Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 36 (4.9.1914)
- Date
- 1914-09-04
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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- Daruvar 1× ep/1044398
- Odesa 1× ep/1000834
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Ülr. 36 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 621 Daruvar (Slavonien). Am 25. August wurde im Tempel der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde unter Leitung des Herrn Rabbiners Dr. H. E. K a u f m a u u aus Virovilica ein Bittgottesdienst für den Sieg unserer Waffen abgehalten, an denr die Spitzen der Behörden, die Geistlichkeit verschiedener Konfessionen und die angesehensten Bürger nichtjüdischen Glaubens teilgenommen haben. Rabbiner Dr. K a u f m a n n hielt aus diesem Anlasse eine großangelegte Rede in kroatischer Sprache über Krieg und Frieden, in welcher er zum Schlüsse die besitzenden-Klassen ausforderte, für die armen Familien zu sorgen, deren Ernährer in den Krieg ziehen mußten, um für den Rühm unserer glorreichen Dynastie und für die Ehre des Vaterlandes zu kämpfen. Feuilleton. Der Krieg. rrnpnji .1;:-- ,mrsro Weißt Du, lieber Leser, was Krieg ist? Jeder Buchstabe dieses grauenerregenden Wortes hat seine Bedeutung. Krieg ist Krankheit, Rohheit, Irrsinn, Elend und Grausamkeit. Was wird jetzt alles über den Krieg geschrieben, gepredigt, berichtet und gedichtet! Aber keiner hat die Frage aufgeworfen:?nattl njnn Wer hat diesen Jamner verschuldet? .vby pan pnionr nann Wer von Schmerz heimgesucht wird, soll seine Handlungsweise untersuchen, soll gegen sich die Anklage erheben, soll sich prüfen und fragen.-Bin ich nicht selbst schuld daran — denn an an an Tny an pn amp* Gott straft nicht ungerecht. „Wenn es 4ine Gerechtigkeit gibt — dann müssen Deutschland und Oesterreich aus diesem Kriege als Sieger hervorgehen." Diesen Satz haben wir in diesen Tagen oft zu hören und zu lesen bekommen. Wenn! Und wenn diese Voraussetzung nicht eintresfen sollte — nun — dann gibt es eben keine Gerechtigkeit. Ist das nicht reinste Gotteslästerung? Wir sollten doch in diesen ernsten Zeiten — die Ellul-Tage laden ohnehin zur Einkehr — wo wir uns mit Gott so sehr beschäftigten, fragen: flaftT njm und mit dem Propheten Jonah ausrufni: TH TTN "HON Tin ich habe diesen großen Sturm verursacht. Alles führt jetzt Gott im Munde. Die Manifeste der Großen sprechen von Gott. Der Zar ruft Gott an! Die armen Waisen der in den Pogroms von Kiew, Kischenew, Odessa u. a. O. hingeschlachteten Eltern lesen dieses Manifest. Die Hasser, welche Menschen wegen ihres Glaubensbekenntnisses, wegen ihrer Nationalität, wegen ihrer politischen Gesinnung in unmenschlicher Weise verfolgen — sie rufen Gott an — den alten Gott, den sie bisher geschmäht haben. Die Machthaber, welche von uns Juden gleiche Pflichten wie von allen Staatsbürgern gefordert haben, uns aber die gleichen Rechte versagt haben, sie rufen Gott an. Gottesleugner, die an göttlichen Lohn und an göttliche Strafe nicht glaubten, sie sprechen jetzt: daß Rußland siege, wird Gott nicht zulassen. Und so mancher, der die Beziehungen zu Gott längst abgebrochen, setzt seine Hoffnung auf Ihn. Es ist tatsächlich ein Aufschwung in Gott zu verzeichnen — sagen wir— so schlecht es klingt — aber wahr — eine hausse. Aus dem Glaubenshaß ist eine Glaubenshausse geworden. Ja freust du dich nicht über diese Wandlung, daß der Rassen- und Nationalitätenhader verstummt, daß nur Liebe gepredigt wird? Du Unzufriedener — dir ist's wahrlich nicht recht zu machen! Ich aber ntfe Tltt p — auf wie lange? Ist's nicht ein Wechsel auf Zeit? Ist dies etwa Glaubenstreue — wahrer Gottesglaub? Die wahre Fröm uigk^it