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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-18 · 38 (18.9.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
38 (18.9.1914)
Date
1914-09-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Serie 64-2 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr 38 Zweierlei einander diametral entgegengesetzte Slurmklänge schlagen an unser Ohr - in der Synagoge ist es der Posaunenschall, der hoch hinauf in den Himmclsdom als Bitte um die heiligsten Güter d e s Friedens zu dringen bestimmt ist — an den Grenzen unseres teuren Vaterlandes ist es die schmetternde St riegstrompete, die hinaus in die ferne Weite die Auslese unserer mannbaren Bevölkerung zum Kampfe ausruft. Und dennoch — so verschieden sie in den ihnen zugewiesenen Wirkungssphären erscheinen, so gleichartig sind sie in dem Geiste, von dem sie diktiert sind; denn da wie dort ist es die denkbar höchste Opferfähigkeit und Opferwilligkeit, die sich für die heiligsten Güter der Menschheit manifestiert. Bei der biblischen Szene sehen ivir Vater und Lohn geeinigt in dem erhabenen Gedanken der Bereitschaft zur Selbstaufopferung; einen Engel, der dem erschütternden Ereignisse Einhalt gebietet — und in diesem Weltdrama, das uns gegenwärtig so tief bewegt, sehen nur, trotz der Eltern Weh, der Binder Schmerz, der Gatten Sehnsucht, eine gleiche Bereitschaft zur Selbstaufopferung, um einen Sonnenblick der Zukunft fürs Vaterland, für die gefährdete Judenheit und die bedrohte Menschheit zu erkämpfen. Hier wie dort harren wir auf die Engelsstimme, die uns zuruft, genug des grausamen Spieles! An deiner Opferwilligkeit habe ich erkannt, daß du des Sieges wert und würdig bist — uni) an Stelle deS Opfers soll dir das Widderhorn der Friedensposaune die sehnsüchtig erwartete Glückessonne der Zukunft verkünden. Denn beide gehören im Leben zusammen — so ist eS von Uranfang der Schöpfung der Menschheit als unauflösliches Dualzeichen vorherbestimmt worden; nur nach der Arbeit kommt der Lohn; nur nach Sturm und Drang kommt Sonnenschein; nur nach Kampf kommt Sieg. Errungenschaften müssen erarbeitet, erkämpft und ersiegt werden. Das ist Menschheits-, das ist Weltenschicksal, dem nicht entgangen werden kann. Ein hervorragender Führer der jüdischen neuzeitlichen Bewegung, der sich auch auf den Höhen der Dichtung mit Erfolg bewegte, führt in dramatifch ergreifender Weise eine Szene vor, die schon dadurch originell wirkt, weil sie einen philosophischen Gedanken in erschütternder Tragik verwertet, die aber auch die nur im Kampfe zu erringende Sieghaftigkeit der höchsten Güter der Menschheit packend illustriert. Ein mächtiger König, der von aufrichtiger Liebe zu seinen Untertanen erfüllt ist, hat zugleich das Glück, einen Berater zur Seite zu haben,'der zu den weisesten Menschen zählt. Da stürmt einst ein junger Mann vor den König hin; mit bebenden Lippen ruft er ihm zu: O, König! Ich habe eine Erfindung gemacht, die geeignet ist, alle deine Untertanen glücklich zu machen. Ich habe das Geheimnis entdeckt, allen Menschen Brot ohne Arbeit zu bieten. Und all der Kampf um das Brot, der so viel Unheil stiftet, von dem das Unglück der Menschheit stammt, all die Verbrechen im Kämpfe um die Existenz, Raub, Mord, Diebstahl, Betrug, Haß, Brotneid, sie werden mit einemmale verschwinden? Der König wollte schon in den Jubel miteinstimmen, als ein ernstes Zeichen des weisen Beraters an ihn erfolgte; er wolle ihm. seine Meinung hierüber im Geheimen mitteilen. Der junge Erfinder wird entlassen und der Weise spricht: „Diesem jungen Manne mußt du — wenn sich seine Erfindung bewährt — den Giftbecher des Todes reichen lassen; denn mit der Entdeckung seines Geheimnisses droht der ganzen Menschheit