Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 38 (18.9.1914)
- Date
- 1914-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 38 Dr. Bloch's Wochenschrift Seit: 643 Die Opfer, die in diesem gegenwärtigen erschüttern beit Weltkriege von uns, den Juden, gebracht werden, sie sind.,allen diesen'Höherelt Zielen geweiht — wir bringen sie auf dem Altäre Gottes willfährig, mit dein Gedanken, daß der Allvater sie gnadertvoll aufnehme von uns, wie einst bei der A k e d a. Und wenn wir, Väter, Mütter. Gatten und Geschwister beklemmten Herzens vor deni verschleierten Bilde dieses großen S ch i ck s a l s - jahres in den Synagogen stehen, hoffen wir mit Zuversicht, daß auch uns bald die Engelsstimme entgegentöne: Genug .der Opfer! Ich.habe erkannt, daß du durch deine Opferwilligkeit für die heiligsten Güter deines Volkes dich derselben wert gezeigt hast! So möge dies der letzte große Riesenkampf der Menschheit sein und auf denselben d i e 'g r o ß e Posaune der Erlösung folgen — der die ganze Menschheit entgegenharrt. Möge den jährtausend alten Leiden Israels ein Ziel gesetzt werden in dem großen Schicksalsjahre — 5675! Maßnahmen für die gallischen Flüchtlinge. Der Strom der galizischen Flüchtlinge wird immer breiter und dadurch wächst das Problem ihrer Versorgung. Man war unmöglich auf eine solche Ausdehnung der Flucht ins Innere des Reiches gefaßt. Denn es war unbekannt, daß das tückische Rußland den Ueberfall auf unsere Monarchie schon seit so langer Zeit und mit so starken Kräften vorbereitet hatte. Stehen doch gegen unsere beispiellos tapferen Truppen sogar zarische Truppen aus dem entferntesten Sibirien. Gegen eine so erdrückende Uebermacht wurde es notwendig, sich auf eitle zur Verteidigung günstigere Stellung zurückzuziehen, tvas nicht einmal im entferntesten als Niederlage bezeichnet werden kann. Denn vor dieser Entscheidling der österreichisch-ungarischen Heeresleitung war das russische Heer auf vielen Linien vernichtend geschlagen, hatte riesige Verluste an Menschen und Train und man zog sich nicht etwa vor der Zarenarmee zurück, die sich nicht mehr zu rühren wagte, sondern vor ihren überall auftauchenden Reserven und vor der Gefahr, von diesen auf Teilen des riesig ausgedehnten Schlachtfeldes umgangen zu werden. Solche taktische Erwägungen schufen jedoch bei einem großen Teile der Zivilbevölkerung Galiziens die Notwendigkeit, sich rechtzeitig nach einem Zufluchtsorte umzusehhn. Es wird wohl wenig so verwirrte Geister geben, daß sie den armen und bedauernswerten Leuten ihre Abreise aus ihren Wohnstätten verdenken möchten. Denn ül die Gewalt russischer Truppen zu geraten, ist wohl für die loyalen und kaisertreuen Juden und Polen Galiziens ein Spiel mit furchtbaren Gefahren. Wenn auch vielleicht der eine russische General gnädiger und menschlicher gestimmt ist, so ist der andere wieder grausam, die Angeberei in einer eroberten Stadt steht immer in höchster Blüte, und während in den einen Ort disziplinierte Truppen kommen, plündern und morden an einem anderen vielleicht die Kosaken. Unter diesen Umständen opferten viele im Interesse ihrer schutzlosen Frauen und Kinder den größten Teil ihrer Existenz, ließen ihr Hab und Gut schleunig im Stich und pfropften sich lmcf) tagelangem Warten in Eisenbahnzüge, um hungernd und erschöpft in einen sicheren 'Teil des Vaterlandes zu gelangen. Bloß Barbaren können etwas anderes wünschen, als daß diesen hilflosen Flüchtlingen die überaus notwendige Unterstützung