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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-18 · 38 (18.9.1914) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
38 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 649 infolge des Schulbeginnes aus der Talmud-Thora-Schule in andere Wohnungen gebracht worden sind. Das schwerste Problem ist unstreitig das galizische. Der überwiegende Teil der Flüchtlinge aus Ostgalizien hat Wien zum Ziele gehabt. Man schätzt die Zahl der aus Galizien nach Wien geflüchteten Juden zwischen 50.000 und 70.000. Besitzt auch ein großer Teil dieser Flüchtlinge jetzt noch geringere oder größere Mittel, so muß doch leider mit der Wahrscheinlichkeit gerechnet werden, daß die Zahl der völlig mittellos Gewordenen unter diesen Flüchtlingen täglich größer wird. Es ist gar kein Zweifel, daß die Lösung dieser Frage zu den Obliegenheiten des Staates gehört, für welchen diese Menschen aus ihrem bürgerlichen Leben, aus ihrem ruhigen Gewerbe, aus ihren Berufen aller Art gerissen und überdies ohne Heim und in vielen Fällen selbst ohne Unterkunft geblieben sind. An die Lösung dieses großen Problems können sich weder der Kultusvorstand noch die jüdischen Organisationen oder die jüdische Gesellschaft überhaupt heranwagen. Es ist eine große und vielseitige Frage, deren Lösung ungeheure Mittel erheischt. Was von jüdischer Seite geschehen kann, ist, daß. die erwähnten jüdischen Stellen den Faktoren des Staates ihre Mithilfe und Mitarbeit gewährleisten und mit Hilfe des Staates jenen zahlreichen Unglücklichen zu Hilfe kommen. Tatsächlich hat auf Initiative der B'nai B'rith-Vereinigungen eine Organisation eingesetzt, an welcher auch der Kultusvorstand, der galizische Hilfsverein, die Allianz usw. teilnehmen. Aber bis diese Organisation ihre Tätigkeit beginnt, eine Tätigkeit, die sich nicht nur auf Geldunterstützung erstreckt, sondern auch die Arbeitsvermittlung, die Unterbringung usw. in sich schließt, hat der Vorstand der Kultusgemeinde für das Allernotwendigste viele Tausende von Kronen widmen müssen. Eine spätere Geschichtsschreibung wird sicherlich den Anteil feststellen, den die Juden in Oesterreich-Ungarn an den Opfern an Gut und Blut, welche dieser Krieg für die Ehre und den Bestand der Monarchie erfordert, genommen haben. Aber schon jetzt dürfen wir Juden dieser Monarchie hier erhobenen Hauptes sagen, daß wir nicht nur unsere Pflicht getan und auch fernerhin zu tun bereit sind, sondern daß wir, erfüllt von grenzenloser Liebe für dieses Reich und tu treuer, hingebungsvoller Anhänglichkeit an unseren geliebten Monarchen, mehr tun, als unsere Kräfte es gestatten. Patriotismus der österreichischen und ungarischen Juden in Amerika. Aus Newyork wird geschrieben: In der Newyorker Unterstadt, welche auch das jüdische Ghetto in sich schließt und wo auch die europäischen Konsulate sich befinden, herrscht jetzt reges Leben. Eine vielsprachige Bevölkerung bewegt sich in den Straßen und bespricht erregt die Tagesereignisse. Und ist der Streit verstummt, dann ertönt aus Hunderten von Kehlen das patriotische Lied. In Straßen und auf Plätzen, welche von der immer geschäftigen Bevölkerung sonst kaum beachtet wurden, stehen jetzt große Gruppen von Menschm und lauschen dem lauten Vortrage irgend eines Landsmannes, der aus einem eben ausgegebenen Extrablatte die allerletzten Nachrichten verkündet. Aus der Mitte dieses angesammelten Publikums leuchten gewissermaßen die Gesichter der Juden hervor. Besonders lebhaft geht es vor dem österreichisch-ungarischen Konsulate in der State-Street zu, wo ein ganzes Heer galizischer Juden versammelt ist, um .sich korporativ beim Konsul zum Kriegsdienst zu melden und mit der nächsten Fahrgelegenheit nach Hause zu eilen und auch auf solche Weise den Beweis zu erbringen, daß sie auch in der neuen Welt, auch unter günstigen