Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022124--23390-3048586- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 590 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. U bogens schillernden Leibrock mit langen Schätzen, die bei jeder Bewegung auseinanderslogen, die geflickten Beinkleider steckten unten in den breiten, am oberen Ende heraufgebogenen, nachenartigen Schuhen, mit einem dicken Stocke bewaffnet. Denkt man sich zu dieser Kleidung noch ein kleines Männlein mit von Aurum verbranntem, abrasiertem Gesichte, mit buschigen Augenbrauen, zwinkernden Augen und fortwährend kauendem Munde und man hat einen ziemlich guten Begriff von der Physiognomie und der komischen Figur Mendels. Er war überall ein gern gesehener „East" und da sich ein jeder mit /ihm einen Spatz machen wollte, so gab man ihm gerne und doppelt soviel als anderen Armen. Doch alles auf Erden ist vergänglich und das Verhängnis schreitet schnell. Dieses ereilte ihn in der Person einer nahen Verwandten aus Wien. Selbe hatte sich zwar nie viel um unseren armen Mendel gekümmert. Doch als sie vernahm, datz er ein kleiner „Auscher"* 2 * 4) geworden, war sie plötzlich voll Liebe und Zärtlichkeit gegen ihn. Sie schrieb ihm unzählige Briese, worin sie ihm den Vorschlag machte, zu ihr nach Wien zu kommen, das ersparte Geld sich zu ihr in Verwahrung zu geben, Quartier und Verpflegung werde er bei ihr umsonst haben, er werde sich's daher bei ihr in Wien viel besser haben als in P., wo >er so viel von der Spottsucht der bösen Menschen zu leiden habe. Mendel sträubte sich anfangs, auf dieses verlockende Projekt einzugehen und sein erspartes Geld aus Händen zu geben. Doch schlietzlich gab er dem vielen Zureden und Versprechungen dennoch nach, und eines schönen Tages war die alte Stadt P. um eine „Zelebrität" ärmer; Mendel war mit seiner Cousine, die ihm abholen kam, mit dem ersten Frühzuge nach Wien abgedampft. Die Herren Gassenbuben, auch die älteren Spottvögel waren anfangs untröstlich über den herben Verlust. Da aber bekanntlich die Zeit alle Wunden heilt, so überwanden sie bald den Schmerz der Trennung und es wurde wieder ein anderes bedauernswertes Individuum in die Arbeit genommen und zum „Meschugenen" präpariert. Anfangs ging es unserem Mendel recht gut in der schönen Residenzstadt an der Donau. Er tat nichts mehr als essen, trinken, „dawenen" und schlafen. Dieses Schlaraffenleben sollte aber bald ein Ende nehmen. Denn kaum war er einen Monat in Wien, als ihm seine „liebenswürdige" Cousine die Eröffnung machte, datz die schönen Tage von Aranjuez „vorüber" seien und datz sie ihn nicht umsonst mehr „ausfüttern" könne, er möge sich sein Brot suchen, wo er es findet. Mendel verlangte sein Geld zurück, doch da seine Cousine ihm die Rückgabe desselben unter allerlei Vorwänden verweigerte und er mit dem Gerichte nicht gerne zu tun haben wollte, sah er sich gezwungen, sein in P. mit Erfolg betriebenes Metier wieder in Wien aufzunehmen. Doch ist das leichter gedacht als getan. Wie sollte sich der Arme in den weiten, ihm unbekannten Straßen der Residenz zurechtfinden, und ohne die mindeste „Platzkenntnis" Uetz sich das Geschäft des „ Schnallendruckens", wie er es nannte, sehr schwer ausüben. Zu diesem ihn beunruhigenden Gedanken gesellte sich noch die Furcht vor der Polizpi, vor welcher er einen gewaltigen Respekt hatte, da „sie ihm völlig im Magen hereingucken" und „man sich nit emal vor sie schneuzen kann". Doch „Rot bricht Eisen", und Mendel falls beweisen. Mit tiefem jGroll im Kerzen und einem Fluche gegen die betrügerischen Menschen ergriff Mendel wieder den Bettelstab. Unter mannigfjaltigen Gefahren und Schrecken entging er beinahe ein halbes Jahr dem wachsamen Auge der Polizei und hatte schon auch ein wenig Platzkenntnis in den weitläufigen Straßen der Metropole. ~ „|5er Krug aber geht so lange zum Brunnen, bis er endlich bricht"; so ging es auch dem armen Mendel. Es war gerade einen Tag vor „Hoschana Rabbo"ö),^. als er von dem Späherblicke ^!»er Polizei beim „Schnallendrucken" entdeckt wurde und von zwei Sicherheitswachmännern beim Kragen erfaßt und unter deren Begleitung in das bekannte Haus im „Sterngassel" geführt wurde. .Nachdem er zwei Tage im „Kühlen" gesessen, wurde er mit der strengen Warnung, nie mehr beim Betteln sich attrappieren zu lassen, entlasten. Seine Abenteuer im Gefangenhause erzählt Mendel mit folgenden originellen Worten: „Mit 4) Reicher Mann. 5) Der 7. Tag des Laubhüttenfestes. Gewalt haben mir die Polizeien gewollt tresene^) Suppen. ins Maul hereinschütten, ich Hab' sie die Chasersuppen7) aber im Ponim hineingespieben^), pitzekegore, pitzekegore sollen se warn." Es übersteigt die höchste Komik, seine Schilderung zu hören, wie er am Freitag nacht der Polizei Lehaches „Lecho daudi" bekol rom gesungen, wie es ihm nur Leid tue, datz er am „Hoschano Rabbo" keine „Hoschanas"4) bei sich gehabt, sonst hätte er selbe „darinnen ongeschlogen, datz alles gewettert hätte". Trotz der strengen Warnung der Polizei treffen wir Mendel kurze Zeit nachher wieder beim „Fechten", natürlich nach allen Seiten ausspähend, bevor er eine Tür öffnet. So hatte er wieder einige Zeit Ruhe und machte viele Straßen durch seine Fechtproduktionen unsicher. „Doch nichts ist so fein gesponnen, es kommt dennoch an die Sonnen," und „mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten". Die Polizei ertappte ihn wieder einmal beim „Schnallendrucken", und da bekanntlich selbe keinen Spatz versteht, wurde er arretiert und des anderen Tages nach seiner Vaterstadt P. per Schub zurückerpediert. Der Jubel der spottsüchtigen Jugend über das plötzliche Wiedererscheinen Mendels in P. wollte kein Ende nehmen und überall, wo er sich blicken ließ, wurde er mit dem Freudenruse „Mendel mit der Gewure" ist wieder da, „Schalem Alechem-) Mendel rc. empfangen und begrüßt. Doch blieb er ihnen den Dank nicht schuldig, und aus voller Brust rief er den ihm so stürmisch Begrüßenden seine denkwürdigen Worte zu: „Wards beschrien, berupft und bezupst, ezach Kinder, ezach Leut'." Kaum war er aber einige Tage in seinem Geburtsorte, als" er seine Fechtproduktion wieder begann und mit größerem Erfolg als früher; denn jeder wollte ihm über -seine Abenteuer in Wien, gegen welche Stadt er die größten Flüche ausstietz, erzählen hören. Auch konnte man ihn täglich wieder in der „Agramerschul" sein Gebet unter unzähligen Rezitationen verrichten sehen, umringt von den Gassenbuben, welche die oftmals wiederholten Worte im Chorus mitsangen. Noch müssen wir eine besondere Eigentümlichkeit oder bester gesagt, einen der besonderen Vorzüge Mendels hier erwähnen. Er war ein lebender Kalender und wußte auf ein Jahr hinaus alle guten „Schabosten ünd Jomimtauwim"^) anzugeben. Auch konnte er auswendig jede Sidra, von welcher man ihm die Anfangsworte sagte, mit dem „Trapp"4 6) weiter leinen. Für diese Belesenheit in der Thora wurde er alljährlich am „Simchas-Thora"^) öffentlich belohnt, indem sich die Gabaim der „Agramerschul'" den Simichasthoraspatz erlaubten, ihm an" diesem Freudens- und Festtage „im Kol Haneorim"^) aufrufen zu lassen, und zwar mit dem Ehrentitel „Morenu"7); Mendel wußte sich auch das Ansehen eines Morenus zu geben und erschien gewöhnlich als „Morenu" mit dem „Talis"^) über den Kopf geworfen vor der Thora. Von hunderten Kindern umringt,s agte er die „Beracha"^), von dem ohrenzerreitzenden Geschrei der Kinder übertönt, und begann dann die ganze Parscha4") selbst zu leinen.") Nachdem er noch einen Mischeberachi-) als „Morenu" bekam, bei welcher Gelegenheit er gewöhnlich zwei „Zworichdelklich"^) den „Schames"44) „schnoderte""'), verließ er stolz den 6) Nicht rituell zubereitet.; <) Suppe von Schweinsleisch. s) Pfui"Teufel. . 4) Bachweiden, selbe werden nach Vorschrift an den Sitzen angeschlagen. 2) Friede mit Euch, jüdischer Gruß. 8) Sabbate. 4) Noten. 5) Freudenfest mit der Thora. 6) Mit allen Kindern. 7) Gelehrter. 8) Gebetmantel. 9) Segensspruch. 10) Abschnitt. ") Vorzutragen, i-) Einen Segen. 13) Topfengebäck.; u) Tempeldiener. i5) Spendete.