Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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^Nr. 34 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 583 Widersprüchen und Ungereimtheiten frei glaubte. Von den vielen Schriften, die er offensiv und defensiv verfaßt hat, liegen uns nur zwei vor, beide unvollständig, nicht in dem Gusse, den er ihnen gegeben hat: Das „gerächte Jsrael" («Israel venge) das ein französischer Uebersetzer fast ein Jahrhundert nach Orobios Tod nur auszüglich mitgeteilt hat, und eine religionspolemische Korrespondenz, die er mit dem holländischen Dissidenten-Prediger Philipp von Limborch geführt hat. Orobios Polemik geht auf das Große und Ganze, sie ist gemessen, urban, aber um so einschneidender. Er trat nicht gerne in die Polemik ein. Er spricht sich selbst darüber aus: „Ein vornehmer Herr hat mich gezwungen, katholischen Theologen zu antworten, welche bei ihm waren und die ihm versicherten, daß es mir unmöglich sein würde, eine Beweisführung zu widerlegen, die sie vorzubringen gedachten. Ich habe mich lange wegen meiner geringen Fähigkeiten gesträubt. Ich habe ihnen bemerkt, daß Religionsdisputationen nicht zu enden pflegen, ohne die Ohren der Zuhörer zu verletzen, lvelche oft keine andere Kenntnis von ihrer Religion haben, als daß sie das Vermächtnis ihrer Väter ist. Aber nichts hat mich davon befreien können, in den Kampf einzutreten."*) Der Ausgangspunkt seiner Polemik ist, daß (wenn man >s nach heutigem Sprachgebrauche bezeichnen will) die Dogmatik des Judentums einzig und allein im Pentateuch, in der Thora, in der sinaischen Gesetzgebung zu suchen sei, nicht in den Propheten. Diese haben gar nichts Neues gebracht, keinen neuen Gottesbegriff, keine neue Lehre, kurz kein neues Dogma (alfo reine „Entwicklung"), sondern nur L-chwung, Begeisterung, Ernrahnung, die Gesetze und Lehren der Thora zu befolgen, sie zu Gemüte zu führen. „Und wenn es gar keine Propheten gegeben Hätte, so hätte der Pentateuch allein das, Volk Jsrael genügend von der Göttlichkeit seines Schöpfers belehrt, so weit es überhaupt der menschliche Geist zu fassen vermag."**) Aus dieser Prämisse folgerte er, daß die Messiasideen, welche die Propheten aufgestellt haben, mit dem Kern des Judentums nichts gemein haben,***) die pentateuchische Dogmatik gar nicht tangieren, nicht mit ihr im Widerspruch stehen und noch weniger sie aufheben können. Die Propheten nach Mosel) können feine u c n e H eilsleh r e gebracht haben. Mit Recht macht Orobio darauf aufmerksam, daß im Pentateuch nur Vermeidung jeder Art des Götzendienstes, auch Sabbat, Beschneidnng, Vermeidung unzüchtigen Wandels, Redlichkeit im Verkehr wiederholt betont und deren Uebertretung mit Strafe bedroht wird; aber eine gewisse Vorstellung von Gott, ob er mit dem Geiste so oder so aufzufassen sei, wird darin nicht gelehrt und noch weniger hervorgehoben. Von diesem unerschütterlichen Boden aus konnte Orobio seinem christlichen Freunde, dem Geistlichen Philipp voir Limborch, vier Fragen vorlegen: 1. Man zeige irgendwo in der Heiligen Schrift (versteht sich alten Testaments) eine Stelle, worin Gott ausdrücklich befohlen hätte, daß der Glaube an ben Messias zum Heil des menschlichen Geschlechts so sehr notwendig sei, daß derjenige, der nicht daran glaube, verdammenswert sei. (Maimonides führt den Glauben an die einstige Ankunft des Messias als 12. Glaubensartikel an!) 2. Man zeige eure Stelle, in welcher Gott gesagt hätte, daß das einzige Mittel zum Heile Israels und zu dessen Wiederaufnahme in die göttliche Gnade der Glaube an den bereits erschienenen Messias wäre. *) Israel vengö p. 190. **) Israel vengö, 1. Kapitel. ***) Hier steht er nicht auf jüdischem Standpunkt. 