Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 39 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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'Jtr. 39 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 663 Wir beten — und wir sagen uns — unser Kaiser betet mit uns, gleich inbrünstig, gleich andächtig für den Sieg der Armee — gleich dem Gesalbten in den Psalmen! Der Kaiser betet — der Allgütige wird ihn und uns — erhören! Kerajrwo.*) Ich weiß, schon die Ueberschrist dieser Betrachtungen wird die Meisten in Erstaunen setzen. Konventionelle Loyalität kann doch nicht Sache einer ernsten Monatsrevue sein. Und Beziehung ist doch! keine da. . . . Wenn „Die Freistatt" wenigstens in Oesterreich erschiene. . . . Aber da sie in Deutschland und für Juden verschiedener Staaten erscheint.... O, über diese Ahnungslosigkeit, die ich übrigens seit jeher und nicht gerade nur in Deutschland beobachtet habe. Oft ist sie mir z. B. bei galizischZüdischen Intelligenzlern, ohne Unterschied der sonstigen Gesinnung, aufgestoßen: Ach, Oesterreich. . . . Dabei ein Lächeln so von oben herab, mitleidig. . . . llitb keine Ahnung, daß sie nur Nachreden, was ihnen nichtjüdische Suggerenten vor- und eingeredet haben. . . . Keine Ahnung, daß die Juden vermöge ihrer eigellartigen Erfahrungen, Entwicklungeil und Bedürfnisse doch eigentlich, wie auf so vieles andere, auch auf diese Begriffs und Geschichtsstützigkeit der guten Europäer nicht hereinfallen müßten. Cs ist nun einmal so, daß sich die Europäer die feinsten Ergebnisse der geschichtlichen Entwicklung durch ihren unbezähmbaren Gewaltinstinkt selber verpfuschell müssen, und daß sie dann Jahrhunderte voll Blut und Tränen brauchen, um aus dem Pfuhl der Verpsuschung herauszukommen, um dann gewöhnlich in neue solche Pfühle hineinzufallen. Was haben sie nicht aus deui nationalen Gedanken gemacht, der an sich die gesellschaftliche Anerkennung der Differenzierung, die Legitimation der Kulturnuance bedeutet, und der in ihren Fäusten und Mäulerrl zu einer Losullg natioilaler Aechtullg und Unterdrückung geworden ist? Wie mühell sie sich nicht, die Idee des Staates, die geniale Schöpfung, all der sie vielleicht den rühmlichstell Anteil haben, durch hart-? llückige soziale Unbilligkeiten zu verzerren? Und was haben sie sich nicht in diesem letzten Jahrhundert dadurch geleistet, daß sie den eben voll neuenl erfundenen Staat, die eben von neuem entdeckte Nation, diese zwei herrlichen Selbständigkeiten des Menschengeschlechtes, mit der ihnen eigenen gedanklichen und tatsächlichen Gewaltsamkeit für immer und überall zufammenschweißen wollen? Sitzen sie irgendlvo wirklich als einheitliches Volk auf einheitlichem Boden zusammen — können sie nicht begreifen, daß es anderswo anders aussieht und daß für dort eine andere staatlich-nationale „Moral" gilt, als bei ihnen daheim, und sie haben dann so etwas wie Mitleid mit diesem armen Anderslvo, das so tief unter der von ihnen erreichten politischen Lebensftufe steht. Leben sie wieder volklich gemischt beieinander, und zwar so, daß ein Teil durch Zahl oder durch geschichtliche Gründe das Uebergewicht über die anderen hat, danit lveiß sich dev überwiegende Teil zu helfen. Er proklamiert sich einfach als Staatsnation und schafft den fingierten Nationalstaat, den Staatsvolksstaat, in welchem die nationalen Minderheiten in die Staatsnation hinein¬ *) Wir entnehmen den obigen Aufsatz Dr. Nathan Birnbaum'» (Mathias Acher) dem Juli-Heft der „Freistatt", das, fertig gedruckt, eben zur Versendung gelangen sollte, als plötzlich — Ende Juli — sowohl der Herausgeber als auch der Redakteur ihre Einberufung erhielten und ohne weitere Verfügungen treffen zu können, in den Krieg ziehen mußten. Wir glauben gut daran zu tun, wenn wir den kurzen Artikel