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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-09-13 · 37 (13.9.1914) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
37 (13.9.1914)
Date
1914-09-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 631 werde, trat die antisemitische „Staatsbürgerin" mit einem Schmähartikel gegen Kaiser Franz Josef hervor, der so viel Ekel erregte, daß darüber der Aerger nicht recht aufkommen konnte. Dieser „nationalen" Tat schämte sich aber das Blatt ein wenig, als die Dinge anfangs August ihren weiteren, von der politisch so weitsichtigen Antisemitenpartei nicht geahnten Sauf nahmen und suchte den Eindruck in seiner Nummer vom 13. August in einer Erklärung „An unsere Leser", so gut dies eben mit antisemitischer Demagogik geht, zu verwischen. „Man hat uns verübelt," meint die Biedere, „daß die „Staatsbürger-Zeitung" in ihrer Nummer 155 unfreundlich vom österreichischen Kaiser sprach und die Kriegserklärung Oesterreichs an Serbien tadelte. Um die damalige Haltung der „Staatsbürger-Zeitung" zu verstehen, muß man wissen, daß um jene Zeit die Schriftleiter der „Staatsbürger-Zeitung" a n t i ö st e r - r e i chi s ch e A l l d e u t s ch e waren. Letztere sind ebenso begeisterte Hohenzollernschwürmer wie Habsburger h a s s c r." Nachdem man nun solchergestalt erfahren hat, welcher Art und Herkunft die Herren sind, die so sehr für die durch Fremdvolk bedrohte deutschvölkische Art eifern, erhalten wir das tröstliche Versprechen, daß sich das Blatt von nun an freuen werde, „den österreichischen Bundesgenossen an unserer Seite zu wissen". „Und nun zum Fall Wertheim!" Mit diesen Worten findet das Radaublatt gleich wieder den Uebergang zu der Tiefebene seiner verächtlichen antisemitischen Gesinnung, über die es alle Größe und alles Grauenhafte des Kriegsgewitters nicht zu erheben vermochte. Allein in der reinen Lust, die gemeinsame Not, gemeinsames Zukunftshoffen einmal geschaffen, will die Sumpfpflanze nicht mehr recht gedeihen. Das Geschäft geht schlecht. Große Widerwärtigkeiten, erzählt das Blatt, hat es in den letzten Wochen durchwachen müssen. Direktor Dr. Dietzsch, der Leiter der Lindendruckerei, die die Zeitung bisher druckte, erklärte ihr vor einigen Wochen plötzlich, er dulde nicht mehr, daß die „Staatsbürger-Zeitung" a n t i s e m i t i s ch e Artikel bring e. Auf den Vertrag aufmerksam gemacht, meinte Dr. Dietzsch, das sei ihm gleich, dann breche er den Vertrag. Er verbiete der Zeitung den Antisemitismus nur in ihrem eigenen Interesse, denn wenn jetzt in der Kriegszeit antisemitische Artikel erfolgten, würde das Volk die Redaktion stürmen und die Redakteure totschlagen. „Warum," rief Dr. Dietzsch, „wollen Sie antisemitisch bleiben? Wir sind doch jetzt alle Brüder!" „Da wir die Ueberzeugung gewannen," so schließt die Wackere, „daß Dr. Dietzsch daraus ausging, unsere „Staatsbürger-Zeitung" zu ruinieren, wie er auch seinerzeit unser „Zwölf-Uhr-Nachtblatt" ruiniert hat, so sind wir von der Lindendrnckerei fortgegangen und lassen jetzt unser Blatt in einem anderen Druckereibetriebe Herstellen. -" Der Zar und die Juden. Das heuchlerische M a n i f e st, das der Z a r an die Juden erlassen hat und in dem er diese so schwer mißhandelten Untertanen au die „Wohltaten" erinnert, die ihnen von den Romanows zuteil geworden seien, erhält eine eigenartige Beleuchtung durch eine Stelle in in dem Buch des F ü r st e n S. D. U r u s s o w „M e - moiren eines russischen Gouverneurs" (in deutscher Uebersetzung bei der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart erschienen). Fürst Urussow, ein wahrhaft gebildeter, vornehm und gerecht denker Mann, wurde kurz nach dem berüchtigten Pogrom von K i s ch e n e w (April 1903) als Gouverneur in die Hauptstadt Bessarabiens