3. Man zeige eine Stelle, daß Jsrael wegen seines Unglaubens an den Messias gezüchtigt und unter die Völker zerstreut werden würde, und daß es nicht Gottes Volk sein, sondern in Ewigkeit verdammt sein würde, so lange es an den erschienenen Messias nicht glauben würde. 4. Endlich zeige man eine Stelle, daß Gott gesagt hätte, sämtliche Gesetzesvorschriften (mit Ausnahme der Sittengesetzc) seien bloß ein Schatten, ein Typus für die Messiasgeschichte, und daß marr alles, was in dem göttlichen Gesetzbuch und in den Propheten offenbart ist, mystisch und figürlich erklären dürfe, obwohl der Wortsinn sich dagegen sträubt. Uebrigens verhielt sich, wie schon angedeutet ist, Orobio nicht bloß polemisch, sondern auch apologetisch. Das Judentum, um dessentwillen er so viel gelitten hatte, war seinem Herzen teuer. Er suchte es seinem Geiste klar zu machen und seinen hohen Wert zu erkennen. Er verteidigte auch das mündlsiche s e tz neben der geschriebenen Thora. Er stellte darüber folgende Ansicht auf. Er meinte, daß während der vierzigjährigen Wüstenwanderung manche Fälle vorgekommen sein müssen, für deren Entscheidung das schriftliche Gesetz n i ch t n u s r eicht e, Spezialitäten, welche in diesem nicht vorgesehen waren. Er führt als Beispiele die Geschichte vom Lästerer, von den Töchtern Zelophchads, von der Reinigung der dem Feinde abgenommenen Gerätschaften an. Solche Vorkommnisse entschied Mosel) ebenfalls nach dem Aussprache Gottes, und diese Entscheidungen seien nicht niedergeschrieben, sondern müMich tradiert worden. G. Korrespondenzen. Aestgottesdrenlt und Iestversirnunümg der israelitischen Kuktusgemeinde. Anläßlich des Geburtstages des Kaisers fand am 18. d. M., vormittags 10 Uhr, im Leopoldstädter Tempel ein solenner Festgottesdienst statt, an welchem sämtliche in Wien weilenden Mitglieder des Kultusvorstandes mit dem Präsidenten Dr. Alfred Stern und den Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und Hofrat Dr. RappaPort sowie Delegierte aller Bezirkskommissionen und fast sämtlicher jüdischen Vereine und ein mehrtausendköpfiges Publikum teilnahmen. Die Beamtenschaft der Kultusgemeinde erschien unter Führung des ersten Sekretärs kaiserl. Rates Dr. Theodor Lieben und des Sekretärs Dr. Emil Adler. Die liberalen Gemeinderäte sowie der Bezirksvorsteher der Leopoldstadt waren korporativ erschienen. Das Korpskommando entsendete eine Deputation von Offizieren und eine Abteilung israelitischer Mannschaft. — Die Festpredigt des Rabbiners Doktor- Mar G r u n w a l d übte auf die Anwesenden einen mächtigen Eindruck. Oberkantor Josef Morgenstern sowie der Chor unter Leitung des Chordirigenten Julius H eimann, unterstützt vom Organisten Professor S. S t o r ch, besorgte in erhebender Weise den kantoralen Teil der Feier. Die Feier schloß mit der Absingung der Volkshymne. Im Anschlüsse an den Festgottesdienst fand eine öffentliche Fest-Plenarsitzung des Kultusvorstandes statt. Nachdem Präsident Dr. Stern die zahlreich Versammelten begrüßt hatte, hielt er folgende Ansprache: „Wir kommen vom Gottesdienst. — Unabweisbar drängt sich uns das Empfinden auf, all die guten Wünsche, welche wir dort für unseren herzlich geliebten Kaiser im Gebete zu Gott richteten, hier neuerlich in dieser Festversammlung in solenner Festsitzung des Kultusvor-