Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-08-21 · 34 (21.8.1914) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022124--23380-3048576
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 34 Seite K80 Dr. Blocks Wochenschrift deren Härten sich fast ausschließlich! gegen jene Inden wendeten, die den Verfolgungen in der russischen Heimat entronnen Md. Als das wirklich freie Amerika vor ungefähr zwei Jahren die Erneuerung des Handelsvertrages mit Rußland ablehnte, insolange es nicht die amerikanischen Pässe auch dann respektiert, wenn sie im Besitze von amerikanischen Bürgern jüdischen Glaubens sind, da hat die englische Regierung, auf deren moralische Unterstützung «die amerikanische Regierung rechnen zu dürfen glaubte, alle Bemühungen der fortschrittlichen Briten, ganz besonders aber die Anstrengungen Der Hervorragenosten jüdischen Körperschaften und Persönlichkeiten Englands mit einem schroffen „non possumus“ zurückgewiesen. Eben dieses „non possumus*4, Die Einbekennung der Ohnmacht des auf seine Macht so eingebildeten England, war das betrübendste, beschämendste Symptom von dem verderblichen Einfluß des russischen Kulturfeindes. Und der Tiefstand, zu welchem die moskowitische Fuchtel der aus dem Blute der geknechteten Untertanen zusammengeschweißte rollende Rubel die englische öffentliche Meinung herabzudrücken vermochte, offenbarte sich in der kläglichsten Form in dem Verhalten des großen, einst so angeseherren und geachteten englischen Weltblattes „Times". Für russisches Geld verkaufte sich dieses große reiche Blatt und erniedrigte seine Spalten zum Tummelplatz antisemitischer Hetzartikel. Die Londoner „Times" wurde das Sprachrohr der Kruschewan und Purischkewitsch. Die Berichte der „Times" über Juden- und Judenfrage wetteiferten in Entstellungen, Verdrchungen und unwissenschaftlichen Argumentationen mit der berüchtigten „Nowoje Wremja", deren Londoner Echo sie geworden ist. Und so ist England auch heute bloß der willenlose Sklave des Kaisers von Rußland. Gegen besseres Empfinden des englischen Volkes will es Schergendienste leisten in einem Momente, da Kulturstaaten mit diesem überzeugten Feind jeder Kulturregung fürchterliche Abrechnung halten will. Schwer und zahllos sind die seelischen Leiden und körperlichen Leiden, ^denen die Juden in Rußland seit Jahrhunderten ausgesetzt sind. Sie haben sie erduldet und ertragen. Gegen alle noch so saddistischen Foltermittel, gegen alle noch so erfinderischen Gesetze und „Gesetzeserklärungen" waren sie durch den festen Willen, durch die unerschütterliche Entschlossenheit, ihren Wissens¬ und Arbeitsdrang zu befriedigen, gefeit. Alle Verbote, Schulen zu besuchen oder gar Schulen zu erhalten, halfen nichts. Unter den größten Entbehrungen und der Ueberwindung der unglaublichsten Schwierigkeiten haben die russischen Juden sich Wissen angeeignet, die Wissenschaft gefördert, Gewerbe, Handel und Industrie entwickelt. Sie wußten, daß sie durch diese Arbeit bloß das Schwert, das chr Erzfeind unausgesetzt drohend über chrem Haupte schwingt, nur noch schärfer und treffsicherer gestalten. Aber -mächtiger als die Angst vor der Knute war der ihnen innewohnende Drang nach Befreiung chres geknebelten Geistes. Was sich jetzt in Europa äbspielt, ist nichts als eine blutige Illustration zu dem traurigsten Kapitel der Weltgeschichte „Rußland, der Feind der Menschheit". Alle, die jetzt dazu beitragen, dieses Kapitel so zu schließen, daß das Rechtsempfinden der Miterlebenden nicht erschüttert werde, werden und müssen aus diesem Kampfe siegreich hervorgehen, wenn Recht und Gerechtigkeit nicht von bieser Welt verschwinden