Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 35 (28.8.1914)
- Date
- 1914-08-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 59b muß--bei der Lektüre dieses zarischen Manifestes an seine lieben Juden, weil es uns schon jetzt eine unvergeßliche moralische Genugtuung bietet; weil es uns schon jetzt — noch ehe die Würfel gefallen - zeigt, daß die Wahrheit auf dem Marsche ist; weil es uns schon jetzt als ein Vorzeichen, des Sieges erscheint, der über das alte Tyrannennest im Anzüge ist, dieses göttliche Lachen, welches als ein heiliges bezeichnet werden kann, welches dem Judentum tu seinem Optimismus nichts neues in der Geschichte seiner Erlösungen ist — es wird mit Gottes Hilfe bald die ganze Weltbühne erfüllen und nach den unausbleiblichen Schrecken des Krieges allen Freunden des Lichtes, der Freiheit und der wahren Menschenverbrüdernng — ein freudige s, friedliches und beglückendes L a ch e n bringen. Vom Aabrnmrkl des Lebens. Französische und belgische Zarenknechte. Ehe der Weltkrieg noch begann, schickte er eine niederträchtige Scheußlichkeit voran. Man hat in Frankreich und Belgien, wohl auch zum Teil in England wehrlose, harmlose Ausländer wie wilde Tiere behandelt. Angehörige der österreichisch-ungarischen und der deutschen Nation wurden unter brutaler Verletzung des Völkerrechtes und der Menschenrechte im Laufe weniger Stunden ihres Eigentums beraubt, als mißhandelte Bettler aus dem Lande gejagt, das viele von ihnen durch Jahrzehnte bewohnt hatten, mußten hungernd, zitternd lind beschimpft unsägliche tagelange Strapazen auf sich.nehmen, bis sie endlich wieder sicheren Boden unter den Füßen hatten. Das allein würde schon genügen, um die barbarischen Franzosen und Belgier auf ewig in der Kulturgeschichte und Weltgeschichte mit Schmach zu bedecken. Weit darüber hinaus würde jedoch auch an friedlichen Bürgern, an Frauen und Kindern von dem entmenschten Pöbel und der seiner würdigen Soldateska in sehr vielen Fällen gemeiner Meuchelmord, zum Teil unter Folterqualen verübt, eine Handlungsweise, welche jedem zivilisierten Menschen das Blut erstarren macht. Man hat nicht einmal davon geträumt, daß solche Vorgänge einmal möglich sein würden. Haben doch die Franzosen als die ersten in der modernen Zeit die Menschenrechte verkündet, eine große Reihe geistig bedeutender Dichter >und Denker hervorgebracht, die Tugenden der Höflichkeit und Ritterlichkeit immer hochgehalten. Die ihnen stammverwandten reichen und regsameil Belgier hielten immer ihr Bildungswesen auf einem hohen Grade, pflegten achtsam alte Beziehungen zum Auslande, das ihrer großen Industrie stets ein williger Abnehmer war. Nun sind die Angehörigen der „graude nntion" und die Belgier zu Tieren herabgesunken und sind gegen ihre Gäste so erbarmungslos gewesen, wie die Bestien des Waldes. Noch niemals ist eine solche historische Situation dagewesen. Selbst beim Ausbruch des Deutschr-Französischen Krieges im Jahre 1870 ist den in Paris lebenden Deutschen kein Haar gekrümmt worden. Wenn man die Ursachen dieser traurigen Erscheinungen sucht, so muß man — so höhnisch das jetzt klingt — auf den Artikel eines führenden englischen Blattes zurückgreifen, welcher nach der Ermordung unseres Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand erschienen ist. In diesem Artikel wurde ganz unverhohlen gesagt, daß die feige Mordtat eines Buben nicht aus Serbien, sondern schließlich aus Rußland znrückzuführen sei und an der Hand mehrerer Beispiele darauf hingewiesen, daß der Meuchelmord ein sehr beliebter Ausweg der russischen