Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-08-21 · 34 (21.8.1914) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
34 (21.8.1914)
Date
1914-08-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022124--23379-3048575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 579 Nr. 31- Mauern und ihrer Bauart von einem Granen erfaßt wird, findet dasselbe seine gespenstische Steigerung in dem freien Mittelraum des Hauptgebäudes, in dessen Mittelpunkt sich eine in den Boden eingelassene Bronzetafel eingesetzt vorfindet. Diese erzählt, daß auf derselben Stelle im Jahre 1536 Anna Boleyn auf dem Schaffst hingerichtet worden ist. Es ist eine der fünf Königinnen, die der für den Ruhm Englands so wohlverdiente Heinrich VIII. sich nach und nach anheiratete, die eine nach der anderen hinauswies, je nach der Herrscherlaune aber auch hinrichten ließ. So endete auch seine fünfte Gattin, Katharina Howard, auf dem Blutgerüste. Dieses mörderische Beispiel fand dann in der Geschichte dieses Landes seine öftere Nachahmung; so wurde Maria Stuart aus Rücksicht für des Staates Wohl durch eine Königin im Jahre 1587 zum Tode verurteilt. Ebenso gerichtsordnungsmäßig — es geht nämlich in dem ordnungsliebenden Staate England alles ganz gesetzlich und mit einem bewunderungswürdigen Phlegma vor — wurde auch ein König Karl II. — fast ein Jahrhundert nachher — am 30. Januar 1649 enthauptet. Mit Stolz zeigt der englische Führer — flankiert von dem baumlangen schottischen Burggendarmen — — dem Foreigner — das ist der Ausländer, den der Engländer im allgemeinen in seinem durchbohrenden Selbstbewußtsein nur verächtlich anblickt — oder gar dem German — sprich Dschermen — ein Wort, das der Einheimische mit einer besonders haßerfüllten Betonung zu markieren versteht — auf dem Hinrichtungsplatze der unglücklichen jungen Königin Anna Bolcyn aus zwei große, auffällig schwarze Raben hin, die den schaurigen Platz umflattern, ein unheimliches Krächzen von Zeit zu Zeit ausstoßend, und von denen der führende Englishmen behauptet, daß sie noch von jener grausigen Zeit her sich hier aufhalten und von Regierungs wegen ihren Unterhalt bekommen. Jetzt erkennen wir sie, diese Raben, die von Regierungs wegen erhalten werden; sie reihen sich gleich unwürdig den Raben an, die nun krächzend den deutschen Turm am Kyffhäuser gespenstisch umflattern und ihn drohend umkreisen. Das sind jetzt auch O e st e r r e i ch s Feinde, die — wie das sprichwörtlich perfide Albion mit seinem im Schachergeiste zusammengerafften Imperium - auf Aas warten — die, wie einst ihre ostindische Kompagnie, der England seine meerumschlungene Größe dankt, nun in Kompagnie einer Meuchelmordschutztruppe getreten sind. Wie vor hundert Jahren, ist nun wieder der deutsche Knabe auf das Geheiß des zauberhaft greisen Kaisers hinausgetreten, nach den krächzenden Raben zu sehen — er hat sie dem Barbarossa der Gegenwart gemeldet; mit einer erhabenen Geste hat dieser das Zeichen zur Jagd auf dieselben gegeben — und sein jüngerer deutscher Herrfcherbruder hat die heroische Geste verstanden — er hat die Jagd nach den Erbfeinden der deutschen Reiche ausgenommen und — wir sind dessen sicher — die Raben werden nicht nur auf ein Jahrhundert, sondern auf ein Jahrtausend hinausgejagt werden aus deutschen und österreichisch-ungarischen Landen, dorthin, wohin sie gehören: auf die Leichenhügel ihrer eigenen Königsmörder, die kein Deutschland und kein Oesterreich in der Geschichte aufzuweisen hat, sondern eigentümlicherweise nur das so schmählich sich, zusammenfindende Trio — der Feinde Oe st erreich s. Vom Aabrmarkt des Lebens. Rußland ist der Feind. Millionen