materiellen Verhältnissen ihrem guten alten Kaiser Franz Josef und dem Vaterlande treu geblieben sind. Im Konsulate hat diese Haltung der galizischen Juden gewaltigen Eindruck gemacht, da die von England beeinflußte englische Presse in Amerika die Lügenmär hinausposaunte, daß die galizischen Juden sich weigerten, dem Mobilisierungsrufe zu folgen und sich jetzt beeilten, die amerikanischen Bürgerpapiere zu lösen. In den letzten Tagen, seitdem die Berichterstattung aus Oesterreich-Ungarn und Deutschland wieder regelmäßiger eingesetzt hat, wurde allerdings das Lügengewebe der Entente-Presse unbarmherzig zerrissen und die amerikanische Presse gibt nun zu, daß sie bezüglich der österreichischen Juden in Amerika und ihrer Haltung zum Kriege falsch informiert worden sei. Mährend hinsichtlich der galizischen Juden wenigstens für kurze Zeit lügenhafte Nachrichten verbreitet werden konnten, mußte selbst die im Solde des Dreiverbandes stehende amerikanisch-englische Presse gleich bei Ausbruch des Krieges zugeben, daß die in Arnerika lebenden Ungarischen Juden einen Patriotismus an den Tag legten, der in allen Kreisen die höchste Bewunderung hervorrief. In hellen Scharen unter Absiugung ungarisch-patriotischer Lieder zogen die ungarischen Juden — selbst die konservativsten unter ihnen — zum Konsulate und meldeten sich, zum Waffendienst. Die amerikanischen Blätter heben ganz besonders hervor, daß diese Juden ihren König wie einen Gytt anbeten und von Ungarn selbst nach vieljährigem Aufenthalte in Amerika in eurer Weise schwärmen, wie es nur echte, unauslöschliche Vaterlandsliebe imstande ist. Abgeseherr davon, daß sowohl in den galizischen als auch in den ungarischen Synagogen von Newyork allsabbatlich Gebete für das Wohl des Kaisers und Königs Franz Joses verrichtet werden, findet diese Liebe zum greisem Monarchen jetzt ganz besonders gesteigerte Gefühlsausdrücke für ihre Liebe und Verehrung für den Herrscher. Die Synagogen dieser Landsmannschaften sind jetzt vor und nach dem Gottesdienste der Schauplatz patriotischer Kundgebungen, und ganz besonders bei den ungarischen Juden findet sich immer ein Redner, der in ungarischer Sprache seine Kompatrioten anseuert, ihre Pflicht zu tun. Und diese Pflichterfüllung erfordert bei sehr vielen große Opfer. Viele müssen Weib und Kind zurücklassen, in den unsichersten Verhältnissen, denn die europäische Krise hat auch auf die amerikanischen Verhältnisse ihre Rückwirkung nicht verfehlt. Viele österreichische und ungarische Juden haben Amerikanerinnen geheiratet, und es muß der Wahrheit die Ehre gegeben werden, daß diese Amerikanerinnen und selbst -ihre Kinder großes Verständnis für die patriotische Handlung des Gatten, bezw. Vaters, an den Tag legen. * * * Unter der Überschrift „Die Lügenpresse jenseits des Ozeans" berichtet Hans Heinz Ewers in der „B. Z. am Mittag" über die Preßhetze der Anglomanen in Newyork und er bemerkt u. a.: »Ls ist gar nicht zu sagen, mit welchem Schmutz in den Blättern der Deutsche Kaiser überschüttet wird! Zeichnungen und Aufsätze überbieten sich darin! Sehr erfreulich ist dieser Massenhetze gegenüber der mannhafte Kampf der deutschamerikanischen Presse, vor allem des »N. Y. Herald« und der »N. Y. Staatszeitung«, ihnen tritt die jüdische Presse«, so die »Wahrheit« und der »Vorwärts«, sehr energisch zur Seite. Ueberbaupt ist es eine Freude, zu sehen, wie sich ganz allgemein das jüdische Element — Newyork h^t weit über eine Million Juden — sehr kräftig für die Deutschen einsetzt, wie sich überall werktätige Hilfsbereitschaft zeigt. Daneben sind es die Irländer, die ganz offen in Versammlungen und in der Presse (»Irish World«) für Deutschland und gegen England Partei nehmen.« Es sei hiebei bemerkt, daß sowohl von Seite der österreichischen Juden als auch seitens der ungarischen

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