Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 644 Dr. Bloch's Wochenschrift Nc. 38 Das Hilfsmerk für die ostgalizischen Flüchtlinge. Ein bekannter Wiener Schriftsteller sendet uns ein Schreiben, in welchem u. a. auch folgende Mitteilung sich findet: „Heute war ich im .... Ministerium, wo ich bei einem der ersten Staatsfunktionäre wegen einer wichtigen Angelegenheit intervenierte. Bei dieser Gelegenheit vernahm ich aus seinem Munde eine Aeußerung, die ich Ihnen notieren muß. Er bemerkte, daß die Frauen der aus Lemberg, Czeriwwitz und anderen vom Kriege heimgesuchten Städten nach Wien geflüchteten wohlhabenden Juden aus der Ringstraße, im Stadtpark und in den Kaffeehäusern durch ihre reichen zur Schau getragenen und schmuckbeladenen Toiletten ganz besonders aussallen, daß man aber nicht davon vernommen habe, inwiefern diese reichen Familien für ihre unglücklichen armen Schicksals- und Glaubensgenossen in Wien, deren Not so groß ist, irgendwie Opfer und Teilnahme an den Tag gelegt hätten." Diese Aeußerung eines hohen Staatsfunktionärs Ihnen zu übermitteln, erachte ich als meine Pflicht. Nachschrift der Redaktion: Indem wir von dieser Mitteilung unseren Lesern Kenntnis geben, dürfen wir wohl darauf verweisen, daß die Anklage mangelnder Großherzigkeit nicht die bezeichneten Kreise allein trifft; offen und unverhohlen hat ein offiziöser Aufruf an die Vermögendsten, die Reichen, die Millionäre des ganzen Reiches sich gewendet, die gerade seltsamerweise die Pflicht des Augenblickes nicht in dem Umfang erfaßt haben, als wünschenswert und selbstverständlich gewesen wäre. Auch die bekanntesten Träger ererbter Reichtümer hüben sich nicht durch jene Opferwilligkeit ausgezeichnet, entsprechend der Not des Tages und der Wichtigkeit des Momentes. Der Vorwurf, daß im Durchschnitte gerade von den solventesten Stellen viel zu wenig gegeben wurde und gegeben wird, trifft alle Kreise, und es wäre zu wünschen, daß gegenüber der ehernen Tatsache der Notwendigkeit jeder einzelne seiner Pflichten gegen die Gesamtheit sich bewußt werde. , Eingesendet. Wien, 10. September 1914. Geehrte Redaktion! Im Briefkasten Nr. 36 antworten Sie an „Lilly S a l t e n", daß die jüdischen Damen jetzt nicht Toilettenluxus treiben sollen usw. — Sehr recht haben Sie; nur verurteilen Sie diesen Unfug viel zu schwach; nicht im Briefkasten, sondern in flammenden Artikeln müssen Sie im Interesse des Judentums gegen solchen Unfug kämpfen; jawohl, im Interesse des Judentums, denn wieviel „Rusches" diese aufgedonnerten, überladenen Weiber machen, ist gar nicht zu sagen! Was hat in dieser bitteren, ernsten Zeit eine jüdische Frau in den Kaffeehäusern zu suchen?? Man soll aber nur Stadtpark, Habsburg, Aspernplatz usw. ansehen; nichts als nur Jüdinnen, von Mittag bis zur Nacht, alle geputzt und geschmückt; das Herz tut einem Juden weh, wenn man hört, wie die Wiener sich darüber äußern, und leider — mit Recht. Leiten Sie eine Aktion gegen diesen Unfug ein, denn Ihr Blatt ist sehr gelesen. Hochachtungsvoll Helene Braun. „Meine lieben Juden." Nach einem Bericht der„Ruskoje Wjedomosti" tagte in Moskau bis zum 24. August eine Versammlung der Vertreter aller russischen Stifte, die über mit dem Krieg im Zusammeichang stehende Fragen verhandelte. In der Debatte lenkte ein Teilnehmer die Aufmerksamkeit auf die trostlose Lage der von der