch jetzt wieder Gelegenheit nehmen, den jüdischen Frauen eins am Zeuge zu flicken: „Sehe jeder, wie er's treibe, sehe jeder, wo er bleibe, und wer steht, daß er nicht falle." Diejenigen, die unberechtigter Weise Ausgaben machen, wird ihr Schicksal schon ereilen. Daß aber die jüdischen Frauen keineswegs untätig und teilnahmslos der Zeit gegenüberstehen, das beweisen ihre Spenden, ihre Tätigkeit in allen Fürsorgestationen, ihre Anteilnahme am Großen und' Kleinen. Also nicht echt österreichisch und echt jüdisch zu jeder Kritik „Ja und Amen" sagen, sondern Nachdenken, aufklären und berichtigen! Dies wird für alle 'Teile von größerem Nutzen sein. Hochachtungsvoll ergebenst Rahel Edelstein. Hügeitprcsse. , Aus Leserkreisen wird uns geschrieben: Die „Reichspost" hat sich dieser Tage sehr darüber beschwert, daß selbst in diesen Tagen gewisse konfessionelle Streitigkeiten in der christlichen Bevölkerung Deutschlands nicht beiseite gelassen werden. Die Berechtigung dieser Beschwerde wirkt geradezu aufreizend, wenn man liest, wie dieses Blatt durchaus an der Lüge festhält, der nach Frankreich entflohene Verräter Dr. Daniel Blumenthal, Bürgermeister von Kolmar, sei ein Jude. In Preußen ein Jude Bürgermeister! Ucber die sonstigen Hetzereien dieses Organes gegen die armen ostgalizischen Flüchtlinge wird nach dem Kriege ausführlich gesprochen werden müssen. Erheiternd wirkt die „Ostdeut s ch e R u n d - s ch a u", die, wie immer, Lügen gegen Juden gerne übernimmt und in ihrem „Briefkasten" die Angaben der „Reichspost" ins Germanische übersetzt. Sie teilt in der Folge vom 22. September einem fingierten Leser mit, Dr. Blumenthal sei ein „Hebräer". Was sagt denn die Zensur dazu, die eine gewisse Szene im Cafe Heinrichshof nicht zum Abdruck in einigen Zeitungen zuließ? Posen. (Lin tapferer Jude.) In dem furchtbaren dreitägigen Ringen in Ostpreußen erhielt ein Reserve-Infanteri:- regiment am 28. August den Befehl, in die Gegend von Hohenstein vorzurücken. Der Infanterie folgte eine Maschinengewehrkompagnie. Ein furchtbares Feuer von russischer Seite, besonders von feindlicher Artillerie, empfing die Vorrückenden, und es erging an die Maschinengewehrkompagnie der Befehl, Kehrt zu machen. Ein Gespannführer, ein jüdischer Fahrer, verharrte noch auf seinem Platze und wartete trotz des verheerenden russischen Feuers auf seinen Leutnant, der mit seinen beiden Maschinengewehren nicht zu sehen war. Endlich erblickte er die kleine Abteilung, die vom Tragen der Gewehre, der Munition usw. so erschöpft war, daß sie ihren Weg nicht mehr fortsetzen konnte. In sausendem Galopp näherte er sich ihnen in der höchsten Not, nahm alles auf und brachte es in Sicherheit. Auf die Frage des Hauptmanns, wer ihm befohlen habe, zu warten, lautete die Antwort: „Ich kann doch selbstverständlich nicht ohne mein Gewehr wegfahren." Der Kompagniechef ließ dem Fahrer eine Belobigung zuteil werden und meinte dann, der Fahrer sei ein tüchtiger Kerl, wenn der nicht ausgeharrt hätte, dann hätten wir wohl heute den ganzen Zug nicht gehabt. Der Benjamin des deutschen Heeres. Der jüngste Kriegsfreiwillige des deutschen Heeres ist ein Königsberger Jude, der Obertertianer Scheper vorn Löbenichtschen Realgymnasium, der 14 'Jahre 11 Monate alt ist. Er äußerte zu seinen Eltern, daß ihm jetzt der Schulbesuch nichts nützen würde, da seine Gedanken unablässig sich mit dem Kriege beschäftigten. Er wurde bei der Maschinengewehrabteilung eingestellt. « Michael Schwarz. B e r l i n, 23. Sept. Michael S ch w a r z aus Oberfranken^ gegenwärtig Landwehrmann, erhielt am 9. d. M. das Eiserne Kreuz für -hervorragende Tapferkeit, Mut und Ausdauer. Bemerkenswert ist, daß Schwarz vor Einstellung zum Heeresdienst ein hervorragender Leiter der sozialdemokratischen Jugendorganisation Bayerns war. Gottesdienst russischer Gefangener. Im Gefangenenlager von Kenyermezö nächst Gran wurde am 21. d. M. anläßlich des Neujahrsfestes ein israelitischer Gottesdienst unter freiem Himmel abgehalten, an dem die jüdischen Gefangenen teilnahmen. Die Militärbehörde hatte einen Feldrabbiner und einen Vorbeter ins Lager beordert und den Gefangenen alich Gebetbücher zur Verfügung gestellt, während die Grauer Kultusgemeinde Gebetkleider übersendete. Juden als Lebensretter. Ein aus Rußland einberufener Arier erzählte Herrn Feldrabbiner G o l i n s k i folgenden Vorfall: „Mit Mühe und Not war ich in die Nähe der österreichischer: Grenze gelängt, als ein Auto heransauste. Ich bat, mich mitzunehmen. In augenscheinlicher Lebensgefahr, bot ich jeden Preis, wenn man mir einen der Plätze überließe, die noch im Auto frei ivaren. Ohne nur zu antlvorten, fuhr man weiter und überließ mich meinem Elend. Kurze Zeit darauf kam ein zweites Auto, das über und über mit jüdischen Flüchtlingen besetzt rvar. Ohne alle Umstände wurde ich mitgenommen. Eine Bezahlung wurde nicht allein abgelehnt, auch zu den:' Lösegeld, das man den Kosaken an der Grenze zählte, nahm man keinen Beitrag von mir an. Niemals rverde ich von nun an dulden, daß man in meiner Gegenwart auf Juden schimpft." So sprach der jetzt als Offizier im Felde stehende Arier von den polnischen Juden. Das Eiserne Kreuz. Der Einjährig-Gefreite des 8. Feldartillerie-Rgts. Herr Julius Graf, Sohn des israelitischen Kaufmanns Adolf Graf in Nürnberg, Theresienstraße, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Herr Dr. Max Kirschner, Sohn des ersten Kantors Kirschuer in München, Assistenzarzt der Reserve, hat das Eiserne Kreuz erhalten. Herr Katz, von der Firma Katz Gebrüder, Berlin, Jerusalemerstraße, der als Vizewachtmeister der Reserve bei den Garde-Kürassieren die Schlucht bei St. Quentin mitgemacht hat, nahm bei einer Attacke gegen französische Kürassiere einen Rittmeister gefangen und erwarb sich das Eiserne Kreuz. Mit einem Säbelhieb an der rechten Hand kam er am 2. September in Berlin an und wird geheilt zur Frönt zurückkehren. Der Rechtsanwalt L u c i a n Kahn in Frankfurt a. M., Leutnant der Reserve des 10. Bayerischen Reserve- Juf.-Regiments, erhielt das Eiserne Kreuz.