sollen. Und alle diejenigen, die diesen Kampf dadurch verbittern, daß sie das Unrecht, für welches sie eintreten, verhüllen, daß sie selbst diejenigen, die bereits entschlossen waren, dem nordischen Koloß, diesen Hort der ,Unmenschlichkeit, im Namen der Menschheit an den Leib zu rücken, entmutigen, werden an Leib und Seele geschädigt und zerschunden aus diesem Weltkriege hervorschleichen, allen künftigen Generationen als Warnung dienend, daß keine Macht auf dieser Welt sich gegen den natürlichen Fortschritt von Recht, Gesetz und Gerechtigkeit ungestraft versündigen darf. Solidarität der Juden mit den Polen. Lemberg, 13. August. Vorgestern fand hier unter Vorsitz des Gemeinderates Ulam eine Versammlung der Repräsentanten a l l e r j ü d i s ch e n O r g a n i s a t i o a e it statt, in der die Stellungnahme der jüdischen, Bevölkerung eingehend diskutiert wurde. Anwesend waren Vertreter aller jüdischen Handels-, Industrie- und Handwerkerverbände. Aus der Diskussion und der einhellig gefaßten Resolution ging hervor, daß die jüdische Bürgerschaft unermüdlich an der nationalen Aufklärung der breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung arbeitet. In der Resolution heißt es: Die jüdische Bürgerschaft kündigt in voller Uebereinstimmung und Einigkeit mit der polnischen Nation ihre Anteilnahme am Kampfe um die Unabhängigkeit des Vaterlandes an und erklärt sich mit der Aktion der interimistischen Kommission der vereinigten polnischen Unabhängigkeitsparteien solidarisch. Die Versammlung fordert die ganze jüdische Bevölkerung auf, Blut und Vermögen irr diesem Kampfe mit dem uralten Todfeinde der Polen und Juden zu opfern. Zum Präsidenten des Krakauer Exekutivkomitees der dortigen Judenschaft wurde der Vorsteher der dortigen Kultusgemeinde Samuel T i l l e s gewählt. Krakau, 16. August. Von der hiesigen Judenschaft wurden für polnisch-nationale Militärzwecke 140.000 Kronen gezeichnet und sofort 40.000 Kronen eingezahlt. Der Bürgermeister und Landtagsabgeordnete von Brody (Galizien) Dr. Stanislaus Rittet ist als Oberleutnant freiwillig eingerückt. « Heldentaten eines jüdischen Landsturmmannes. Das „Lemberger Tagblatt" meldet, daß bei dein Ueberfalle der Kosaken auf Podwoloczyska sich neben den Gendarmen der jüdische Landsturmmann Mathies Hellmann in hervorragender Weise auszeichnete. Er schoß mit seinem Gewehr nach allen Seiten und verteidigte die Stellung so tapfer, daß bloß seine Schüsse eine größere Anzahl von Pferden und Kosaken zu Falle brachten. Nachdem er alle Kugeln und vorrätigen Patronen abfeuerte, nahm er von den Gendarmen ihre Patronen und kämpfte und hielt sich mit großer Bravour. Diese Nachricht von dem heldenmütigen Verhalten des jüdischen Landsturmmannes wird von dein verwundeten Gendarmen W l o s s o k bestätigt, welcher sich gegenwärtig im Lemberger Spital befindet. In den Grenzkämpfen bei Saloschetz hat sich der jüdische Kavallerist S i l b e r g ausgezeichnet. Wo ist Max Nprdau? Dem „Berl. Tagblatt" wird geschrieben: Max- Nord au, der hervorragende Schriftsteller, der in Paris lebte, ist seit dem Ausbruch der Feindseligkeiten verschollen. Nordau hielt sich bis zum Sonnabend der deutschen Mobilmachung in Paris auf. Er mußte dann in ein französisches Seebad reisen, um seine dort weilende. ahnungslose Familie heimzuholen. Es fehlt seitdem jede Spur von chm. Man weiß nicht, ob er die Seinen erreicht hat und ob es ihm gelungen ist, den Feindseligkeiten gegen die Deutschen zu entgehen. Er harte die Absicht, nach dem Zusammentreffen mit seiner Familie nach der Schweiz zu reisen. Da aber zu dem Zeit-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.