Westgrenze flüchtenden Familien. Der Bürgermeister von Petersburg, Graf I. Tolstoi, bemerkte, hievon würden am schwersten die jüdischen Familien betroffen, die kein Recht hätten, in Petersburg zu wohnen. Als ein Beispiel hiefür führte er folgenden Fall an: Nach Petersburg zog ein jüdischer Kaufmann aus einem der westlichen Gouvernements, dessen Haus zu Militärzwecken verwendet worden war. Seine drei Söhne stehen bei den Fahnen. Er selbst konnte in Petersburg bleiben, aber bezüglich seiner hiezu nicht berechtigten drei minderjährigen Kinder wurde die Ausweisung binnen drei Tagen angeordnet. Erst nach längeren Verhandlungen mit dem Oberstadthauptmann wurde der Fall beigelegt. Graf Tolstoi bemerkte jedoch, im russischen Heere stehen 350.000 jüdische Soldaten und deren Angehörigen könne dasselbe begegnen wie dem erwähnten Juden. Man müsse also irgendwelche Maßnahmen zur Milderung der harten Anwendung des Gesetzes über die jüdische Ansiedlungsgrenze treffen. In der Tat ist in dieser Beziehung seither Erhebliches geleistet worden. Es ist nämlich ein Aufruf des Zaren an seine lieben Juden verbreitet worden und hat augenblicklich den Erfolg gehabt, daß die Kosaken sich über die Juden hermaMen. * 4- 4- Wir lesen in der „Deutschen Moskauer Zeitung": Der jüdische Arzt Dr. Rathaus in Smolensk wandte sich an den Unterrichtsminister mit folgendem Gesuch: „Mein Sohn hat das Examen zur 1. Klasse des Smolensker Krongymnasiums bestanden, die Tochter — zur 1. Klasse des Mädchengymnasiums des Marienressorts. Ich habe am Kriege in der Mandschurei teilgenommen und mir sind allerhöchst der Stanislaus- und der A n n e n - O r d e n mit Schwertern verliehen werden. Bin schon drei Jahre Arzt an der dritten höheren Elementarschule ohne Gehalt und bin jetzt wiederum zum aktiven D i e n st einberufen. Ersuche Sie deshalb, meinen Kindern die Aufnahme in die Schulen ohne Anwendung der Prozentnorm und der Losung zu gestatten." Das Gesuch ist abschlägig beschieden worden. * * Es war am Tage nach der Proklamation des Zaren an die Juden in Russisch^Polen, als in Berlin ein Kursus für Kriegszahnärzte eingerichtet wurde. Der Leiter dieser Uebungen, Professor Dr. S chro ed er,Pellte eine Dame vor, eine russische Jüdin, der bei einem Pogrom Ober- und Unterkiefer vollständig zerschossen waren, so daß ihr nur unter größter Mühe einige flüssige Nahrung durch eine silberne Röhre eingeflößt werden konnte. Nun ist die Aermste in der Berliner Klinik völlig geheilt und sie kann wieder essen, trinken und sprechen, wie nur je in besseren Tagen, dank der deutschen Heilkunst. „Meine Herren," so schloß Professor Schroeder die Darlegung des schwierigen und interessanten Falles, „ich habe Ihnen hier ein Opfer des Pogroms vorgeführt, das deutlicher als tausend Worte die heuchlerische Phrase des Zarenmanifestes beleuchtet und vor allem die Art der Wohltaten darlegt, wie sie den Juden in Rußland beschieden gewesen und wie sie es in aller Zukunft bleiben werden, falls jetzt nicht endlich die Stunde der Befreiung schlägt." Lord Rothschild Mer die Versprechungen des Zaren. Lord RoHschild in London wurde befragt, was er von den Versprechungen der russischen Regierung zugunsten der Juden halte. Er antwortete mit nachdrücklicher Entschiedenheit, daß den Versprechungen des Zaren von Rußland kein Me ns ch i n der Welt irgendwelchen Glauben beimißt.