Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 37 (13.9.1914)
- Date
- 1914-09-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite €30 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 immer wurde gepackt und neues Material gebracht. Die Sodawasserfabrikanten, durchweg Juden, hatten auch das Ihrige getan und große Sodawasserstationcn errichtet. Plötzlich erblickte man von einer anderen Richtung, vom Bahnhof her, eine lange Proviantwagenkolonne, die von ^rainsoldaten eskortiert wurde, sofort lief alles auf die Ankommenden zu und dem voranreitenden Offizier wurde die Wahl schwer unter den verschiedenartigen Getränken, wie Milch, Wein, Sodawasser, Limonade usw., die ihm von allen Seiten gereicht wurden. Aber auch den Soldaten und mitfahrenden Bauern erging es nicht besser. Eist wahrer Sturmhagel von Obst, Semmeln, Bäckerei und Zigaretten ging auf sie nieder. Von allen Seiten streckten Hände labende Getränke hin, ja sogar für die Pferde schleppte man Heubündel her. Inzwischen hatte man erfahren, daß auch mit der Bahn Militär angekommen war. Hilfsbereite Leute eilten sofort dorthin, um Erfrischungen und Labemittel zu bringen. Das währte bis in den Nachmittag hinein. Man dachte gar nicht mehr an Mittagmahl und Sabbatruhe. Auch Onkel Schmaje hatte eine Labestation errichtet. Er verfügte über eine besondere Spezialität: aus den nächsten Gassen hatten ihm alle Frauen chre für Sabbatnachmittag bestimmten Sauermilchtöpfchen abgeliefert und erwarteten nun die Soldaten. Leider konnte ich den Empfang selbst mir nicht ansehen, weil ich zurück ins Spital mußte. Heute sind hier aus Kolomea 1800 ruthenische Pfadfinder abgegangen, vorige Woche polnische und jüdische. In beit Gassen ziehen lauter Freiwillige herum und singen: ..Hurra clilopci, hurra ha! Od Warszawy, do Petersburga! Za moskalamy marsz, marsz . . .“ Aus deutsch: „Hurra, Jungens, hurra los! Auf Warschau, dann nach Petersburg! Auf die Russen los, marsch, marsch . . ." Ein Feldpostbrief. Herr Julius Sternberg aus Proßnitz erhielt nachstehendes Schreiben: . Lieber Bruder? Das Vaterland ruft. Mit meiner ganzen Ergebenheit ziehe ich, gegen russische Tyrannei zu kämpfen, mit Kein schönerer Sieg und, wenn es gilt, kein schönerer Tod, im Bewußtsein zu leber, für die gerechte Sache kämpfen und sterben zu müssen. — Leb' mir also recht wohl, hoffentlich wird es Dir gegönnt sein, einen großen Triumph zu erleben. — Liebe Rosa! Es freut mich, auf diesem Wege und in dieser Lage meinen Abschied von Dir zu nehmen. Lebe wohl. Ich grüße die lieben Kinder und küsse sie recht herzlich, Euer David. Altdeutsche Preszbübereien. Unzähligemale hat die antisemitische Presse die Lüge wiederholt, daß der jüdische Franzose Crdmieux 1871 eine Million auf den Kopf Kaiser WilhelmI. gesetzt habe. Diese Lüge wurde wiederholt als eine gewissenlose antisemitische Erfindung gebrandmarkt. Die Tochter Cremieux' hat öffentlich dagegen Front gemacht. Sie schrieb: „Mein Vater war, so lange er lebte, wie alle in der Oeffentlichkeit wirkenden Männer, der Verleumdung ausgesetzt. Aber er hat sie immer verachtet, indem er sich begnügte mit der Achtung und Liebe derjenigen, die ihm nahestanden. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, einen Verleumder zu verfolgen, und ich glaube, daß ich es seinem Andenken schuldig bin, so zu handeln, wie er selbst gehandelt hat. Was die gegen ihn erfundene häßliche Verleumdung betrifft, so wird sie niemand, sei er ein Deutscher oder Franzose, glauben. Mein Vater hat mit allen seinen Kräften gemäß seiner Pflicht als Franzose und als Mitglied der Regierung an dem Werke der nationalen Verteidigung sich beteiligt, aber er würde sich und sein Vaterland zu entehren geglaubt fjabeit, wenn er zu eütem Meuchelmorde ermutigt hätte. Eine solche Infamie lohnt nicht der Verfolgung, sie oerbient nur Verachtung." Es ist oft schwer, solchen Unwahrheiten auf die Spur zu kommen. Glücklicherweise läßt eine interessante Notiz in einem Sammelwerk vielleicht die Quelle für die obige Fabel erraten. Sie ist abgedruckt in dein Werke von Otto Simon, „Franz, politische Anschläge während der Zeit vom September 1870 bis zum Mai 1871" (Leipzig 1895, S. 56): „Kaiser Wilhelm, Bismarck und Moltke hatten den Haß der Franzosen ganz besonders auf sich geladen. Im März 1871 kamen in Lyoil die Abgeordneten der Freimaurerlogen und die sogerlannten Internationalen zusammen und faßten, nach der „Nordd. Allg. Ztg.", folgenden Beschluß: „Wilhelm und seine beiden Genossen Bismarck und Moltke, die Geiseln der Menschheit, werden für vogelfrei erklärt. Für jedes der drei verurteilten wilden Tiere wird 1 Million Francs erworben, welche von den sieben Großloqen an die Ausführenden oder deren Erben gezahlt werden." Was hier eine ganze Gesellschaft fanatischer Franzosen ausgeheckt hat, wird seitens der Antisemiten dem Juden Cremieux zugeschrieben! Nunmehr hat es die famose „Ostdeutsche Rundschau" in Wien an der Zeit erachtet, diese gemeine Lüge neuerdings auf den Markt zu bringen, und deutschnationale Provinzblätter in Böhmen geben sich her zur Weiterverbreitung solcher Verleumdungen. Deswegen sei an eine kleine Episode erinnert: Der Brief der Tochter Adolf Cremieux' ist in der Sitzung des österreichischen Abgeordnetenhauses vom 13. Dezember 1894 durch den damaligen Abgeordneten Dr. Josef S. Bloch zur Verlesung gelangt. Es hatte damals ein antisemitischer Abgeordneter die Unverfrorenheit gehabt, die Lügen über die Alliance Jsraelite und Adolf Cremieux in einer Hetzrede gegen die Juden zu verwerten. Nach einer eingehenden Widerlegung schloß Dr. Bloch seine damalige Rede mit den Worten (nach dein stenographischen Protokoll): „Im alten Rom gab es das famose Institut der Delatoren, die es ebenfalls nicht immer genau mit ihren Beschuldigungen nahmen (Unterbrechung seitens der Antisemiten), wenn es galt, ihre elenden Zwecke zu erreichen. Wurde aber einer erwischt und der Lüge überwiesen, so brannte man ihm zur Strafe und Warnung ein C (Calumniator, Verleumder) auf die Stirne. (Erneuerte lebhafte Unterbrechung seitens der Antisemiten.) Ich glaube, es wäre an der Zeit, angesichts der Vorgänge in unserem Parlamente eine ähnliche Bestimmung in unsere Geschäftsordnung einzufügen, (neuerliche Unterbrechungen), damit derjenige, der dieses 0 an der Stirne trägt, nicht mehr so leicht den Menschen ein X für ein U vormachcn kann." (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) „Alldeutscher" Patriotismus. (Eine interessante Enthüllung.) Dem in Frankfurt am Main erscheinenden „Israelit" wird aus Berlin gemeldet: Nach der Kriegserklärung Oesterreichs an Serbien, da bereits alle Welt wußte, wie sich die deutsch-österreichische Bündnistreue in dieser gerechten Sache bewähren