Zungen verkünden es und Millionen geben es weiter: Rußland ist der Feind! Der ganze Jammer, der jetzt das alte Europa erfüllt, der Donner der Kanonen, die blutigen Kämpfe aus den verschiedenen Schlachtfeldern, sie alle dröhnen es in die Welt hinaus: Rußland ist der Feind! Die einen wissen ech bereits, die anderen ahnen es und werden die Kenntsis nur allzu teueu bezahlen, die Wissenschaft, die sich jetzt blutrot in die Weltgeschichte einmerzt: Rußland ist der Feind! Tausende von Witwen, ungezählte Waisen in allen Länberu dieses Weltteiles und lver weiß, ob nicht auch in den Ländern anderer Weiltteile, werden es von Generation zu Generation tradieren: Rußland ist der Feind! Wir haben es seit jeher gekündet. Wir waren in der sicheren Lage, für diese unsere Wissenschaft allzu beredte Dokumente anzusühren. Wenn irgendein hirnverbrannter Minister des Zaren mit einem Federstrich sechs Millionen Juden um ihre menschliche Existenz gebracht, wenn irgendein Ukas des Zaren den Wissensdurst von sechs Millionen Juden erstickt hat, wenn irgendein verkommener Günstling Kaiser Nikolaus' durch Anzettelung von Pogromen seinem Herrn und Gebieter melden konnte, daß Tausende friedlicher, ehrlicher, strebsamer Menschell mitten im Frieden zur Strecke gebracht wurden, nur deshalb, weil sie Juden waren, so versäunlten lvir es nie, das Gewesen der sich gesittet irennenden Welt aufzurütteln und ihnen zuzurusen: Rußland ist der Feind! Nicht nur der Feind jener sechs Millionen Juden, die ein unglückliches Geschick unter das zur Knute erniedrigte Zarensizepter verschlagen hat. Nicht nur ein Feind jener Millionen Polen, die geknechtet und geknebelt ihrer nationalen Selbständigkeit und völkischen Eigenart mit Gewalt sollten entkleidet werden, und nicht nur der Feind all jtwer zahlreichen kleineren und größeren Nationalitäten und Konfessionen, denen die Liebe zu Rußland mit der Nagaika eingepeitscht wird, nein, unablässig riefen wir es [ allen Staaten, die sich die Hüter der Kultur, die Förderer der Zivilisation, die Beschützer der Menschenrechte nannten: Rußland ist auch euer Feind, weil es instinktiv empfindet, daß ihr seine Feinde sein müßtet. Die Geschichte hat unsere Warnungen gerechtfertigt. Frankreich wankte, seitdem es das widernatürliche Bündnis mit dem nordischen Despoten einging, von einer Krise in die andere, und immer mehr wurden die Zeichen des inneren moralischen Verfalles, der bedenklichsten Assimilation des französischen Volkes mit dem russischen. Seit jener Verbindung konnte Frankreich niemals sicher sein, daß das Andenken seiner Freiheitskämpfe nicht durch antisemitische Ausschreitungen oder zumindest durch antisemitische Politik geschändet werde. Erniedrigt vor seiner eigenen Vergangenheit, hat es den Einfluß der russischen Machthaber widerstandslos auf sich wirken laffeit müssen, und wie in Rußland der Pfiff eines Huligans das Signal für eine allgemeine Judenmetzelei ist, so war auch in Frankreich jetzt der Pfiff des russischen Huligans das Signal der barbarischesten Ausschreitungen der Franzosen gegen wehrlose Ausländer. Ging es England etwa besser? England, das für . die ganze Welt als der Träger der gefestigten, schon zum Konservativismus erstarrten Kulturdogmen gilt, selbst dieses freie, mächtige, auf seine Unabhängigkeit.jio stolze Albion, mußte eine innigere Berührung mit dem moskowitischen Reiche, mit der Verleugnung seiner ältesten und stolzesten Traditionen büßen. England, das sonst immer das Asyl aller politisch Verfolgten war, hat, kaum zu einer Entente mit Rußland geeinigt, eine Fremdengesetzgebung geschaffen,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.