das Verderben!" „Bedenke doch, o König! Wenn die Menschen nicht um deS so nötigen Brotes willen werden arbeiten müssen, welch trauriges Schicksal wirst du ihnen bereiten! Die Verbrechen, die sonst um' das Brot entstehen, werden wohl aufhören, aber nur um den Lastern anderer, schlimmerer Art Platz zu machen. Nicht nur daß es kein Streben geben wird, sondern alle Leidenschaften der Wollust, der Genußsucht, alle Laster des Müßigganges, der Trägheit, der Schwäche werden von dem Menschen 'schrankenlos Besitz ergreifen, und das Hochziel desselben, der ganzen Schöpfung, der Kultur, der Entwicklung ist dahin!" „Opfere diesen jungen Besitzer des verderblichen Geheimnisses dem Wohle der Menschheit und überantworte ihn dem Tode!" Und es geschah also! Unbewußt vielleicht hat der Dichter diesen Aufschrei erschütternder Tragik des ganzen Menschengeschlechtes dem Monumentalbaue des Gedankenganges der Bibel eutnommen. Sie beginnt mit der Geschichte der Menschheit im Paradiese! Kampflos stehen dem ersten Menschen die Güter der Erde zu Gebote! Es sollte nicht so bleiben; es konnte nicht so bleiben! Im Schweiße des Angesichtes sollte der Mensch arbeiten, als er sich der Wollust, der Begehrlichkeit zu widerstehen unfähig zeigte, und in diesem Kampfe um die irdischen Güter des Lebens sollte ihn nicht der Fluch sondern der Segen der Arbeit mit allen ihren Hochzielen der erhabensten Vorzüge durchs Leben begleiten. Auch die höheren Güter des Geistes, der Kultur müssen aber errungen werden und sind nicht kampflos zu erreichen. Der Krieg ist gewiß ein Ereignis, das vielen Lastern eine schlammige Quelle bietet, aber auch ein solches, das die erhabensten Gefühle auslöft, die nur durch die selbstlose Opferwilligkeit zur Geltung kommen können. Eine aufopfernde Liebe fürs Vaterland, in dem man lebt; eine hingebungsvolle Begeisterung für das Volk, dem man angehört; eine enthusiastische Selbstlosigkeit für die höchsten Güter der Menschheit, für die man erzogen ist. Ist also die Menschheit dazu verurteilt, immer durch den Lasterpfuhl aller jener Schrecknisse zu waten, die im Gefolge des Krieges, gleich den Furien der Hölle, ihn begleiten!? Sind solche gewiß anerkennenswerte Vorzüge der Kriegszeiten nicht zu teuer erkauft, wenn sie nur am Schandpfahl der Völkerschlächterei errungen werden können!? Wie ist es dann mit der ganzen Blütenlese all der schönen prophetischen Verkündigungen, auf die ivir mit Recht stolz die aushorchcnden Völker Hinweisen!? Was ist's mit all unseren Gebeten des Herzens, die sich um das Wort „Frieden" wie herrliche Arabesken schlingen!? Was mit dem schönsten Segen der Priester im alten Heiligtume und gegenwärtig noch in allen unseren Synagogen, der in den herrlichen Schlußakkörd des „8 e Ii olaum“ ausklingt!? Was es mit all dem ist, fragst du dich verwundert!? All das wird und muß sich einst erfüllen! Aber insolange es noch ein „M a 1 c. h u t li s o d a u ir' ein von Frevel erfülltes Barbarenreich gibt, wie es das P og r o m l a n d ist, dem sich selbst Kulturvölker in absichtlicher Selbsttäuschung anschließen, um ein solches unmenschliches Tartarentum zu stützen, zu stärken, zu vergrößern, es bis zur alles beherrschenden Weltmacht emporzuheben — insolange ist der Friede der Menschheit dem Verrate überantwortet, ist er bei jeder von falscher Gefühlsduselei unterstützten Nachgiebigkeit nur ein scheinbarer, ein fauler, ein giftgeschwängerter, ein alle Güter der Menschheit schändender und schändlicher! Derselbe Jesaias, der den Weltfrieden als Hochziel der Kulturwelt vorzeichnete, war es, der es ausrief: „Kein Frieden den Bösewichtern!" Erst muß die Menschlichkeit siegen, dann kann die Menschheit Frieden haben!

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