Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 37 (13.9.1914)
- Date
- 1914-09-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022127--23430-3048629- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 37 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 627 Staat sein, der dem unkundigen Auge als ein Zufalls- Produkt erscheint, aus allen Teilen zusammengefügt, die sich sonst ungebunden darstellen, und doch sind sie sowohl nach der geographischen Konfiguration des Bodens, aus dem sie wohnen, als auch nach den geschichtlichen Ereignissen, die sie gemeinschaftlich durchlebten und für alle 'Zukunft bedrohen, auf eine gemeinschaftliche Wacht angewiesen, welche mit dem Doppelaar des Dauses Habsburg sie alle schützend umgibt. Betrachten wir einmal den Boden der österreichischungarischen Heimat, wie die auf demselben wohnenden nationalen Individualitäten durch das Gesetz der Attraktion zusammengewachsen sind. Da zieht sich eine hochrückige, bewaldete Mauer vom Norden im Halbkreise bem Osten entlang bis zum Süden und eine andere mit von Eis bedeckten Firnen vom südlichen Meerbusen wie eine gerade Linie wieder bis zum Norden hinaus. In diesem weiten Talbecken sind die Reste der Völkerwanderung, von der Zeit des 4. Jahrhunderts, bis zum letzten -des 1. Jahrtausend unserer bürgerlichen Zeitrechnung, in einer weit ansgebuchteten Talsenkung zurückgeblieben, in ivelcher sie wie von den Bergriesen der Umgebung eingeschlossen hasteten, und bei jedem Echec von außen ivaren sie auf gemeinschaftliche Abwehr angewiesen, und jeder Einbruch in die dazische Ebene rief diese kleinen, Völkerschaften bis vor den Füßen der Alpen und Karpathen allarmierend zusammen. So wurden diese von den Meereswogen derVölkerlvanderung abgcsplitterten und angeschwemmten Reste der Germanen, Slaven, Hunnen, Lateiner und Byzantiner zu einem Ganzen mittels des Naturgesetzes der Attraktion, das auch die Staatengebilde beherrscht. Dieses Naturgesetz erfordert jedoch auch einen magnetischen Kernpunkt, der die Gravitation, die Schwerkraft des Ganzen bildet und diesen zeigt uns die Geschichte Oesterreich-Ungarns in der glorreichen Dynastie Habsburg-Lothringen, die uns diesen Erfahrungssatz glänzend bestätigt. Vor 630 Jahren kam die Ostmark in die Herrscherhand des Vorahnen und Stammesfürsten Oesterreichs, und dieses Herrscherhaus hat die einzelnen Teile wie ein Magnet an sich 'gezogen, sie zu einem sestgeschmiedeten Ganzen vereinigend. Hundert Jahre sind es, seitdem dieser Staat, losgelöst von dem deutschen Kaisertitel des römischen Reiches, unter dem Namen Oesterreich in die Weltgeschichte eingeführt ist und erlebt seine glänzende Periode unter dem Namen des Monarchen, der als Sinnbild der höchsten patriotischen Liebe und Begeisterung fortleuchten wird in der Geschichte Oesterreichs und dem, in der beispiellos längst dastehenden Regierungszeit die höchste Genugtuung voraussichtlich zuteil werden wird, seine Doppelmonarchie auf die denkbar längst andauernde Zeit siegreich, fest und sicher gegründet zu haben. „Felix Austria“ findet sich schon auf einem Siegel Herzog Rudolfs IV. vom Jahre 1363: „Felix Austria“ wird der glänzende Schlußpunkt sein, den unser erhabener Kaiser an der äußersten Grenze seiner glorreichen Regierungszeit wird setzen können. „Glückliches Oesterreich", welches nach diesem welterschütterndeil Kampfe sich als das einheitliche Oe st e r r e i ch - U n g a r n, entgegen allen Voraussetzungen feindlicher Staatskünstler neidischer Reiche, siegreich bewährt und dann in voraussichtlich friedlichem Zusammenwirken sich auf Jahrhunderte hinaus erhalten wird als das einst e i t l i ch e O e st e r r e