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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-18 · 38 (18.9.1914) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
38 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 653 Bauern vor ihren Hänschen tind ans den Feldern an der Straße: die wundern sich, einige lächeln, andere verbergen ihre Schadenfreude nicht und einer, ein Erwachsener, hat semmelgroße Steine, mit denen er die vorbeieilenden Judenfuhren bedenkt; einen oder zwei für jede und einen dicken Fluch dazu. Bei der Dorfschenke, die einem Juden gehört, ist das Hoftor halb geschlossen und kein Mensch ist zu sehen. Die Bäuerin, die am nahen Brunnen Wasser schöpft, erzählt mit betonter Gleichgiltigkeit:- der Wirt sei eingerückt und die Wirtin habe mit den Kindern zu ihren Eltern „sich verfrachtet". „Aber", fügt sie hinzu, „die dürfte schwerlich mehr für die Dauer zurückkommen, denn der Mann ist bei den Grenzkämpfen inzwischen gefallen." Man gewahrte jetzt, daß die vordere Türe aufgesprengt und die zwei Stuben fast leer sind. Hatte die Wirtin alles mitgenommen? Oder andere? Aber am Boden liegt ein Talis und im Fenster stehen zwei Blumentöpfe: noch blüht die Reseda und die Levkoje.... $ * * Am „Dreischlagbaum"-Wege. Lange, lange Muni- Uons- und Proviantkolonnen, Feldtelegraphen-, Lustschifferuud Sanitätsabteilungen, eine Gruppe gefesselter Russophilen, reitende Artilleriedivisionen, trabende Husaren, Dragoner und Ulanen, marschierende Infanterie — wer „zählt die Namen" und die Zeichen und die Federn und die Büschel und die Farben und die Fahnen! Unabsehbar lange und immer neue Züge ltnb Waffenwülder! Und immer wieder werden die eilenden Zivilwagen von den Wachposten gestellt: „Halt! Legitimationen! Seid ihr feindlichen, seid ihr unseren Patrouillen begegnet?" So kommen wir in die nahe Feldherberge. Gewirr und Lärm hunderter von Flüchtlingen aus verschiedenen Städten und Städtchen und ein knotiges Geschiebe von Wagen und Pferden und Bündel und Körben und Säcken — und Kinderwägelchen, die schon Meilen gefahren. Aber in der Ruhepause ward allgemein das Bewußtsein des Elends verdrängt vom frohen „Gefühl des eilig geretteten Lebens". Und mag auch ein Jeglicher manches Leichte und Nützliche däheimgelassen und viel nutzloses Zeug mitgeschleppt haben — Fehler und Vorzüge hat keiner zu Hause vergessen, noch im Gedrängt und Getümmel verloren. Der schweigend Vernünftige und der geschwätzig Hohle, der unwürdig Stolze und der überlegen Bescheidene, der anspruchslos Opfernde und der klüglich Selbstsüchtige — alle blieben sie sich treu, nur anders gefärbt nach Zeit und nach Umstand. Da zanken an Sechzehn um einen mageren, hinkenden Gaul herum: „Du Dieb, du Gauner, du hast ihn heute aus dem Stall gestohlen!. Nicht wirst du weiterfahren: ich übergebe dich gleich mit Pferd und Wagen den Gendarmen; jetzt ist Standrecht, du. . ." Nicht verteidigt sich der Angegriffene; inacht noch einen Platz am überladenen Wagen, der ethisch Empörte kriecht als siebzehnter hinein und weiter schleppt sie der hinkende Dulder. Dort auf der Weide vorgeschoben eine größere Wagengruppe. An 50 Seelen mit eigenen, gut bepackten Wagen und Pferden fahren sie, auch jetzt noch in sichtlichem Wohlstand, freundschaftlichst zusammen, wie ihre Familien durch Jahrzehnte freundnachbarlich als Gutspächter des Grafen B. gelebt haben. (Auch Mirl, die Katze, ward nicht vergessen, die immer putzig erstaunte.) Nur einige Personen dieser Gruppe gehören nicht zu diesen Familien: zwei alte Mägde, die lange Jahre bei ihnen gedient und die nun zu nichts mehr taugen, als eben von guten Menschen