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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-08-28 · 35 (28.8.1914) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 604 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 35 neuserbischen — mazedonischen — Zigaretten, „den besten der Welt". Doch „dein Königreich muß größer sein!" Hat nicht längst ein König der Mazedonier so gesprochen? „Ein Serbien mit Monastir und Uesküb ohne S a * loniki ist ein Haus ohne Fenster!" Caveant eonsules Graecoium! Und die Nordgrenze? Immer wieder mahnt man uns wohlwollend: „Sehen Sie uns nur ja nicht mit den Augen der „Neuen Freien Presse"!" Man hält hier kein deutsches Blatt, am allerwenigsten ein österreichisches. Daß die Münchener Handelskammer eine bequeme Bahnverbindung Serbiens mit dem Westen unter Umgehung von Wien und Budapest durchgeführt hat, wird freudig begrüßt. Zu rechnen haben wir in Serbien aus alle Fälle mit einem Patriotismus, der sich nicht nur in nationalen Liedern auslebt und in besonderen Gerichten, in denen übrigens der Knoblauch eine Rolle spielt. Dieser Nationalismus überheizt sich leicht und spottet dann» jedes normalen Ventils. Die jüngsten beklagenswerten Opser seiner Verirrung, die nun das längst drohende Kriegsgewitter zur Entladung brachten, erinnern an die lange Reihe der Vorgänger von Murad zu Michael Obrenowitsch und boit ihm zu Alexander und Draga. In diesem Fanatismus liegt aber auch das Geheimnis der staunenswerten Opferfähigkeit und der kriegerischen Erfolge aller dieser Duodezkönigreiche. Imponierend, alle Kräfte des Volkes konzentrierend, tritt er uns bei den im allgemeinen gesetzteren Bulgaren entgegen, bei denen wir auf die Frage nach den vielbesprochenen Balkangreueln die schlagfertige Antwort einheimsten: „Mein Herr, die Losung: Pardon wird nicht gegeben, stammt nicht von uns!" Und gerade das Ermangeln dieser fieberhaft rührigen Teilnahme des ganzen Volkes am öffentlichen Leben wird von allen Einsichtigen in Konstantinopel selbst als Grundübel des linkischen Staatslebens bezeichnet. Ein sehr hoher türkischer Staatsbeamter, der gern die Erinnerung an seine Wiener Studentenzeit auffrischt, klagte mir: „Unser Volk, das doch einst so kriegerisch und unternehmend war, läßt uns nun die jeder Regierung unentbehrliche Opposition vermissen!" Den jetzigen Führern aber, den „Salonikiern", dem jugendlich-frischen Enver Pascha, dem Abgott der Armee, der sich allgemach zum Nationalheros auswächst, und dem tatkräftigen Talaat Bey, diesem biederen Bauernsohn mit dem Scharfblick des geborenen Staatsmannes, fehlt es höchstens an dem nötigen Kleingeld für Dreadnoughts und Lokomotiven, aber gewiß zu allerletzt an Initiative. Im türkischen Kriegsministerium wimmelt es, zumal seit dem Eintreffen der deutschen Mission, geschäftig wie in einem Ameisenhaufen. Das Militär nimmt sich in den neuen Kakiuniformen ganz stattlich aus. Wie bei unseren Blümentagen schwirrt uns auf allen Wegen und Stegen die Schuljugend mit ihren Sammelbüchsen für das nationale Fliegerkorps entgegen. Ein Bleriot kreist über unserem Wagen. In dem Festzug zum Andenken an die Einnahme Stambuls marschiert selbstbewußt eine Pfadfinderabteilung, Skutari, der Ort des Schweigens, in dem die Türken noch Jahrhunderte lang nach der Eroberung Konstantinopels ihre Toten begruben, da sie der Dauer ihres Besitzes in dem gegenüberliegenden Europa sich nicht sicher fühlten, hallt heut' wider von dem fröhlichen Treiben jugendlicher Fußballspieler. Dieses im fefteit Glauben an eine Erneuerung des Osmancnruhms selbstsichere Jungtürkentum zieht immer weitere Kreise. Nicht nur von den Straßenhunden hat es die Hauptstadt gesäubert, sondern