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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-08-28 · 35 (28.8.1914) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
35 (28.8.1914)
Date
1914-08-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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«■**■«* ... lllWI HHII I 4 il'fM Seüe H94 Dr. Bloch's Sprüchen der Väter: Wenn nicht ich für mich, wer denn!? Wenn nicht jetzt, wann dann!?" Aus diesem Aufrufe spricht die Hoffnung, die Erwartung, die Fülle der Verheißung, die aus dem mitfühlenden jüdischen Bruderherzen aufschreit; die Erkenntnis in dem Hinweise auf den m c n s ch e n f r e u n dliche n K a i s e r Franz Josef I., der wie eine Jubelsanfare zu den Herzen der russisch-jüdischen Brüder einen mächtigen Widerhall findet, die in diesem frommen, goltgesalbten Herrschergreise schon längst eine Erlösergeftatt zu sehen gewohnt lind. Dieser Ausruf von den Enden an die Juden ist das Manifest, das zu einem 1) o c um e u t d u m a i u emporivächst, welches in den Annalen der jüdischen Geschichte in goldenen Lettern sortleuchten wird. Zu gleicher Zeit ist ein anderes Manifest erschienen, eine Proklamation des Zaren an die Juden? Au dem vorhin angeführten Gegenstück gemessen, erscheint es wie „ein Hohngelächter der Hölle"! Schon die Anrede ist der Gipfelpunkt der Heuchelei, der Falschheit, der Verstellung und des Betruges! So der Zar in seiner Dumarede den Krieg Oesterreichs als eine f c ck c H eraussorderung zu bezeichnen wägte, so kann man dieses Manifest an die Juden als eine Frechheit bezeichnen. Nach der von Blut getränkten Geschichte russischjüdischer Untertanen in dem letzten Jahrzehnt ivagtcs ein Zar, dieser Zar, vor aller Welt sie mit den glcißnerischen Worten anzurufen: „An meine lieben I u d e n!" Jedes einzelnedieser drei. an dieselben gerichteten Worte ist ein mit Gift getränkter Dolchstich! Der erste Eindruck aus den russischen Juden muß doch die empörendste Entrüstung sein. Bei weiterem Nachdenken jedoch muß ein anderer Effekt in seinem Empfindungsleben, wie in dem aller anderen Juden, platzgreifen, die sich durchringende Erkenntnis, wie groß ist unser Gott in seiner menschheitslicbenden Vorsehung! Wir erleben cs in unseren Tagen, daß ein Zar, dieser Z a r, eine Bitte um Hilfe richtet an seine lieben Inden! Denn ein Hilferuf ist es und nichts anderes. Wer hätte einen Monat vorher dies im Traume gedacht, wer cs auszusprechen gewagt!? Bedenken wir, es wäre vor nur einem M o n a t ein Mann — wie cj.it der Prophetenzeit — ausgetreten Und hätte es den Juden der Welt, der ganzen Menschheit gekündet, in einer Vision, etwa in folgenden Worten: „Also spricht Gott, der Herr Zebaoth, das ist das Wort, welches der Herr redet wider ihn: dich verachtet, deiner spottet die Jungfrau, die Tochter Zions! Hinter dir her schüttelt das Haupt die Tochter Jeruscholaims! Wen hast du gehöhnt und gelästert und gegen wen die Stimme erhoben und deinen stolzen Blick gerichtet, gegen den Heiligen Israels! Durch deine Knechte hast du den Herrn gehöhnt! Weil du gegen mich tobst und weil dein Lärmen zu meinen Ohren gekommen, so lege ich meinen Ring an deine Nase und mein Gebiß an deine Lippen! Fürchte nicht — spricht Gott zu seinem bedrängten, gequälten Volke — ich will deinen Dränger durch'das Schwert falten lassen in seinem eigenen Lande!" Bedenklich hätte man den Kopf geschüttelt über einen solchen Schwärmer, und doch war es ein solch schwärmerisch scheineirder Prophet — Iesaias -, der also vor 2600 Jahren es von Sanherib verkündete, der unüberwindlich schien, woran sich die weitere Erzählung knüpfte: „Da ging aus ein Engel Gottes und schlug im Lager 185.000 Mann. Als man am andern Morgen erwachte und sieh, es waren alle Leichen! Sanherib