Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 37 (13.9.1914)
- Date
- 1914-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 626 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 37 sich aus vielen Teilen ein großes Bild zusammen, das die jüdische Bevölkerung im Mittelpunkt aller Drangsale erscheinen läßt. Sie trägt das große Leid mit Ergebung in kec Hoffnung, daß der Zarismus durch den Weltkrieg sein Ende finde und man ihr in Zukunft in allen Ländern wird vollste Gerechtigkeit widerfahren lassen. Aber jeder betrachte mit Teilnahme und Menschlichkeit das Schicksal, das die zahlreichen Juden aller Grenzländer getroffen hat und versage nicht seine tätigste Hilfe, seine werktätige Unterstützung für das große Elend. Denn sonst würde die große Prüfung, welche den Juden auferlegt ist, gar zu grausame Opfer kosten. Das eircheittichs Oesterreich-Ungarn. Von Oberrabbiner W. Reich in Baden bei Wien. Kriegspausen — Gefechtspausen — oder wie sonst der kurze Ruhepunkt im nervenaufpeitschenden Weltdrama technisch bezeichnet werden mag — .eine Pause der Ueberlegung, des Ueberdenkens nach dem wilden Fieber, das seit wenigen Wochen unseren Staatskörper bis in seine einzelnen Teile aufwühlt. Kriegserklärungen, Proklamationen, Mobilisierungsordres; Zusammenläufe in den Straßen, ein gegenseitiges Zurufen, Aneisern; der Auftakt von Militärmärschen; die Ansammlungen vor den Bahnhöfen; junge und bärtige Männer in Uniformen; Greise, Frauen und Kinder zum Abschiedminken. Dann das Warten vor den Zeitungslotäten, das ungewohnte Ausrufen von Extraausgaben, das Jubeln nach Siegesberichten; mannigfaltige Bulletins von den verschiedenen Kriegsschauplätzen — und nun Kriegspause — vielleicht für einen Tag, vielleicht für mehrere — aber ein Gefühl beherrscht uns alle, ob zu den Kämpfenden, ob zu den von der zehrenden Ungeduld Zermarterten, den Wartenden, den im Geiste Mitkämpfenden gehörend — diese Pause, sie ist wie eine von der Natur unbedingt erforderliche Notwendigkeit, um nicht vollends unter der Wucht der aufeinanderstürmenden Ereignisse zusammenzubrechen. Pause — wieder können wir beim Aufatmen ruhiger denken! Rasch und impulsiv haben durch Wochen die Eisenhämmer auf den Ambos der Weltgeschichte losgeschlagen; eine neue, anders geartete Welt wird geschmiedet, deren Umrisse schon jetzt als eine noch nie dagewesene Umwälzung sich kennzeichnen. Wir fühlen vor derselben die Ohnmacht der menschlichen Sprache, sie zu kennzeichnen, die Armut des menschlichen Wortschatzes, die Schwäche der menschlichen Verdolmetschung. Mit den Flanrmenzungen der begeisterten Propheten der Urzeit müßte man begabt sein, um dem Hochslug der Gedanken zu folgen, wie die Tiefen der Empfindungen auszuschöpfen, die unsere Pulse schlagen, unsere Herzen erbeben machen. Eine Pause — wir können wieder denken, logisch denken; wir können wieder ruhig Fragen über die bisher durchlebte Vergangenheit aufwerfen — und wir fragen. Nachdem Frankreich bereits bis ins Herz getroffen, der Trabant Belgien wie im Sturme niedergerannt wurde und fast verschwunden ist, die englischen Hilfstruppen — nach dem Berichte eines deutschen Generals — dem im Ernste der Situation ein welterschütternder Humor nicht abgeht — einen solchen Rekord in der Sportleistung des Laufschrittes geschlagen haben, daß sie die deutsche Kavallerie in der Verfolgung nicht zu erreichen vermochte; nachdem die «deutschen Heereskolonnen, wie der Hebräer sagt, Kefizath-haarez hatten — das sich in unserer Ausdrucksweise kaum mit Expreßzugsgeschwindigkeit vollkommen wiedergeben läßt; nachdem das polyglotte Heer Oesterreich-Ungarns, die bisher so unüberwindlich geltenden Massenheere