zuteil werde. Natürlich bedeutet da die überall stark iu Anspruch genommene private Wohltätigkeit nur eine Kleinigkeit gegenüber dem riesigen Bedarf. Wohl oder übel übernimmt denn auch der Staat wenigstens einen großen Teil der Versorgung aus die Kriegskoften, indem er. den Verwaltungen der Städte ihre - Auslagen zurückzuerstatten verspricht. Die Organisation der Hilsstätigkeit hat sich bei dem Plötzlich ein getretenen Ansturm etwas verspätet, aber es wird von allen Seiten mit Macht gearbeitet und es ist mit Recht zu hoffen, daß eine loeim auch knappe, so doch schließ lich hinreichende Notversorgung für alle Ankömmlinge aller Stämme und Religionsbekenntnisse aus Galizien geschaffen werde. Von diesen Flüchtlingen ist nun eine Sondergruppe deutlich zu unterscheiden und für diese ist vielleicht eine andere Hilfe angezeigt, als die vom Staate oder von den Städten gebotene. Diese Gruppe ist die der armen Reichen. Das sind nämlich Leute, welche zu Hause sehr wohlhabend waren, Vermögen, Geschäfte und Liegenschaften besaßen, aber gegenwärtig selbst um geringe Mittel für ihren Lebensunterhalt in der größten Verlegenheit sind. Ihr Vermögen haben viele von ihnen verliehen oder in Papieren angelegt und können derzeit weder einkassieren noch die Aktien verkaufen. Ihre Geschäfte haben sie gesperrt und verlassen, ihre Liegenschaften können sie nicht verwalten und nicht benützen. Es unterliegt aber keinem Zweifel, daß alle diese Leute ihren Besitz in absehbarer Zeit werden vertverten können. Nun handelt es sich ihnen darum, augenblicklich Geld für ihr Leben zu bekommen. Das könnte sehr leicht geschehen, wenn sich eine vorhandene oder neu zu gründende Bank, ein Geldinstitut bereitfände, ihnen die geforderte Belehnung auf ihren vorhandenen, wenn auch gesperrten Besitz zu gewähren. Ihre Ausweispapiere haben diese Flüchtlinge bei sich und der Stand ihres Vermögens ist vielen Banken und Wiener Firmen bekannt, mit welchen sie vor dem Kriege Geschäfte gemacht haben. Bei einiger Vorsicht, die ja auch im Frieden geübt wird, könnten also die armen Reichen leicht zu den Mitteln kommen, welche sie und ihre Familien brauchen, um bessere Zeiten abwarten zu können. 'Nur der Mut zu einem gewöhnlichen Geschäfte ist nötig, und die zu Hause wohlhabenden Flüchtlinge wären in einer ihrer bisherigen Lebensführung t'itt' sprechenden Weise versorgt und würden die Behörden in vielen Amtsgeschästen und bei der Verwendung der vorhandenen Unterstützungsgelder entlasten. In Deutschland würde man gewiß nicht zögern, diese Notvorschußkassa zu errichten, welche doch ihr Risiko sehr gering gestalten könnte. Ein Mann, dessen Betrieb in Lemberg hunderttausende von Kronen wert war, hat jetzt auch nach kühler Erwägung Anspruch auf einen Kredit, der zu seiner Erhaltung genügt. Die maßgebenden Faktoren, die sich unter die Führung des Finanzministeriums begeben könnten, sollen also nicht zögern, die Sorgen um die Flüchtlinge durch die bankmäßige Versorgung der „arnien Reichen" zu erleichtern. Vom Aabrmurkt des Lebens. Dr. Tobias Afchkenasy, Landtagsabgeordneter und Präsident der Lemberger Advokatenkammer. Die Mitteilung, daß der Präsident der Lemberger Advokatenkammer, Landtagsabgeordneter Dr. Tobias Afchkenasy, in der Schlacht gefallen sei, hat sich er freulicherweise nicht bestätigt. Wie wir von verläßlicher Seite erfahren, befindet sich Herr Dr. A s ch k e n a s y wohl und sind von ihm erst vor wenigen Tagen nach Wien befriedigende Nachrichten eingetroffen.