Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 34 (21.8.1914)
- Date
- 1914-08-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3020846-3022089-3022124--23382-3048578- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 582 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 34 ganza um 1620, gestorben 1687). So wenig wir auch von seinen Wandlungen wissen, über welche vielleicht seine Prozeßakten im Jnquisitionsarchiv von Sevilla einst Aufschluß geben werden, so spannen sie doch unsere Aufmerksamkeit. Er war ein ganzer Mann, ein klarer Ziopf, ein begeisterter Anhänger des Judentums. Er stammte von marranischen Eltern, die vom Judentum nur noch eine einzige Reminiszenz behalten hatten. Sie feierten in Sevilla, wohin sie von Braganza verzogen waren, alljährlich still den jüdischen V ersö h ltunpst a g, d. h. sie pflegten sich an diesem Tage der Speisen und des Trankes zu enthalten. Welche fromme List mußten sie und andere dem Judentume wenn auch nur an einem dünnen Faden anhangenden Marranien gebrauchen, um sich nicht bei ihrer Umgebung, ihren Domestiken oder Bekannten zu verraten! Selbst vor ihren eigetten Kindern hielten sie gewöhnlich ihre jüdischen Bräuche geheim, denn die Indiskretion der Jugend konnte sie durch ein Wort auf den Scheiterhaufen bringen. Nur ihren reifen und Willensstärken Söhnen und Töchtern pflegten sich marranische Eltern im geheimsten Winkel des Hauses zu offenbareil und ihnen die Anhänglichkeit an die geächtete Religioir ihrer Väter zu empfehlen. Ob Balthasar Orobio in der Jugend von seinen Eltern in das Geheimnis, daß sie heimlich Juden waren, gezogen war, ist nicht bekannt. Sie ließen ihn auf der Universität Alcala de Honores Philosophie studieren, d. h. das, was man damals in Spanien mit diesem Worte bezeichnete. Er brachte es so weit darin, daß er selbst in Alcala auf*' der dortigen Universität Vorlesungen hielt. Ordentlicher Professor war er wohl nicht. Doch scheint ihn die Scholastik »licht befriedigt zu haben. Balthasar Orobio gab sie auf, um sich der Medizin zu widmen. Darin erlangte er eine solche Meisterschaft, daß er in Sevilla ein gesuchter Arzt war und Leibmedicus des herzoglichen Hauses de Medina Coli und auch bei einer dem König Philipp IV. ilahestehenden Familie wurde. Er heiratete, wurde glücklicher Familienvater und lebte seinem Berufe treu. Ob er heimlich dem Judentum zugetan war? Man weiß es nicht. Aber einer seiner Diener, den er wegen Diebstahls bestraft hatte, gab ihn heimlich bei der Inquisition an, daß er judaisiert habe, und sofort wurde er in den Kerker geworfen. Drei volle Jahre ließ ihn das Tribunal darin schmachten. Denn Orobio leugnete konsequent, jüdische Riten mitgemacht zu haben. Eingestchen bedeutete nicht bloß, den Feuertod über sich selbst, sondern über seine Frau und Kinder und Bekannte heraufbeschwören. Denn die Inquisition begnügte sich nicht mit einem einfachen Geständnis, sondern forschte nach Teilnehmern und Mitschuldigen und erpreßte solche Angaben durch die Folter. Im dunklen, engen Kerker brachte Orobio, wie er selbst erzählte, seine erste Zeit damit zu, scholastische Thesen zu lösen. Er teilte sich selbst die Rolle eines Defensor, eines Antagonisten und des Präsidierenden zu, der das Pro und Contra beleuchtet und das Schlußvotum fällt. Aber lange vermochte sein Geist nicht, sich an dieser Spielerei aufrechtzuerhalten; er verlor sich in Stumpfsinn. Sein Gedächtnis verließ ihn, und er fragte sich öfter, ob er denn derselbe Orobio sei, der so glücklich und stolz durch die Straßen Sevillas gewandelt war, der eine geliebte Gattin und zärtliche Kinder hatte? Er glaubte in der Dunkelheit der Kerkermauern geboren zu sein und auch dort enden zu müssen. Aus dieser Stumpfheit des Geistes tveckte ihn das Tribunal, als es ihn zum Verhör in einen düstern, nur schwach beleuchteten Saal führen