Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 652 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. :-8 Fünskirchen. Dr. Perlsz Armin, Oberrabbiner der hiesigen Kultusgemeinde, Ritter des Franz Josef-Ordens, wurde am 11. September zu Grabe getragen, tiefbetrauert von seiner Gemeinde und der ganzen Bevölkerung unserer Stadt, ohne Unterschied des Glaubens. Er war anerkannt als eine Leuchte der jüdischen Wissenschaft und einer der hervorragendsten Kanzelredner Ungarns. Nahezu bei jeder Nationalfeier mit der Festrede betraut, hat er besondere Verdienste um das Aufblühen unserer großen Gemeinde sich erworben, als Stadtrepräsentant und Gemeinderat sich an allen öffentlichen Angelegenheiten lebhaft beteiligt und sich besondere Verdienste um das Unterrichtswesen erworben. — Die Leichenfeier, welche im Kultustempel stattfand unter Beteiligung oer Spitzen aller Behörden und Konfessionen jeden Glaubens, war eine imposante. Die Trauerreden im Tempel hielten die Rabbiner von Essek, Szegszard, Bonyhad, Siklos, Magors und Eemeindesekretär Weisz. Als erster betrat die Kanzel der Präses der Kultusgemeinde Dr. Leopold Lorant, der in einer hochangelegten, vom Geiste wahren jüdischen National-Patriotismus durchwehten Rede die hervorragenden, unvergänglichen Verdienste des Verblichenen als Rabbiner, als Kanzelredner, als Lehrer, als Patriot und als Mann der Wissenschaft würdigte. Sein unersetzlicher Verlust hat die Gemeinde in tiefste Trauer versetzt und wird sein Andenken in den Herzen aller, die ihn kannten und ehrten, ein unvergängliches sein. Serajewo. Der Landeschef für Bosnien und Herzegowina hat Frau Dr. Rosalia Sattler-Feuerstein zur Amtsärztin in der neunten Rangklasse mit der vorläufigen Zuteilung zum Sanitätsdepartement der Landesregierung ernannt. Feuilleton. Uor den eindrechenden Küsten. Flüchtige Skizzen eines jüdische» Flüchtlings. Auf der Landstraße. Einspänner, Zweispänner, Bauernwägelchen, kleine Wirtschaftswagen, große Leiterwagen, Rollwagen: voll Menschen und Bündel, eilig geschnürt und wirr durcheinander. Alte, Junge, Gesunde, Kranke, wenig Jünglinge und viele Mädchen und viele, besonders viele Kinder. Fast lauter Juden. Wimmernd, weinend die wenigsten, die meisten still, verzweifelnd, mit unsäglich dumpfer Ungewißheit und Traurigkeit und Schrecken im verlorenen Blick. Aus Brody kommen sie und aus Leszniow und aus Zalozce; dort sind die Russen einmarschiert und die Russophilen zeigten ihnen: hier und hier wohnen Juden und Polen. Der Mob öffnete Läden und Häuser und führte volle Wagen heim. Dann wurden die Russen vertrieben und die Eigentümer suchten mit den Gendarmen das Geplünderte zusammen. Inzwischen aber kam der Feind wieder und mit Uebermacht. Bei einem Bäcker in Brody nahmen die Kosaken die ^,Barches" (Freitag früh war's) aus dem Ofen und ließen sich von chm Petroleum geben, das gossen sie ins Bett und schütteten die glühenden Ofenkohlen darauf. Das Haus brannte ab und einige Häuserreihen mit. Manche Insassen wurden von den Granaten getötet und einige auf der Gasse mit der Pike durchlöchert. Auch den greisen, frommen, schriftgelehrten Uhrmacher Reb Jossel schossen sie durch die halbgeöffnete Ladentür nieder — was der ihnen im Wege gestanden sein mag? * * * Zloczow, du liebliche, lärmende Stadt im grünenden Tale, wie verödet liegst du heute, ahnungsgrauend in Bangigkeit und Sorge und Verwirrung! Denn auf dem Höhenkranze um dich stehen der feindlichen Geschütze Feuerschlünde. Werden sie bombardieren? Werden sie nur vorüberziehen? Und so zieht mit Morgengrauen auf der staubigen Straße nach Westen ein langer Zug von Fußgängern fort. Das ist die dritte Wanderstufe. Zuerst flohen mit der Eisenbahn die Vorsichtigsten