Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 39 (28.9.1914)
- Date
- 1914-09-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seit- M32 Dr. Bloch's Wochenschrift 9lx. 39 folgreichen Lieg verrichtet zu werden; denn gar mannigfache Kämpfe sind es, die der König zu bestehen hatte, und es find auch in unserer Zeit des Krieges in den verschiedenen Gemeinden unseres Vaterlandes die verschiedensten Psalmen als sogenannte Kriegsgebete ausgewählt worden. Jedoch wie in einem stillen Uebereinkommen fanden sich alle die verschiedenen Verordnungen in dem einen Gedanken zusammen, das angeführte Kapitel 20 zum Gebete besonders zu empfehlen; es war wie ein natürlicher Instinkt, der die ganze Judenheit zu diesem Psalm führte, der uns die geschichtliche Reminiszenz verkörpert — die 91 r nt ec kämpft siegreich im Felde — denn ihr Kaiser betet für sie. David hatte trotz seines bereits eingetretenen Alters zu seinen Heerführern gesprochen: „Ich will mit euch ziehen!" (Jbid.) Das Volk aber riest wir ziehen, du aber bete für uns! Auch von unserem greisen Kaiser wird erzählt, er habe zu seinen Räten gesprochen: „I ch will zu meinen Soldaten!" Gleich wie in der biblischen Zeit ruft jedoch das Volk: „Wir wollen dein Gebet!" Eine solche große Auswahl von Gebeten jedoch auch die Psalmen für Kämpf und Sieg uns bieten, mit dem Abschluß des Kanon versiegen die Quellen für Kriegsgebete. Wir haben, in dem fast zwei Jahrtausende zählenden großen Zeitraum nachher, eine große Summe von Gebeten aus der Not der Zeit heraus uns geschaffen. Wir kennen sie unter den Bezeichnungen von Piutim, Jozeroth, Kinnoth und Selichoth; aber Gebete für die Zeit des Krieges finden sich nicht unter denselben. Es istdies auch historisch begründet; da wir Israeliten bis in die Neuzeit in den verschiedenen Kriegen wohl m i t l e i d e n, aber nicht mit st reiten konnten. Die ersten jüdischen Mitstreiter aus den Schlachtfeldern unter allgemeiner Miteinberufung von staatswegen, sind in den deutschen Befreiungskriegen vor einem Jahrhundert erstanden. Bis dahin gab es wohl auch in den vorhergegangenen Kriegszeiten jüdische Mitkämpfer, aber — wie selbstverständlich bei der bürgerlichen Inferiorität nach den den Juden ausschließenden Staatsgesetzen — nur einzelne, freiwillig sich erbietende, nicht als die jüdische Gesamtheit repräsentierende Wehrkraft. Und dennoch gibt es eigentümlicherweise eine Selicha, mit einem sich anschließenden Pismon, die für diese Bußetage — in denen sich die Judenheit gegenwärtig befindet — für die Zeit des Krieges bestimmt ist. Der Verfasser derselben ist Rabbi Elieser Aschkenasi. Zwei gleichen Namens hat es gegeben; beide haben im 16. Jahrhundert gelebt. Der eine war Verfasser von Scholien zum Traktat Chulin; der andere, des agadischen Werkes „Maasseh haschem"; ein Buch voll tiefer Gedanken und einer selbst für unsere Zeit angepaßten homiletischen Vortragsweise. Es ist jedoch vorauszusetzen, daß der letztere als der Dichter der beiden angeführten Bußgebete für den Krieg anzusehen ist; darauf weist schon das gediegene Hebräisch hin, das derselbe so fließend und leichtverständlich — gleich dem in seinem homiletischen Buche — handhabt. Dieser R. Elieser Aschkenasi war Rabbiner in Krakau und das Erscheinen seines angeführten Hauptwerkes wird von seinem Schüler Baruch Teraus in der Einleitung mit dem Jahre 5343 — 1583 angegeben. Im Seder hadoroth erscheint er als Sohn des*Eliahu, des Arztes, der in allen Wissenschaften hochgelehrt war. Als Todesjahr wird 5346 oder 5347 angeführt. Er lebte also zu einer Zeit in Polen, in welcher sich die Juden in einer günstigen Lage besonderer