können wir heute nur durch den Satz zum Ausdruck bringen: .Tlprui uDT und.wir müssen in wahrer Selbsterkenntnis sagen: TnpW “l$?Dn Die großen Kulturvölker, das freiheitliche England, Frankreich, das Volk der Menschenrechte, das höfliche Belgien, jene Völker, die sich in den letzten Balkavkciegen zu Sittenrichtern aufgeworfen und Bücher über die Kriegsgreuel der Balkanvölker geschrieben, müßten sie nicht vor demRichterstuhl der Gerechtigkeit diese Worte mit Jonah sprechen! Sie, die großen Kulturnationen, denen wir nachgelaufen, die wir in Sprache und Verkehr imitiert haben — sie haben in Bestialität den Weltrekord geschlagen. Die Verfasser von Jndianergeschichten müssen heute nicht mehr weite Reisen unternehmen um ihre Modelle zu studieren. Die gebildeten Nationen haben es ihnen erleichtert — sie können im Inland bleiben und nach der Natur schwarz malen. Während sich in jenen wilden Gegenden des Kannibalismus doch hie und da ein Sonnenstrahl entdecken ließ, Spuren von Ritterlichkeit und Gastfreundschaft zu finden waren — hier haben sie nackte Grausamkeit — den Verfolgungswahn in seiner höchsten Blüte. Und wenn die Tiere im Dschungel lesen könnten, sie würden staunen, was die Zeitungen von menschlicher Tätigkeit berichten. Das Wort „bestialisch" muß gestrichen und durch „menschlich" ersetzt werden. Die Tiere erheben Einspruch gegen „tierische Grausamkeit". Und die wilden Völhr? Sie rekrutieren sich aus den gebildeten Ständen --- sind keine Analphabeten mehr — Grausamkeit ist der höchste Gipfel aller Kultur. Uns Juden hat der Krieg die Satisfaktionsfähigkeit gebracht. — Wir dürfen uns schlagen und die Verherrliche*: der Progroms schweigen. Aber unsere Glaubensbrüder im heiligen Rußland? Sie sind die lieben Juden des Zaren geworden. Seit jeher decken sich ihre Interessen mit denen des Zarentums!! — — — — Wir erleben die wunderbarsten Kontraste: Kultur hat sich in Haß und Verfolgung verwandelt und aus Grausamkeit und Niedertracht ist Liebe geworden. Ein geistreiches Wort eines alten Rabbi sei hier am Platze: Als Abraham, der gotterleuchtete Fürst, zu den Philistern kam, fand er ein kulturell hochentwickeltes Volk vor — aber keinen Gottesglauben und er. bemerkte mit Recht: pa DaT pa pn T.n DIpEl Alles finde ich hier, hohe Kultur, aber nur keine Gottesfurcht, und was fürchtete er? "nm — sie werden mich töten. Kultur schützt nicht gegen Grausamkeit. Die Kultur hat mit dem Selbstmord, mit dem Duell nicht aufräumen können — sie hat die Landesverräter nicht beseitigt. Die Kultur hat uns der messianischen Idee nicht um ein Atom näher gebracht. Die Kultur wird es nicht zuwege bringen, daß wir unsere Schwerter zu Sicheln umwandeln — nein, sie erfindet immer bessere Massenmordinstrumente. Diese Werkzeuge der Kultur sind das Resultat tiefgehender Studien in den Werkstätten der Wissenschaft. Der Krieg hat uns auch die Bibel näher gerückt. Der deutsche Kaiser zitierte wörtlich die Bibel, als er von Belgien den Durchzug seiner Truppen verlangte, und die Worte nütTJ n .Tn a1? welche den Gottlosen grausam nannten — wir begreifen sie jetzt. Wir lernen am Menschlichen das Göttliche verstehen. Oder sollten wir diesen Haß den Kulturvölkern gegenüber, die unsere Truppen mit siedendem Oel begießen, etwa nicht in Anwendung bringen? Wird es Jemanden einfallen, die Deutschen der Grausamkeit zu zeihen, wenn sie nach solchem Entgegenkommen die Städte der Erde gleichmachen? So wie die alten Juden, einem göttlichen Befehle gehorchend, die Molochverehrer — die alten Kulturvölker! — mit Stumpf und Stiel ausroiten mußten — so müssen wir heute gegen die modernen Kulturvölker Vorgehen, die ihre vergiftenden Bleigeschosse gegen uns richten. (Forts, tzung folgt.)