von so vielen anderen Mißständen des Ancien Regime, an das man heute wie an einen wüsten Alp zurückdenkt. Mit einem Fluch auf den Lippen zeigt man uns im Vorüberfahren auf den: Bosporus an einem Fenster seines goldenen Käfigs den entthronten Würger der Freiheit dieses edlen, hochbegabten Volkes, dessen moralische Vorzüge wie seine würdige Haltung, selbst mitten im dichtesten Getümmel der Sonntagsausflügler, dem von Haus aus andersgewöhnten westeuropäischen Großstädter Achtung einflößen. Nicht allein die feenhaft berückende Schönheit der übrigens ganz unorientalisch sauberen Stadt, auch der Charakter ihrer Bewohner läßt uns unwillkürlich mit Pierre Loti für sie empfinden und an die Zukunft der Türkei glauben. Auch hier steht Saloniki, die alte Judenstadt, noch immer im Vordergründe der Diskussion. Aus der unausgesetzten Zuwanderung begüterter Elemente aus dieser einst so blühenden Empore kann man ermessen, was die Türkei an ihr verloren hat, und begreifen, daß man die ziclbewußten Rüstungen am Goldenen Horn mit ihr in Verbindung bringt. Dieser Gedanke, der auch in Athen die kriegerische Glut nicht unter der Asche erlöschen läßt, begleitet uns auf dem Schiffe, das, mit griechischen Flüchtlingen aus Smyrna überfüllt, durch die Dardanellen dem Piräus zudampft. In politischen Kreisen Konstantinopels herrscht die Auffassung vor, daß Saloniki, einst auch für Oesterreich-Ungarn ein so wichtiger handelspolitischer Zielpunkt, mit dem Verlust des Hinterlandes seine Bedeutung endgiltig eingebüßt halbe. Von vielen Seiten wird aber darüber Beschwerde geführt, daß das nun herrschende. Griechentum auf gewaltsame Weise das bisher vorwiegcnde jüdische Element zu verdrängen suche. Als ich in Athen im Gespräch mit einem bekannten Staatsmann in leitender Stellung, der mir übrigens^ die günstigen Berichte über die Haltung jüdischer Soldaten in den letzten Kriegen bestätigte, die Rede hierauf brachte, versicherte er mir, die Regierung wisse die Folgen dieser Mässenauswanderung sehr wohl abzuschätzen und t bestrebe sich ernstlich, die unzufriedenen Elemente Salonikis von ihrem Wohlwollen zu überzeugen. Nur möge man ihr ein wenig Zeit lassen. Für den Verlust des Hinterlandes sollen neue Verkehrsmittel Ersatz schaffen. Auf unsere Anregung, etwa durch ganz besondere Berücksichtigung der Wissenschaft des Judentums u n d ihrer Vertreter bei der, wie es heißt, in Aussicht stehenden Gründung einer Universität in Saloniki, erhielten wir erfreulichen Bescheid. Durch ein Projekt, über das eine öffentliche Mitteilung heute noch nicht erwünscht erscheint, will man das Vertrauen der jüdischen Bevölkerung gewinnen. Die nächste Zeit dürfte uns entsprechende Taten sehen lassen. Vorläufig hat Griechenland unter der Last seiner Gebietserlveiterung schwer zu tragen. Hohe Steuern, bis zum äußersten gespannte Kriegsbereitschaft, alles ständig unter Dampf, bereit, in den Gang der ruheloser: Entwicklung im Osten und Norden einzugreifen. Auch ohne jede philhellenische Anwandlung muß man dem griechischen Patriotismus hohe Anerkennung zollen. Man kennt ihn zur Genüge aus den griechischen Unabhängigkeitskämpfen, die den schlagenden Beweis liefern, wie das Zurückgreifen auf die nationale Vergangenheit, die Neubelebung geschichtlicher Oertlichkeiten und vor allen: die W i e d e r g e b u r t d e r S p r a ch e, trotz aller Rassenmifchung und allen Wechsels der Lebensbedingungen ungeachtet, über die Kluft der Jahrhunderte die Brücke schlagen, wenn nur der 'Wille dazu vor keinem Opfer zurückschrickt. Die Welt kann, allen politischen Rechenkünsten zum Trotz, auf die Dauer solchem Kampfe eines Kulturvolkes um die

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