des nordischen Weltriesen auf zahlreichen Kriegsschauplätzen geschlagen und vor den ungünstigst gelegenen Schlachtfeldern Galiziens denselben ein übermenschlich strammes Halt geboten hat; da entsteht die Frage, worauf hatten diese hauptsächlich gegen Oesterreich- Ungarn gerichteten feindlichen Zusammenrottungen ihre politischen Berechnungen aufgebaut, um dieses uralte Reich Habsburgs in Trümmer zu schlagen!? Die superklugen politischen Berechnungerl, welche die Gegner Oesterreichs leichten Herzens zu einem noch nie dagewesenen Weltkrieg ermutigten, waren auf eirren Fehlschluß aufgebaut; auf die polyglotte Zusammensctzung des Staates, von der die Feirrde mit apodiktischer Gewißheit voraussetzten, daß er bei dem ersten Kanonenschuß in seine einzelnerr Teile auseinarrdergehen und den Nachbarreichen als leichte Beute in den Schoß fallen müsse. Der zu erwartende Sieg der Feinde Oesterreichs war auf die Voraussicht von dem zu erwarterrden Verrate der N a t i o rr a l i t ä 1 c n aufgebarrt. „Ein politisch Lied! Ein garstig Lied!" ruft Brander in Auerbachs Keller des Goetheschen Farrstdramas aus; er begleitet es mit dem irr anständiger Gesellschaft nicht wiederzugebenden Ausruf eines verächtlichen „Pfui!" Diesen Ausbruch der Verachtung wird einst die Weltgeschichte über die hohen Diplomaten der Ententemächte ausschütten, welche dieses Verbrechen an die Menschheit mit ihrem seit Jahren künstlich eingefädelten Weltkrieg begangen haben, dessen Sieg von Verrat zu erhofferr rvar. Unsere Feinde haben sich gründlich getäuscht, beim noch nie hat sich ein solch populärer, unter den Völkern Oesterreichs von Begeisterung erfüllter Krieg in solcher Einheit und Einigkeit in der Geschichte dieses Staates zugetragen. Die führenden Staatsmänner unserer Gegner haben das Gesetz der Naturnotwendigkeit in der Staatenbildung -Oesterreichs verkannt und haben sie als ein Zufallsgebilde angesehen, welches beim ersten gewaltiger: Stoß von außen her zusammenstürzt. Wir aber wollen auf das von zwei Parlamenten regierte, von siebzehn Landtagen geleitete, von verschiedenen Sprachen, Nationalitäten und Konfessionen gebildete große Staatswesen Oesterreich-Ungarn unser historisch geschärftes Augenmerk richten, um den festen Kitt zu erkennert, durch den sein enger Zusammenhang bis an das Ende der Zeiten garantiert erscheint. Die ganze Welt wird von einem Naturgesetze beherrscht, wir nennen es die Attraktion, die Anziehungskraft. Sie beginnt bei der Zusammensetzung der Atome und Moleküle als Kohäsion, die Kraft der Anschmiegung und Zusammenziehung; sie wirkt fort bei dem Tropfen am Eimer und bei dem Sandkorn im Staube als Affinität, als inniger Zusammenhalt; sie gibt sich zu erkennen in der organischen Entwicklung der Pflanzenwelt als Vegetation, als das Wachstum derselben; sie erhebt sich zur Erhaltung der tierischen Wesen als Vitalität, als Lebenskraft; sie erweitert sich bis zur unermeßlichen Einheit in dem Gesetze der Gravitation, der Schwerkraft, die unsere Erde bis zum ^Zusammenhalte des ganzen großen Sonnensystems vereinigt. Auch die Staatengebilde sind diesem Naturgesetze, das alle Welten beherrscht, unterworfen; sie mögen uns noch so willkürlich zusammengesetzt erscheinen, noch so widerspruchsvoll vereinigt, sie sind aus dem Naturgesetz der Attraktion, der Anziehungskraft, der historischen Notwendigkeiten herausgewachsen. Und wie wir das allgemeine Naturgesetz nur aus der Erfahrung naturwissenschaftlicher Experimente kennen lernen, so lernen wir es in der Menschheit kennen aus der Erfahrung, die uns die Geschichte bietet. Unter den Staaten der Welt mag es besonders unser teures Vaterland, der österreichisch-ungarische