Diplomaten wäre. Dieser Artikel wurde nachträglich noch sehr traurig bestätigt durch den Pariser Mord an Jean Jaures, dessen Beredsamkeit und Einfluß den teilweisen Frieden vielleicht doch noch erhalten hätte. Der feige und tückische Meuchelmord ist also eine Waffe des ruchlosen Zarismus, den er im Anslande gebraucht, während er gegen die Bürger im eigenen Lande mit Kerker und Galgen wütet. Statt sich nun mit Abscheu und Entsetzen von einer solchen verkommenen Despotie abznwenden, haben die von den umstürzlerischen Nationalisten verhetzten Franzosen und Belgier in Verfolgung einer Racheidee sich dem Zarismus in die Arme geworfen, seine Taten gebilligt und seine Führung angenommen. Die Führung hat nun nicht nur aus politischem, sondern auch ans geistigem und gesellschaftlichem Gebiete ihre furchtbaren Folgen gehabt. Das Sprichwort: „Sage mir, mit wem du umgehst, und ich sage dir, wer du bist", hat eine Fortsetzung auch auf die Bündnisse der Völker. Man hat sich in Frankreich an die Methode des Zarismus gewöhnt und hat sie schließlich auch angenommen. Das Wüten gegen die Angehörigen eines ganzen Volksstammes ist in ganz Rußland bekanntlich an der Tagesordnung. Er kam in Anwendung gegen die Polen, Finnländer und nicht zum wenigsten gegen die Juden. Diese Pogromidee ist nun auch in Frankreich und Belgien ausgenommen worden, ist ein schändlicher Besitz und das nationale unauslöschliche Verbrechen von abendländischen Völkerschaften geworden, welche sich bisher aus ihre Zivilisation und Gesittung besonders viel zugute getan haben. Seit der Gründung der Tripelentente, seit den Küssen des Zaren an den Präsidenten einer angeblich freiheitlichen Republik ist die Knute auch das Szepter in West europa geworden, sie wird über französische und belgische Länder geschwungen und deren bestochene und verblendete Politiker und Führer sind Kosaken und Zarenknechte geworden. Von unseren galizischen Grenzstädten. In den galizischen Blättern erscheinen jetzt interessante Berichte aus den Grenzstädten, welche wegen der versuchten Einbrüche der Kosaken in ständiger Angst leben. Rüheend ist es, zu sehen, wie die Juden in diesen Städtchen, bevor sie noch an ihr eigenes Leben und an ihre eigene Habe denken, vor allem die Thorarollen und, soweit es angeht, die heiligen Bücher und Gerätschaften in Sicherheit bringen, um sie vor den Pietät losen Angriffen der schmutzigen Kosakenhände zu bewahren. Die Thorarollen werden in Fensternischen ein gemauert, die heiligen Kultusgeräte werden in Kisten eingegraben, Bücher werden sortgeschasft und erst dann — oft vielleicht schon etwas zu spät — bringen diese Inden ihr eigenes Leben in Sicherheit. In vielen Städten habeil die Geistlichen mit den Juden zusammen auch die kirchlichen Kultusgegenstände in Sicherheit gebracht. Bezeichnend hiefür ist die Erzählung eines Juden über seine Erlebnisse bei dem Ueberfall der Kosaken auf Sokal. Viele Juden — so erzählt er unter anderem - haben zusammen mit Christen in einem Sokaler Kloster Schirl; gesucht und gefunden. Ich werde die Schrecken dieser lvenigen Stunden, 'die es dauerte, bis die Kosaken unter großen Verlusten aus Sokal zurückgetrieben wurden, niemals vergessen. Man vergaß ganz, wo inan sich befand. Juden und Christen verrichteten Gebete nutz mitten durch das Vaterunser hörte man die Juden „Schema Jisroel" rufen und das Sündenbekenntnis oblegen. Ein Lemberger Blatt veröffentlicht die Karte eines jüdischen Eingerückten: „Ich ziehe in den Krieg. Es gehört sicherlich nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens, in den