ließ, um ein ernstes Verhör mit ihm anzustellen. Jnstinktmäßig verharrte Orobio im Bestreiten aller der Anschuldigungen, über die er befragt worden war. Da wurde die schreckliche Tortur angewendet, nur ihn zum Gestäuduisse zu bringen. Die Henkersknechte zogen ihn an straffen Seilen in die Höhe, daß ihm das Blut ausströmte, und lvenn seine Füße Stützpunkte suchten, trafen sie auf Eisenspitzen. So verrenkt wurde sein ganzer Körper durch diese Beweise der „Gerechtigkeit", daß er 70 Tage brauchte, bis er sozusagen wieder eingerenkt wurde. Er wurde zwar als des Judaismus nicht überführt — wahrscheinlich durch einflußreiche Verwendung — aus dem Kerker entlassen, aber als Verdächtiger mußte er das S a n - B e n i t o, ein Büßerhemd aus gelbbemalter Leinwand, zwei Jahre tragen. Dann wurde er aus Spanien verwiesen, eine Strafe, um die ihn ohne Zweifel viele Stammesgenossen beneidet haben. Seine Verdienste als theoretischer und praktischer Mediziner fanden in Südfrankreich Anerkennung und Belohnung. An der Universität von Toulouse erhielt er von Ludwig XIV. eine Professur und den Titel Rat, allerdings noch immer als Christ. Er begab sich später nach dem „nordischen Jerusalem", nach Amsterdam (um 1666), wo viele Marranen Ruhe und Lebensbehaglichkeit fanden, und bekannte sich als Jude. Isaak Orobio (wie er sich später als Jude nannte) nahm nicht lange nach seiner Ansiedelung eine Ehrenstelle in der stolzen portugiesischen Gemeinde ein; er wurde zum Mitglied des Maamad (des Vorstandes) erwählt (um 1668—1669). Seufzend legte er das Sündenbekenntnis ab, daß er so lange notgedrungen seine Religion verleugnet habe. Die jüdischen Sitevati, bie Pfleger der Wissenschaft und Poesie, von denen das jüdische Amsterdam damals wimmelte, drängten sich an ihn, haschten nach seinem Lobe, widmeten ihm ihre Schriften und waren beglückt, wem: er ihnen eine Approbation bewilligte. Auch mit Spinoza war er befreundet und korrespondierte mit ihm. Zur xZeit, als Spin o z a seinen ' fth e o l o g i f ch - p o litischen Traktat drucken ließ (1670), scheint Orobio sich noch nicht in das Judentum so vertieft zu haben, um ein eigenes Urteil über dieses so gedankenreiche und zugleich so sophistische'W erd zu hüben und dessen Tragweite zu erkennen. Er legte es daher einem christlichen Freunde, dem Arzt Volthuysen, zur Beurteilung vor und übermittelte, man weiß nicht recht zu welchem Zwecke, dessen Urteil an Spinoza. Später vertiefte sich Orobio in die Theologie und Philosophie, erkannte von'selbst die Schädlichkeit des spinozischen ^Systems und versuchte es zu widerlegen. Mit Christen der höheren Gesellschaftskreise verkehrte Orobio viel, und da damals in Holland so ziemlich Gedankenfreiheit herrschte, die verschiedensten Religionsmeinungen sich tummelten, der Deist oder auch Atheist mit dem Mönch, der Judenfeind E i s e n m e n g e r mit dem polnischen Rabbiner David aus L i d a in Berührung kamen und ihre innerste Ueberzeugung einander frei heraussagen durften, so gab es bei jeder Gelegenheit Religionsgespräche, Konfrontierung der christlichen Dogmen mit den jüdischen, Angriffe und Verteidigung, alles in der größten Harmlosigkeit und Freundschaft. Auch Orobio wurde öfter um eingehende Unterhaltung über religiöse Fragen angegangen. Er hatte keine Lust zu Wortfechtereien und ein ernstes Religionsgespräch führen mochte er aus Zartgefühl nicht. Stürmerei und aufregender Polemik aber er hielt auch mit seiner Ueberzeugung nicht zurück, wenn er zunl Sprechen gedrängt wurde. Durch die Kämpfe, die fein Leben durchgemacht hatte, war er zu einer gefestigten Ueberzeugung vom Judentum gelangt. Orobio liebte das Judentum nicht wie die meisten Marranen mit romantischer Sentimentalität oder mit Schwärmerei, sondern mit nüchternem Sinne, weit er in der Religion seiner Väter die Wahrheit erblickte und weil er sie von