Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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L Ni« 654 Dr. Bloch'S Wochenschrift Nr. 38 sagte man, „der Russe ist noch lange nicht in. . . und wenn er wäre, hat die Zivilbevölkerung zu fliehen?" Als man aber nach wenigen Lagen in den stillere'.'. Gassen und an der Peripherie die Stimme der Kanonen hörte. * Die letzten Züge werden von Lemberg abgelassen. Mit 50—60 Waggons ein jeder und voll gepfropft. Bor dem Schalter an 1000 Personen — und nur c i it Schalter ist geöffnet! Ein Mann fällt in Ohnmacht; ihn hinaustragen ist undenkbar. Dem Portier werden bis 10 Kronen angeboten, daß er eine Karte 3. Klasse hole. .Schließlich stürzt man ohne Karten auf den Perron. Zwanzig Stunden und mehr harren Tausende, bis sic einen Platz kriegen — oder auch nicht. Bei jeden: Waggon ein wildes, rücksichtsloses Gedränge und Kreischen und Fluchen. Zwei junge Mädchen flehen, weinen: ,,Erbarmt euch, laßt uns auch noch ein! Für zwei Menschen wird doch noch Platz sein! Erbarmt euch!" Aber gestern abend noch pronrcnierten sie kokett und geputzt und flirtend in den Straßen; in den Varietees ward gegeigt und gejubelt und im städtischen Theater spielte man etwas Lustiges.-Doch auf der Straße bewegte sich langsam eine lange, lange Wagenrcihe mit Schwerverivrmdeten und im Osten war der Horizont feuerrot vom Brande ferner Orte. Dr. A b r a h a m S ch w a d r o n. Der Krieg. (Fortsetzung.) Wollte mau da rütteln, es würde der ganze Prachtbau wie vom Windstoß verweht werden und vom Reformjudentum wäre nimmer eine Spur zu finden. Es hat ja seinen Sitz einzig und allein im Tempel — auf das Privatleben auf das jüdische Haus erstreckt sich nicht seine Macht. Mit Sabbat, Schechita oder Mikwah haben sich die Reformer nicht beschäftigt. Ich komme übrigens auf die Trauungs- und Leichenredner, auf die Kaddischsager und Maskirbeter noch zurück und möchte jetzt durch die Beantwortung der folgenden Frage das vernichtende Urteil über die Reform geben. Die Frage lautet: Wo finden wir jene Elemente, die für ihren Glauben die allergrößten Opfer an Gut und Leben zu bringen imstande sind? In welchem Lager sind die Männer, die gleich ihren Ahnen ihre Religion bis zum letzten Atemzuge verteidigen würden? Es ist sonnenklar, wo sie zu finden sind. Der letzte Hausierer, welcher des Morgens, bevor er sein ärmliches Heim verläßt, einige Münzen in die Meirbalhaneß-Büchse wirft und dann ängstlich durch die Gassen schleicht, in den Wirtshäusern unter dem Gespötte der Trinker seine Ware feilbietet, oder der arme Handeljud — diese uns allen wohlbekannte Figur, der, sein Bündel aus dem Rücken, in den Höfen und auf den Treppen erscheint, dort zur Belustigung der kultivierten Jugend — oft auch der Erwachsenen — seine Stimme ertönen läßt — sie sind für das Judentum mehr wert als lausende Kaddischsager — denn ihr Leben ist Judentum, während letztere nur durch den Tod mit dem Tempel in Verbindung sind — ein sterbendes Judentum. Mit der Schechita, mit dem Mikwah hat die Reform nichts zu schaffen. Ist es nicht krasse Verleugnung des hohen Kulturwertes des Judentums, wenn mau in den Gemeinden Tempel baut, ohne für Mikwah und Schechita zu sorgen. Das Mikwah kann durch jedes Bad ersetzt werden, die Speisegesetze sind veraltet — aber der Mensch muß seinen Gottesdienst haben, wo anders könnte er Kaddisch sagen und Maskir beten. Schreiber dieser Zeilen hatte Gelegenheit, sich mit Mikwahfragen zu beschäftigen und auf sein Rundschreiben an viele Gaonim diesseits und jenseits des Ozeans die stereotype Antwort erhalten, daß