für die Oeffentlichkeit retten. Die Redaktion. gepreßt oder wenigstens gegenüber der Oeffentlichkeit in sie hineingemogelt werden. Nun gibt es aber unter diesen Staatsvolksstaaten auch solche, wo die Mischungsverhältnisse derartige sind, daß das zahlenmäßige oder "historische Uebergewicht eines Volkes den Gegengewichten der anderen Völker auf die Dauer nicht widerstehen kann und Kämpfe um Ueber und Gleichgewicht ausbrechen. Aus diesem Kämpfen her aus bildet sich dann die Idee des Staates ohne Staats- Nationalität, des Staates der gleichberechtigten Völker. Das heißt: der Nations- und Staatsbegriff werden aus ihrer absolut sein sollenden Zusammenschweißung wieder herausgelöst, die zwei herrlichen Selbständigkeiten der Menschheit stehen wieder, wenigstens zunächst in der Richtmig und Tendenz, jede für sich da: ein Stück Ge walttum ist daran, sich zu überleben, ein Stück Menschen freiheit ist in Vorbereitung. Freilich, von der Idee bis zu ihrer Verwirklichung ist ein weiter Weg. Zu verwickelt sind die Verhältnisse, zu dicht aufgehäuft die geschichtlichen Verfehlungen, zu stark die Denk- und Tatgewohnheiten der Menschen. Und in den besonderen Fällen kommen noch besondere Erschwerungsgründe hinzu. In der Türkei z. B. ist die Staatlichkeit zu locker und zu ohnmächtig. In Rußland herrscht zuviel unberechenbare Unverantwortlichkeit. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika, uw die Aterri torialitüt der verschiedenen Völker einen idealen Boden für den nationalitätslosen Staat bildet, ist das St-nnswesen noch zu jung. Nur einen Staat gibt es — von ziemlich starrem Gefüge, unberechenbarer Unverantwortlichkeit verhältnismäßig weit weniger unterworfen, und alt gering, um reif zu sein —, für den wenigstens diese befondereri Schwierigkeiten wegfallen. Mit den allgemeinen Wider ständen hat er ja auch zu kämpfen: Das find die Ge lüste verschiedener Völker, die anderen Nationen des Staates oder eines Teilterritoriums, auf das sie besondere Vorrechte zu haben glauben, zu beherrschen. Da sind die verschiedenen „Jrredentismen" derjenigen Natio nen, die irgendwohin zu „blicken" haben, wo sie mit ihrer nationalen Kultur oft weit weniger gut aufgehoberr wären und jedenfalls nichts gewinnen würden. Da sind endlich die Störungen von Seiten unzulänglicher Regierungen, die oft gerade die für beit nationslosen Staat wertvollsten Völker vor bcu Kopf stoßen: die mit Unverläßlichkeit geladenen dagegen verhätscheln, allerdings um sie bald wieder durch Brutalität aufzureizen: und den geschichtlichen Beruf ihres Staates verrennend, einfach nach dem alten Rezept des gemütlichen Zwanges für alle regieren. Aber trotz alledem', es geht doch besser als anderwärts. Man ist doch weiter gekommen als in anderen Staaten, die ihre Bevölkerungs-Zusammensetzung auf dieselbe Entwicklungslinie verweist. Es ist wenigstens schon ein Anfang da. Da find nicht tnehr bloße Möglichkeiten und Keime, sondern es ist wirkliche Tatsache, daß der Staatsnationalismus an x Stellen gesetzlich oderpraktisch durchlöchert ist. Es sind wirklich schon deutliche staats- und volksrechtliche sowie politische Ansätze de- Gemeinschastsftaates mehrerer Nationeit vorhanden. Sie werden zu lehrenden und wirkenden Tatsachen, und starke Faktoren und Gruppen sind schon in die Erkeuntuis oder wenigstens in ihren Vorhof eingetreten. Das Ideal der kulturellen Völker-Autonomie naiv oder reif, radi kal oder gemäßigt aufgefaßt -- gewinnt an Verbreitung. Kurz, jener ungarische Jude, dem ich einmal Wien zeigte und der dabei tiefsinnig fand, daß diese wunderbare alte Kulturstadt, rveil keinem Nationalftaate die nend, doch eigentlich keinen Lebenszweck habe, war nichts anderes, als einer von den tausenden Dutzende'.:, denen die Weisheit von dem alleinseligmachenden Natiousstaate