i ch - U n g a r n! vom Aabrmarkt des Lebens. Kampfesfreude Mischer Soldaten. Die ungarische Halbmonatsschrift „Autonomia" enthält in ihrer letzten Nuinurer den folgenden Berühr: „Ich las dieser Tage in einem jüdischen Blatte einige Geschichten von jüdischen Helden, die in verschiedenen Schlachten sich hervorragend ausgezeichnet haben. Es war die Rede von der entwendeten und wiedergeretteteu Fahne, von der Durchführung des schwierig stell ^Nachrichtendienstes, von dem glüuzendeu Heldentod und dem enthusiaststchen Ausdrucke der patriotischen Begeisterung. Alte heldenhafte Beispiele befruchten gewöhnlich auch die Brachfelder der Gefühle und es ist gewiß an der Zeit, daß solche Saat in üppigen Halmen in die Höhe schieße. Gibt es aber in der Chronik solch nahellegeude Beispiele, wie die vor unseren Augen erstehenden, welche aus der kriegerischen, von Heldenmut und Heldentod übersäten Gegenwart emporsprießen? Und deshalb suche, ich jetzt nicht die alten Beispiele auf, jetzt, lvo das Herz eines jeden offen ist, wo die Brust von patriotischen Wünschen erfüllt ist und jeder spürt, daß die Nationen eine neue Heldenepoche durchleben und das Auge des Menschen sich durch die fast legendenhaften Ereignnse uub an dem lebendig gewordenen Mythos weitet. Ich gehe allabendlich zu dem Verwundetentransport zuge, welcher die verletzten Soldaten vom südlichen Kriegsschauplatz bringt. Ter lange, rostfarbige Zug rollt müde in die dunkle Sommernacht hinein und aus den Türen der Eisenbahnwagen blicken traurige Soldaten aus die Häuser der unbekannten Städte. Wahrhaftig, das Aeußere eines solchen Transportes mutet einem recht trostlos an. Dann aber, wenn die Soldaten ihre Speisen bekommen, werden sie munter und frisch und tun bald recht freundschaftlich mit dem Publikum des Bahnsteigs. Und kommt dann das viele Fragen in Fluß, die Erknudi gung des einen nach seinem Sohne, des anderen nach seinem Bruder, der gleichfalls nach dem Süden gegangen war, da wird das Gesicht des Soldaten mit einemmale leuchtend und heiter, und eine halbe Stunde später möchte er es fast bedauern, den so rasch lieb gewordenen Ort verlassen zu müssen. Ein so trauriger Zug war auch jener, ivelcher den Verwundetentransport eines galizischen Regiments be sorgte. Ich glaube, es waren Lemberger. Bärtige, knochige Männer, sie kamen niedergeschlagen an, nachts, es war kühl und finster und auf der Station der Proviuzstadt lungerten bloß einige Menschen herum. Nichtsdestoweniger erhielten sie Speisen und ein kleiner Korporal nahm am Tische des Wirtes Platz. Er bestellte Bier und wir hatten uns neben ihn niedergelassen. Sein Arm lag in einer Schlinge, man hat ihn bei Schabatz durchschossen. Es stellte sich bald heraus, daß auch er Jude ist. Wir sprachen von den russischen und polnischen Glaubensgenossen. Sein Auge erstrahlte und der kleine jüdische Soldat, der in Zivil vielleicht Advokat, vielleicht aber auch Hausierer ist, begann in herrlicher Erregung zu sprechen: „Glauben Sie mir, es ist jetzt ein glück seliges Gefühl, Jude zu fein. Wenn wir sehen, wie sich uns die Herzen unserer Kameraden um uns herum auf tun, wie sie uns jetzt ehrlich achten und schätzen, das ist eine freudige Genugtuung für all die Qualen, die wir erleiden mußten. Und dann die Mission, die wir in diesem Kriege haben, die Aufgabe, die unser harrt: Freiheit zu tragen zwischen verlotterte, buchstäblich niedergestreckte Menschen. O, meine Herren, Sie kennen nicht das Elend der russischen Juden. In Warschau leben weit über 200.000 Juden, von denen 00 Prozent Bettler sind. Es sind lauter in furchtbarer Unterdrückung und in unmenschlicher Verfolgung dahin vegetierende Sklaven.