es die erste, allerheiligste Pflicht eines jüdischen Gemeinwesens sei, für ein Mikwah Sorge zu tragen. Das waren natürlich lauter Anhänger und Verfechter der alten Richtlinien. Es dürfte hier am Platze sein, das Urteil von nichtjüdischer Seite über diese Frage zu hören. Einer jüdischen Gemeinde wurde von seiten der zuständigen Behörde eine Steuer für den Betrieb des rituellen Bades vorgeschrieben mit der Begründung, daß dieser Betrieb als Gewerbe zu klassifizieren sei. Die Gemeinde erhob Beschwerde beim Handelsministerium und der Minister gab folgende Entscheidung unter Zahl 51.131—1912 ab: ^Nachdem das Mikwah bloß eine religiöse Einrichtung und kein geschäftliches Unternehmen ist, ist diese Einrichtung nicht unter das Gewerbegesetz zu ziehen. Das Mikwah ist die wichtig st e und notwen big st e Einrichtung der jüdischen Religion.. — Wichtiger als eine Synagoge. Denn beten kann man auch unter freiem Himmel oder in einem gemietetenLokal, hingegen man aber alsMikwah nur ein solches Bad benutzen darf, das den Paragraphen des Schulchan-Aruch entsprich t." So urteilt die nichtjüdische. Behörde über Mikwah, die fundamentalste Einrichtung des Judentums. Durch diese wird die Reinheit des Judentums erhalten — die Reinheit der Ehe — die Reinheit des Geistes und der Seele. Das Mikwah wird mit Gott verglichen. Die letzte Mischnah des Traktats Joma nennt Gott Mikwah. — Und der Sabbat? Sabbat und Mikwah, die größten Kulturwerte des Judentums! Sabbath die Würze des Judentums! Welcher Prediger wagt es von ihnen zu reden? er fände taube Ohren. Betrachten wir einmal prüfenden Blickes das Judentum von heute. Ein leider nur geringer Teil hält die alten Traditionen aufrecht, steht treu zu seinem Gott. Es ist ein Glück, daß wir diese Juden doch beinahe in allen Landen finden — die größte Verbreitung im Osten und im Orient. Dort finden wir Thora und das kann uns als Trost dienen und bestätigt die Worte — Solange das Thorastudium betrieben wird, dürfen wir hoffen. Diese Juden lernen und lehren, sie verhüten, daß die Thora in Vergessenheit gerate, was für Israel der größte Fluch wäre. Sie sind die Hüter,' Streiter und Netter Israels, ohne Musik,' ohne Ornat, ohne Kappen und Bänder. In ihrer Mitte finden wir noch Gaonim, die das Judentum lebendig erhalten. Es sind die 7D8 WK — die Siegelbewahrer Gottes. — Dann kommen die großen Gruppen der vom „Zeitgeist" angekränkelten modernen Juden, deren Eltern noch zur alten Garde zählten, die eine gut jüdische Erziehung genossen und teils aus Gewohnheit, teils aus Furcht vor göttlicher Strafe mittun und nur ihrer Kinder wegen, die sie dem Leben doch nicht entfremden wollen, dem modernen Judentum huldigen. — Unter ihnen gibt es^ Viele, die das moderne Judentum als Mittel erachten, um ihre Kinder als Juden zu erhalten. Man erkennt sie sofort an dem Zwiespalt, der zwischen ihnen und der jüngeren Generation herrscht. Sie möchten wohl gerne noch alles halten, aber die Fürsorge — ihre Kinder in die bessere Gesellschaft einzuführen, veranlaßt sie, mit dem „Modernen" zu paktieren. Sie, die Kinder des Ghettos, wollen ihren Kindern eine bessere Zukunft sichern. Es ist interessant — in kleinen Gemeinden kann man es beobachten, wie schwer sie sich in das Neue hineinfinden. Ihr Benehmen ist linkisch. Sie können nicht anständig in den Bänken stehen oder sitzen — sie sind den alten „Ständer" gewohnt — es fehlt ihnen der Ordnungssinn — es sind Khillejuden, die das Schmusen gewohnt sind und sich Gewalt antun müssen — alles um ihrer Kinder willen, die moderne Juden werden sollen. Sie verzichten auf