Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 648 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 38 Sofie Lieben, 9. Bez., Hörlgasse 16. Auskünfte erteilt die „Wiener Brockensammlung", Telephon 35310, 7. Bez., Lerchenfelderstraße 71. Für das Arbeitskomitee der „Weiblichen Fürsorge": Regine Ulmann, Sofie Grünfeld, Clotilde Benedikt, Rosa Schur. Für die „Brockensammlung": Frau Landesgerichtsrat Sidonie B a r b e r, Franzi Bischofs Werder, S. Bauer. Vereine „Ferienheim", „Seehofpiz", Frau Hofrätin L ö w n e r („Providentia"), Hermine K a d i s ch (Volksküchei, Ella Zirner und Laura Krenberger (Hietzinger Verein), Sidonie Kahn (Döblinger Verein), Emilie Weiß (Brigittenauer Verein), Henriette Grünwald (Floridsdorfer Verein), Frau F i k t o r („Zuflucht"), Herr Notar Dr. B e r m a n n („Kinderschutz"). Spezialkomitee der Aktion: Frau Jda Barber, XIX., Döblinger.Hauptstraße 4, Frau Raja Barber-Waldberg, XIX., Reithleg. 12, Frau Prof. Ehr mann, IX., Koling. 9, Frau Henriette Fuchs, IX., Rote Löwengasse 7, Frau Jenny Frank, I., Augustengasse 4, Frau kais. Rat Sofie Lieben, IX., Hörlgasse 16, Frl. Johanna Lury, IX., Fuchsthallergasse 4, Frau Cecilie Pinell, IX., Hörlgasse 16, Frau Irma Rosenberg, IX., Glasergasse 10, Frau Johanna Spitzer, I., Zelinkagasse 12, Frl. Adele Wasing, I., Schwertgasse 3, Frau Leopoldine Weigl, IX., Berggasse 3 p. Anschließend an diesen Aufruf, werden unsere stets so hilfsbereiten Geschäftsleute und Firmen, deren Tätigkeit unter dem Krieg leidet, gebeten, etwaige überflüssige Handwägelchen lechweise behufs Spedition der „Brockensammlung" zu überlassen. Kriegssürsorge der Juden Wiens. Uns wird geschrieben: Die energische, fast drohende Mahnung an die Reichen des Landes, welche im Wege der offiziösen Korrespondenz „Wilhelm" dieser Tage durch die Blätter ging und so großes Aufsehen erregte, trifft uns Juden am allerwenigsten. Man «braucht nur die Spendenausweise im ganzen Lande mit Aufmerksamkeit zu verfolgen, um zu konstatieren, daß die Juden an diesen Sammlungen in einem Ausmaß beteiligt sind, das sowohl ihr Verhältnis zur Zahl der Gesamtbevölkerung als auch dasjenige ihrer Steuerleistung bei weitem übersteigt. Man kann ruhig sagen, der Jude in Oesterreich hat. schon bisher bewiesen, daß er das Wort „Gut und Blut fürs Vaterland" in des Wortes buchstäblichstem Sinne zur Tat gemacht hat, und man weiß, daß man auch weiterhin auf ihn in beiden Richtungen bedingungslos zählen kann. Alle diese Spender sind Mitglieder der Kultusgemeinde, und es entspricht nur dem bewährten Geiste der Kultusgemeinde, daß ihr Vorstand gleich bei Ausbruch des Krieges den prinzipiellen Beschluß faßte, alles zu vermeiden, was einer 'Konfessionalisierung der Fürsorgeaktion ähnlich werden könnte. Nur so war es möglich, daß die Mitglieder der Kultusgemeinde sich an all den verschiedenen Fürsorgeaktionen in so reichem Maße beteiligten und noch unausgesetzt beteiligen. Die Juden Wiens nehmen freudigen Herzens regen Anteil an all den Fürsorgevorkehrungen, welche der Staat, das Land und die Kommune mit Hilfe der Gesellschaft getroffen haben. Trotz alledem erwachsen der Kultusgemeinde oder richtiger gesagt der jüdischen Gesellschaft Wiens noch ganz besondere Aufgaben, deren Erfüllung von keiner der geschaffenen Kriegsfürsorgestellen übernommen werden kann. Abgesehen davon, daß die auch in normalen Zeiten einen fast zu großen Teil des Budgets ausfüllende Wohltätigkeitsagende der Kultusgemeinde durch die Kriegslage eine ungeheure Erhöhung erfahren