mitgerettet zu werden, und acht fremde Flüchtlinge aus Podhajce. Diese Stadt war schon bemühe ganz verlassen, als die Gruppe durch dieselbe fuhr. Die acht weinten: Nehmt uns mit und rettet uns. Aber die Wagen konnten nicht mehr fassen. Da warf einer sein ganzes wertvolles Gepäck in einen fremden. Keller und nahm die achte. Auch Bettler und Landstreicher von Beruf drängen sich in das wirre Gemenge mit besonderem, leicht kennt lichem Gehaben. Die einzigen, denen dies Ungewöhnliche (Gewohnheit ist, blicken sie mit wenig Furcht und viel Ge nugtuung und Mißtrauen zugleich aus die neuen Gesellen und Konkurrenten. Vielleicht waren die es, die dem Wirte, dem tüchtigen und freundlichen Manne, am letzten Sabbat die Messingleuchter gestohlen haben und eine Anzahl Gläser dazu. In diese hatte die brave, schassende Wirtin die warme Milch ihrer zahlreichen Kühe den Flüchtlingen unentgeltlich eingeschenkt und sie gab das Brot dazu, das ihre Tochter aus dem vorrätigen Mehl täglich zweimal buck. Wie lange mag dies wohl reichen? Und zu kaufen ist jetzt keine Möglichkeit mehr. Schon zehn Tage dauert da in der Herberge der traurige Rummel; dazu die Sorge um ihre zwei Söhne, die im Kriege find - alle hier find sie schon übermüde ltrtb auch im Schenken bald erschöpft; aber wie könnte man zurückhalten, da vor den hungernden Wanderern der Vorrat liegt! Und hätte es jetzt einen Sinn, etwas aufzusparen? Wer weiß für wen? Und ein Ende ist nicht abzusehen . . . Aber am nächsten Tage war es abzusehen: sie mußten mitflüchten aus dein ganz russophilen Dorfe. Er fragte einmal — erzählte später dieser Wirt --- beit Dorfgeistlichen, warum sein ganzes Haus eifrig russophil, er allein aber anderer (Besinnung sei. „Weil ich sonst ain Ersten mein (Gehalt nicht erhielte," war die Antwort. In einem anderen Dorfe - erzählte ein zweiter Flüchtling — tat der Pope auch ganz besorgt wegen der herannahenden Russen. Als sie aber da waren, da stellte es sich heraus, daß er für sie einen großen Vorrat an Reis versteckt hatte. Dort soll auch ein russischer Patrouillenführer die Arbeiter und Angestellten des jüdischen Gutsbesitzers zusammengerufen und verkündet haben: „Von jetzt an werdet ihr nicht mehr den Polen und Juden die Hände zu küssen haben; ihre Güter und Vermögen werden unter euch verteilt und ihr werdet die Herren sein." Also sprach er und die Bauern nickten mit Verständnis. Kann es ein leichter faßliches Programm geben als dieses der Russophilen? * * * Lemberg. Großer Judenauflauf: eine christliche Frau, die mit einer jüdischen in Wortwechsel geriet, schreit: „Wartet, ihr verfluchten Juden; bald kommen die Russen, da werdet ihr alle hingeschlachtet!" Sie wird von der Menge zur Polizei geführt und verhaftet. An einem Tage waren mehrere solcher Fälle in dem einen Judenviertel, und die sich so geäußert haben, gehörten den verschiedensten Ständen an, auch den sogenannten besseren. Sie wurden verhaftet-und die Lemberger Juden waren beruhigt. . . . * * % Lemberg. Nach fünfTagen. Zahlreicher immer kommen und erschreckter die Flüchtlinge von allen Seiten zu Fuß und zu Wagen. Auch manche Bauern aus nahen Dörfern mit Weib und Kind und Kasten auf den kleinen Fuhren. Viele Einwohner Lembergs betrachten die Flüchtlinge aus der Provinz mit gemischten Gefühlen: diese Zeugen von Not und Bedrängnis stören ihre Zufriedenheit und ruhige Verdauung. Zu sehr schablonenhaft und „am Schnürt" verläuft dem Achtel- bis Ganzgroßstädter der Alltag — zu wenig ist er auf Unruhe und Entbehrung innerlich eingerichtet. „Feige sind diese Provinzler," dachte und

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