Art befunden haben. Obwohl noch tief im Mittelalter, in allen Ländern bedrängt und verfolgt, waren die Juden Polens ungehemmt in ihrer praktischen und geistigen Tätigkeit, so daß auch viele Juden, namentlich aus Deutschland, dahin einwanderten. Es war das einzige Land, in welchem eine von der Regierung anerkannte jüdische Organisation bestand, die Synode der „arbach arozaus-1, der „vier Provinzen", bestehend aus Klein- und Groß-Polen, Reußen und Lrtthauen. Unser R. Elieser war gewiß einer der aus Deutschland eingewanderten Gelehrten und führte als solcher den Namen „Aschkenasi", der Deutsche. Hier erreichte er eine hervorragende Stellung in einer der Hauptgemeinden Polens, und seine Liebe und Dankbarkeit, sein Patriotismus leuchten aus den beiden Bußgebeten für die Zeit des Krieges, in welchen sein neues Vaterland verwickelt war. Die Ueberschrift derselben lautet: „Bittgebet zu einer glücklichen Kriegführung des Königs, zum Erbitten des Wohles der Regierung und ihres Heiles." Vielfach kehrt in beiden Gebetstücken die Variation des biblischen Verses wieder: „Auf einem Wege werden die Feinde gegen dich ziehen und aus sieben Wegen werden sie vor dir fliehen.". Wie geschaffen ist dieser Gedankengang für den gewaltigen Krieg, den die beiden Brnderstaaten gegenwärtig gegen genau sieben Feinde zu führen haben; gegen vier Großmächte und drei Kleinstaaten, die alle auf uns losstürzen, auf eintzn Weg mit einem „Stoß ins.Herz" gegen uns ziehen; die aber, wenn besiegt, dann auf genau sieben Wegen sich fliehend zurückziehen werden. Wir stehen vor dem großen Tage der Versöhnung, der auch sonst nur dem Gebete gewidmet ist. Ist dieser große, ehrfurchtgebietende Tag jedoch sonst ein Tag des Gebetes für die Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen des Einzelnen, in diesem Jahre ist er unzweifelhaft ein Buß- und Bettag für die großen Weltinteressen unseres Vaterlandes; für das Wohl und Wehe unserer jüdischen Söhne, die im Felde stehen und ihr Leben preisgeben; für die Flüchtigen aus unserem galizischen Nachbarlandc, die bis zum heldenmütig erfochtenen Siege iit den geschützteren Provinzen ein provisorisches Heim suchen; die jüdische Jugend gibt ihr Blut für's bedrohte Vaterland; die jüdischen Familienväter geben ihr Gut für dasselbe. Eine große Rettung hat die vaterländische Judenheit diesmal von Gott zu erbitten, einen großen Sieg hat sie inbrünstig zu erflehen an diesem Jom Kippur. Es wäre daher am Platze, dieses einzige aus der Vergangenheit unserer Exilgeschichte vorhandene Bußgebet des Rabbi Elieser Aschkenasi in den Synagogen vorzutragen, und zwar in der Zwischenpause vor dem Schlußgebete, welches im allgemeinen von den Rabbinern der Gemeinde verrichtet zu werden pflegt. Da diese Selicha sich in den sonstigen Gebetbüchern nicht vorfindet, sondern nur in der Gesamt-Selichoth — Ausgabe von Landau und in den deutschen von Redelheim, so könnte wohl die Gemeinde nicht mitbeten, aber dieselben von dem Vorbetenden anhören und in die kurzen Responsorien miteinstimmen. Wir in den Synagogen Versammelten sind die in der Heimat Zurückgebliebenen, wir haben die große, erhebende, unvergleichlich erhabene Pflicht des Gebetes an dem wechevollsten Tage des jüdischen Kalenderjahres; des Gebetes für den Sieg der heldenmütigen Armee, die sich für uns opfert; Tausende und aber Tausende unserer jüdischen Kinder stehen dort auf den Schlachtfeldern, um mitzukämpfen. In noch viel größerer Zahl harren ihre Angehörigen auf ihre glückliche Rückkehr; sieggekrönt, lorbeergeschmückt, kräftig, heil und ungebeugt den Ihrigen, die schmerzbewegt ihrer warten, zurückgegeben.