hat, hat der Krieg bei einer überaus großen Zahl der Gemeinde eine Situation geschaffen, welche ein Eingreifen zur Pflicht macht. Es wäre für die Kultusgemcinde geradezu katastrophal, wenn ihre Mitglieder, welche vor dem Kriegsausbrüche nicht nur der öffentlichen Wohltätigkeit nicht zur Last fielen, sondern es selbst als ihre Pflicht ansahen, die Kultusgemeinde und ihre Institutionen moralisch und materiell zu fördern, während dieser vorübergehenden Krise der völligen Verarmung preisgegeben würden. Da muß die jüdische Gesellschaft eingreifen, denn sie rettet damit den jüdischen Mittelstand, die Kerntruppe der steuerzahlenden Gemeindemitglieder. Aber selbst da§ kann nicht Aufgabe der Kultusgemeinde selbst sein. Denn abgesehen davon, haß die Steuer-- eingänge der Kultusgemeinde unter der allgemeinen Notlage naturgemäß stark im Rückstände sein dürften, muß die Kultusgemeinde vor allem und in erster Reihe jene Pflichten erfüllen, welche ihr Gesetz und Statut auferlegen. Und selbst bei der größten Zurückhaltung werden die Mittel der Kultusgemeinde schon bisher in einer Weise in Anspruch genommen worden sein, die eine größte Anspannung der vorhandenen Kräfte notwendig machen. Es muß nun der Wahrheit die Ehre gegeben werden, daß die jüdische Gesellschaft, trotzdem sie mit ihren Beiträgen für die allgemeine Fürsorge in der vordersten Reihe steht, auch in diesen speziellen Fragen sich in Bewegung zu setzen beginnt und eine Fürsorgearbeit leistet, welche zum Teile zu den Aufgaben des Staates, des Landes und der Kommune zählt. Der Kultusvorstand hat zunächst die jüdischen Vereine nach der Richtung hin zu einer gemeinsamen Arbeit vereinigt, durch welche die Bestrebungen der Kommune hinsichtlich der Ausspeisung der Arbeitslosen im großen Mäßstabe wesentlich unterstützt wird. Durch diese Aktion stehen der kommunalen Ausspeisungsunternehmung vollständige Einrichtungen zur Verfügung, durch welche täglich in mehreren Schichten 8000 bis 10.000 Personen klaglos ausgespeist werden können. Stehen diese Ausspeisungsstellen auch naturgemäß jedem ohne Unterschied der Konfession zur Verfügung, so ist durch dieselben der Kommune doch die Möglichkeit geboten, auch die Wünsche jener Arbeits¬ und Stellenlosen zu erfüllen, welche, ihrer bisherigen Lebensweise entsprechend rituelle Kost haben möchten. Gleich nach Ausbruch des Krieges kamen zahlreiche jüdische Familien, Flüchtlinge aus Feindesland, besonders aus Belgien und Frankreich, nach Wien und suchten hier Schutz in ihrer momentanen Not. Es sind das österreichische und ungarische Juden, die aus ihrem ständigen Wohnorte in Belgien und Frankreich, wo sie zum Teile Vermögen erworben hatten, vertrieben wurden, phne auch nur die Möglichkeit zu haben, sich die Mittel für ihren Lebensunterhalt mitzunehmen. Auch hier hat der Kultusvorstand die Initiative ergriffen, daß diese Flüchtlinge, welche als österreichische, bezw. ungarische Staatsbürger den Anspruch auf staatlichen Schutz und staatliche Fürsorge haben, bis zu jener Zeit, da der Staat ihnen zu ihrem zurückgelassenen Vermögen verhelfen wird, vor dem Aergsten bewahrt bleiben. Auf Initiative des Kultusvorstandes hat der jüdische Jugendbund, jene wackere Gruppe junger Juden, fast ausschließlich Söhne von Mitgliedern der B'nai B'rith-Organisationen, tatsächlich Hervorragendes geleistet. Diesen Flüchtlingen hat der Talmud-Thora-Verein seine Lokalitäten zur Verfügung gestellt, und der Jugendbund hat diese seine Schützlinge liebevoll betreut und betreut sie auch jetzt, nachdem sie