gesandt, um dort Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, was ihm auch in einer Weise gelang, die vielleicht seinem Auftraggeber, dem berüchtigten Plehrve selbst, jedenfalls aber den russischen Judenfeinden nicht sehr willkommen war. Wie wenig Urussow bei seinem menschenfreundlichen Wirken auf tatsächliche Zustimmung von oben rechnen konnte, zeigen die folgenden Sätze, die, wie gesagt, die Judenfreundlichkeit i des jetzigen Zaren in ein eigentümliches Licht rücken. „Die ausländische Presse." heißt es auf Seite 75 ff des genannten Buches, „besonders die englische und amerikanische, hörte nicht aus, den Kischinewer Pogrom in allen Tonarten zu besprechen. Damals, wie auch jetzt, schrieb man dem Judentum einen großen Einfluß auf die westeuropäische und amerikanische Presse zu. Aber mit den Bemühungen der Juden allein ist wohl kaum das Interesse zu erklären, das damals sowohl das englische Parlament wie auch die amerikanischen Staatsmänner für Kischinew an den Tag legten. Die starke Beunruhigung, die im Sommer 1903 die Mitteilung von der bevorstehenden Interpellation im englischen Parlament über die Stellung der russischen Regierung zu dem Pogrom in Petersburg hervorrief, und die diplomatischen Verhandlungen, die mit Amerika geführt werden mußten, um den Kaiser der Notwendigkeit zu entheben, eine grandiose Adresse der Amerikaner entgegenzunehmen, in der die Bitte ausgesprochen wurde, die Inden vor der Niedermetzelung zu schützen, beweisen, daß im Auslande weite Kreise, ja selbst die Regierungen der Großmächte es für unmöglich hielten, zu dem veralteten Abrechnnngsmodns mit einem verhaßten Stamm, wie er in Kischinew zutage getreten war, zu schweigen oder auch die Stellung zum Pogrom zu billigen, die sich in der antisemitischen Presse Rußlands widerspiegelte und füralle im Staatsdienste stehenden Personen gewissermaßen verbindlich zu sein schien. Um diese Zeit machte sich zum erstenmale die unfreundliche Gesinnung des Hofes gegen die Juden fühlbar. Bis dahin hatte den Ruf eines unentwegten Judenfeindes nur der Großfürst Sergej A l e r a n d r o w i t s ch, der Generalgouverneur von Moskau. Seit dem Jahre 1903 aber wurde es für alle Welt auaenscheinlich. daß a u ch der K a i s e r, wenn nicht im Handeln, so doch im Fühlen und Denken ein Feind der Inden sei. Die Versuche, den Kaiser zu irgend einer Erklärung zu veranlassen, welche die Pogrome verurteilte, oder wenigstens zu einer Kundgebung seines Mitgefühls mit den Ovfern durch Hergabe einer Geldunterstützung aus seinen eigenen Mitteln, schlugen vollkommen fehl. Und ein Wort aus autoritativem Munde oder eine Maßnahme des Kaisers hätte doch die Ausrechterhaltung der Ordnung im Ansiedlungsrayon außerordentlich erleichtert, indem sie die tiefeingewurzelte und nach dem Pogrom noch mehr befestigte Ueberzeugung vieler ansgerottet hätte, daß ein derartiger sogenannter Abrechnungsmodus der Bevölkerung mit ihren uralten Feinden ein vom politischen Gesichtspunkte aus nützliches und dem Zaren wohlgefälliges Werk sei." In dem ausgezeichneten Buche des Amerikaners William Englisch Mailing „Rußlands Botschaft an die Welt" findet sich auch folgende Mitteilung: Welches ist das erakte Verhältnis des Zaren zu den Greueln und Verbrechen, die in seinem Namen verübt werden? Ist der Zar in erster Linie für diese verantwortlich oder fällt die Schuld auf andere?" Diese Frage stellte ich an Leute, die am ehesten imstande waren, sie zu beantworten, und die genauen Antworten, welche ich erhielt, waren wie folgt: „Der Hof ist das wahre Zentrum der Pogromisten und der „Schwarzen Hundert". Der Zar selber ist das Haupt dieser Mörderbanden." Und dieselbe Meinung fand ich unter den zuverlässigen Personen ganz Rußlands.

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