Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-28 · 39 (28.9.1914) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
39 (28.9.1914)
Date
1914-09-28
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022129--23469-3048670
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 664 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 3!) suggeriert worden ist. Und dieses Oesterreich ist nicht der unglückseligste, fortschrittwidrigc Staat mit dem unbedingten Tod im Leib, als den ihn die eingebildeten Fanatiker des Staatsnationalismus aller Rädert und Typen seit langem ansschreien, sondern trägt ganz im Gegenteil einen der jüngsten und stolzesten Zwecke gesellschaftlicher Entwicklung in sich, den Zweck, Ltaat und Nation zu verselbständigen und zu vervollkommnen. Älles, was sich in Europa an echten und unechten Nationalstaaten herumspreizt, kann sich an menschheitlicher Zukunftsbedentung mit Oesterreich nicht messen. Wer selber Oesterreicher, Oesterreich mit den: Gentüte erfahren hat, mit tiefer Bejahung zu diesem Staate steht, der fühlt das wohl am besten. Aber mit Verstand, geschichtlichem Sinn und Menschheitsenthusiasmus 'kann's auch der Nicht-Oesterreicher begreifen und zur Ueherzeugung kommen: Wenn Oesterreich nicht existierte, man müßte es erfinden. Und wenn cs unterginge, die Geschichte würde es wiederholen. Da man aber Positionen nicht leichtherzig aufgibt, weil sie später einmal ersetzt werden können, ist jede Gefahr, die den Bestand Oesterreichs bedroht, geeignet, die Allgemeiirheit zu beunruhigen. Jedenfalls müßten die Juden so denken. Gewiß, es wäre verfehlt, wenn sie sich dazu versteigen wollten, eine Art Rebellenkampf der Interterritorialen gegen die mächtigen territorialen Staaten der Erde beginnen zu wollen. Aber vergessen dürfen sie doch niemals, daß sie nun einmal ein interterritoriales Volk, das interterritorialste der Welt sind und der Hauptsache nach sicherlich bleiben werden. Vergessen dürfen sie nicht — speziell so weit sie das jüdische Volk als solches anerkennen —, wieviel für dieses davon abhängt, daß die heutige Ueberspannnng des nationalen Staatsgedankens Nachlasse und ein reiner Knlturnationalismus sich allmählich herausarbeite. Und wenn von dort, wo diesem neuen erlösenden Werden eine Stätte errichtet ist, ein Ruf des Schreckens, eine Kunde der Gefahr dringt, müßten sie die allerersten sein, aufzuhorchen. ivom Jahrmarkt des Lebens. David Wolfffohn. Ich hatte ihn bis zum Vorjahre nur den: Namen nach gerannt. Da war es mir gegönnt, der denkwürdigen Eröffnungssitzung des Zionistenrongresses in offizieller Eigenschaft anzuwohnen uird ich genoß die Gunst, auf der Estrade der Katharinenhalle au Seite der führenden Persönlichkeiten Platz zu nehnren. Da konnte ich sie alle ausnehmeu, die Mitglieder des großen Aktionskomitees mit Warburg an der Spitze, der ausersehen war, den Wiener Kongreß zu eröffnen. Die weite, gewaltige Halle war dicht besät von festlich gehobenen Menschen; erivartungsvoll harrte alles des Beginnes; die Zeiger der Uhr hatten längst die angesetzte Stunde übersprungen; die Hammerschläge ertönten; Warburg nahm das Wort; vornübergeneigten Hauptes lauschten Männer und Frauen der wohlgesetzten, flammenden Ansprache des Vorsitzenden. Allein Wolfffohn fehlte. Zürnte er? Hielt er sich abseits,, ein grollender Achill? Die Vermutung lag nicht fern, denn man raunte und zischelte von unmutigen Absagen, Verstimmungen und Unverträglichkeiten. Doch da war er schon. Plötzlich gcht eine Welle unruhiger Bewegung durch die dichtgescharten Reihen; donnernde Zurufe erschallen; prasselnd fallen die Hände aufeinander; der Sprecher muß innehalten; und auf dem Podium tritt, von einer ansehnlichen Suite von Männern uxtb Frauen begleitet, ein Redner von hünenhaftem Bau hervor, umbraust von dem frenetischen -Jubel einer fanatisierten Masse, umtobt von den Willkommgrüßen hingebeud huldigender Menschen, umweht von T.ücherschwenkeu und winkenden Armen. Ein stolzer Auftritt, beneidenswerte Minuten. Ich brauchte nicht zu fragen, nicht Antwort zu heischen: der Mann,, .dem diese Ehren galten, war David Wolfffohn, das Haupt der Partei, die Seele ihres Wirkens, auch Präsident der Kolonialbank, deren Finanzpolitik und Gestion dem Kongresse das Gepräge leihen sollte. Die wöhlgefügte, hoheitsvolle Gestalt, die sich im Festgewande feierlich präsentierte, krönte ein mächtiger Kopf, der dunkle Haarwuchs etwas gelichtet, das tiefgebräünte Antlitz jedoch umrahtnt von langhaarigem Barte, das Ganze energisch belebt durch ein blitzendes, ernst blickendes Augenpaar. Eine robuste, gesundheitsstrotzende, reisige Erscheinung, die selbstbewußt und'wohlgefällig Applaus und Ehren entgegennahm und sich gewandt und dankend vorder begeisterten Menge neigte. Der Saal war heiß; erkochte und dampfte von Stimmung, Lust und Tatendrang. Die kräftige, aber auffällig wohlgepflegte Hand fuhr flüchtig über Auge und Stirne, die Hitze und Erregutlg genetzt hatten, und dann ließ sich der große, starke, schöne Mann in einen Lehnstuhl gleiten, beit aufmerksame Hände zurechtgestellt hatten. Der Zauber seiner mächtigen, achtunggebietenden Persönlichkeit hatte fasziniert, ob auch sein Wort zu zünden und fortzureißen versteht — ich weiß es nicht. Man hat ihn au jenem großen Abende nicht gehört, sein Mund blieb trotzigstumm und verschlossen. Erst in den folgenden Tagen ward es offenbar, daß sein Einfluß und seine Rede obsiegten; daß er erfolggekrönt die Leitung des Kongresses und der Partei behalten und seine Stellung an der Spitze der Organisation behauptet hatte. Nun ist dieser Mann, an Wuchs und Kraft gleich einer jener stolzen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.