und — Reichsten. Nach drei Tagen verkehrten die Züge nicht mehr, die Pferdewagen kamen an die Reihe und deren Preise wurden unerschwinglich. Bis hundert Kronen zählte man für einige Meilen. Kam dann der Feind ganz nahe, so waren auch keine Fuhren mehr und jeden mußten seine Füße fahren. Greise und Kinder mit großen Bündeln ungeschickt am staubigen Rücken: wenn man nur nicht in der Fassungslosigkeit und Zerstreuung die unnützlichsten Sachen mitgeschleppt hätte! Für die Strapazen des Weges zog man die schlechtesten und ältesten Kleider an; man hoffte in einigen Tagen vielleicht zurückkehren zu können — die guten Kleider überließ man so der Obhut der Kosaken. Und in die Keller schleppte man in Eile und Bestürzung, was sich schleppen ließ, und verschloß sie feste. Werden die Russen, wird der eigene Mob mit ihnen das Recht der Schlösser respektieren? In einen: Karren schleppen Mann und Frau ihre ganze Habe und ein zweijähriges Kind. Er war Wirt in einem Dorfe, das im Granatenregen eingeäschert wurde, und feilt neues Haus mit. Auf einen großen Wagen konnte er noch das früher schon in Vorsicht und Ueberlegung reichlichst zusammengepackte Haus- und Wirtschaftsgerät retten. Aber nach zwei Meilen, am Walde, wurden Wagen und Pferde für einen dringenden Verwundetentransport requiriert und alle Sachen nrußten hinaus. Er erhielt über das Gespann vom Sanitätsgefreiten eine Bestätigung und den Karren von einen: ihn: bekannter: Bauern: aus dem nachbarlichen Dorfe. Was auf den Karren nun heraufkonnte, das besitzt er. Sein Mädchen von 10 Jahren war zur Stunde seiner Flucht im nächsten Städtchen; der Vater weiß nicht, was mit seinem Kinde geschehen ist. Nur soviel weiß er: jenes Städtchen ist dem Erdboden gleichgemacht urrd seine dortige verwitwete Schwester, ' der er später begegnete, weiß über den Verbleib des Kindes nichts. Sie ist auf der Flucht mit einer Anzahl anderer Flüchtlinge unerwartet am Hügelabhang bei Gliniany m die Feuerlinie geraten. Alle lagen sie mit unseren Soldaten :u den Deckungsgräben und die feindlichen Schrapnells flogen über und zwischen ihnen. Also wurden auch einige Flüchtlinge verwundet, einige getötet. So neben ihr der alte „Dajan" des Städtchens, der bis zum Ende Psalmsätze gemurmelt, und die frorrrme Riwale, die „Mutter der Armen". „Mir," sagt sie, „hat Gott seine große Gnade erwiesen und mich durch seine Wunder gerettet — habe ich es denn mehr verdient als jene?" „Und", setzt sie nach einigem Nachdenken hinzu, „haben Reb Wolf Dajan und Riwale auch! nur ahnen können, daß ihnen am Rosch-Haschono „eingeschrieben" ward, im Soldatengrabe bestattet zu werden?" Sie weint und mitweinei: die Mutter und der Vater des verlorenen Kindes. Ein anderes jüdisches Kind von 5 Jahren ist auf der Straße bei Kozowa vor: einem österreichischen Leutnant als Patrouillenführer aufgefundcn und in eine nahe Stadtgebracht worden. Wer mag das Kind sein und wo und wie mögen seine Eltern sich befinden!? * * * Auch das war ein Etappenmarsch: in das nächste Städtchen schleppte man sich zuerst; das liegt drei Meilen westlicher und bleibt hoffentlich verschont. Es sollte nicht sein. Und izu den Flüchtlingen von vorgestern gesellten sich die Einwohner, die gestern Ruhigen, Zuversichtlichen. Größer ward die Schär und bunter und trauriger und wälzt sich weiter, westlicher — bis ins nächste Städtchen. Und überall, in den Dörfern und in den Städter:, stellen Polen und Ruthenei: Heiligenbilder in die Fenster. „Heiliger Florian, behüt' mein Haus, zünd' meines Nachbars an!" So lautet ein freundlicher Spruch, der auf altdeutschen Häusern in den Alpen sich findet, und derart auch war der Sinn dieser unserer Begrüßungszeichen auf dem schmerzlichen Zuge.