aber kehrte zurück, blieb in Ninive. Als er sich bückte im Tempel des Nisrah, vor seinem Gotte, erschlugen ihn seine Söhne init dem Schwerte." Wir wollen nicht prophezeien, aber die Erfüllung der angeführten Erzählung scheint für die Gegenwart Wochenschrift Nr. 35 nicht mehr so unmöglich. Es scheint sogar, daß — wie zu Zeiten Mosis, ein heidnischer Prophet, ein Bileam — auch am Hose des Zaren ein solcher demselben so manches — Israel betreffend — gesagt habe, der dann vielleicht deshalb in besondere Ungnade gefallen sei.; Es zeugt hiesür ein Dokument von des russischen Landes Schande, welches wörtlich zu zitieren und' der vergeßlichen Mitwelt in Erinnerung zu bringen, wohl am Platze ist. Dieses lautet: „Millionenreiches, orthodoxes Rußland! Verzeihe mir, daß ich, dein früherer eifriger Diener, mich von deinem Glauben lossage, von deiner Kirche und von deinen Erzbischöfen abfalle. Verzeihe mir, es geschieht deshalb, weil das, an was ich srüher glaubte, in meinem Herzen erstorben ist. Sogenanntes ungläubiges, nicht orthodoxes, andersgläubiges-und fremdländisches Rußland! Verzeihe mir, ich habe dir viel, viel Böses zugefügt. Man hat mich gelehrt, daß nur das russische Volk in Rußland das Recht hat, sich zu nähren und nach seiner Fasson selig zu sein, den Nichtrussen aber kann mau Schläge ins Gesicht versetzen. Die sogenannte russische Wahrheit befahl mir, laut zu rufen, daß alle ihre Gegner zum Galgen geschleppt werden müssen. Volk Israel! Leuchte der Welt! Du verzeihe mir ganz besonders; dich habe ich am meisten angegriffen; ich habe niemals nach deinem Blute gelechzt, aber ich wurde gegen dich aujgestachelt. Die Asche der während der Pogrome getöteten Säuglinge quält mein Gewissen. Verzeihe mir, du begabtestes und glänzendstes Volk der Welt! Aufrichtig habe ich mich über dich geirrt, aufrichtig bekenne ich meine Schuld. Du bist deshalb unter der ganzen Menschheit zerstreut, damit du die ganze Menschheit zur Wahrheit führst. Führe nun! Dir ist viel gegeben worden, viel mußt du leisten! -Alles, was hier in meiner Lossagung steht, ist bewußt und unwiderruflich niedergeschrieben. Als Zeugnis dessen zerschneide ich meine Hand, entnehme der Wunde Blut und unterschreibe meinen Namen — I liod o r." Wer begreift jetzt nicht, daß ein I l i o d o r, der frühere Abgott des Zaren, einem Rasputin weichen mußte, von welchem es heißt, er sei von einem Werkzeug seines Vorgängers mit dem Dolche überfallen worden, eine Ausstreuung, welche vielleicht eine Verleumdung ist, um Jliodor, den büßenden, reuigen Judensrcuud, ganz unmöglich zu machen!? Wer da in die Tiefen dieses von Gauklern und Hexenmeistern geleiteten Zarenhofes blickt, dein grinst eine dunkle Kloake entgegen — und wie aus dieser hervorgezogen erscheint das Manifest, das mit den denkwürdigen Worten des Zaren beginnt: An meine lieben Juden! Bei dieser an Blödsinn grenzenden Proklamation ms Zaren rufen wir mit dem deutschen Dichter in E m il - fl Galo tti aus: „W er lacht da?" Diese Frage der Entrüstung, die einem Vater in den Mund gelegt wird, dem seine Tochter entführt, sein Tochtermann verräterisch getötet worden ist und der dann noch von dem Veranstalter all dieser Missetaten zur Liebe ausgerusen wurde. Es wäre aber noch richtiger, bei dem Aufrufe des Zaren an seine lieben Juden den angeführten klassischen Ausspruch dahin zu variieren: „W er lacht da nicht!?" In den Psalmen heißt es auch von Gott: „Er, der hoch, oben im Himmel thront, lacht darob", über die Frevler, die seinent Volke Böses tun; er lacht, wenn der Tag der Vergeltung kommt. Viermal, sagen unsere Weisen, kommt dieses göttliche Lachen der Vorsehung in den heiligen Schriften vor. * Dieses göttliche Lachen, welches auch uns erfassen

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