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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-08-14 · 33 (14.8.1914) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
33 (14.8.1914)
Date
1914-08-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 33 Seite 573 Dr. Bloch's Wochenschrift Lastenträgergilde". Eines Tages fand sich Mendel aus dem Standplätze der „Träger" vor dem - bekannten „Wachthüttel" ein, empfangen von den teils mißtrauischen, teils höhnischen Blicken seiner späteren „Riesenkollegen". Doch er war damals ein noch zu kleiner Knirps, als daß die übrigen riesenhaften „Lastträger" seine Konkurrenz fürchten sollten, und begnügten sich selbst, ihn nur zur Zielscheibe ihres Spottes zu machen. Da ihm die verschiedenartigen Schikanen, die er von seinen „Kollegen" zu erleiden hatte, nicht im mindesten genierten, so konnte man Mendel von nun an schon in der frühesten Morgenstunde am Standplätze „vor dem Wachthüttel" sehen, natürlich ein wenig abseits und aus dem Bereiche der gewaltigen Hände der titanenhaften Lastträger, vor welchen er großen Respekt hatte, und von denen er schließlich nichts Gutes erwartete. Es vergingen Jahre und unser Mendel hatte sich in seinem bescheidenen Berufe tüchtig eingearbeitet. Er mutzte sich wohl aus gewissen „schlagenden Gründen" nur mit den Uederbleibscl'i der „Geschäfte" seiner Riesenkollegen begnügen, doch da selbe hohen " Arbeitslohn beanspruchten und sich mit dem Tragen kleinerer Pakete nicht abgaben, so war Mendel ein sehr gesuchter Mann, umsomehr da er sich mit der kleinsten Entlohnung begnügte. Durch diese „Vielbeschästigung" kam er zu dem pompösen Namen „Gewure", welchen ihm, seine an Kraft weit überlegenen Genossen spottweise beilegten und mit welchen selbe nur seine „guten Geschäfte" bezeichnen wollten. So verstrichen Jahre und Dezennien und als Mendel das vierzigste Jahr erreichte, zeigte sein schwächlicheres Aeutzere, datz die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen. War er kein „Schimschen Hagibor'") in seiner Jugend, so war er viel weniger im Alter, wo ihm das Epitheton der „Gewure"6 7 8) beigelegt wurde. Er war zu vierzig Jahren schon ein schwächliches, kleines, zufammengefchrumptes Männlein. Doch war er das Arbeiten schon so gewöhnt, datz es ihm gleichsam zur zweiten Natur wurde, und so konnte man ihn vom frühesten Morgen bis zum späten Abend die schwersten Kisten und Koffer tragen sehen, Lasten, die ihn unter ihrer Wucht zu begraben schienen, was ganz geeignet war, seinen Ruf „der Gewure" noch mehr zu rechtfertigen und zu befestigen. So blieb ihm der Spottname: „Mendel mit der Gewure". Sobald ihm die liebe Stratzenjugend mit einer Last beladen durch die Straße gehen sah, da ertönte von allen Seiten der Spottruf: „Mendel mit der eisernen Gewure". Er durfte sich wohin immer wenden, tt wurde mit diesem Rufe begrüßt. Wie Kobolde hefteten sich seine Verfolger an seine Fersen, bis er, oft zum äußersten gebracht, die schwere Last niedersetzend, in blinder Wut den erstbesten Stein ergriff, um ihn gegen seine Peiniger zu schleudern. Doch 'waren diese schon längst in allen Straßenecken verschwunden. Mendel, schier außer 'sich vor Zorn, sendete ihnen noch den größten Fmch nach, den er in seiner Rüstkammer bewahrte, und da er das r nicht gut aussprechen konnte, so sagte er: „Ward's beschallen (beschrien), bewuppt und bezuppt!" So glaubte er sich, so oft der Spottruf „der Gewure" gegen ihn erscholl und seine Kraft „beschricn" wurde, mit diesem Eegenfluche zu rächen, indem er fortwährend die Worte brummend: „EzachZ Kinder, Ezach Kinder, beschrien und beruppt und bezuppt sollen sie waren," wieder die Last aufnehmend, seinen Weg fortsetzte. Wenn Mendel am Samstag das ,,Scholet"o) trug und manchmal mit einem Riefenscholettopf in beiden Händen die Judengasse daherkeuchte, da rief ihm so mancher Spaßvogel nach: „Mendel, hast . e Gewure gehabt, das alles wirst Du aufessen?" Da gab es keinen ergötzlicheren Anblick, als Mendel mit rollenden Augen, hochgerötetem Gesichte zu sehen, wie er aus Furcht, daß der süßen Götterspeise ein Schaden zugefügt werden könnte, den Scholettopf desto krampfhafter haltend, seinen Quälgeistern entgegendonnerte: „Ward beschrien und beruppt!", und wie er, gleichsam um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, mit dem Topfe die dazu passenden Schwingungen vollführte. 6) Simson, der Starke. 7) Kraft. 8) Viel. °) Eine von Freitag aus Samstag in einem verschlossenen Ofen warm gehaltene Speise. Aber nicht nur durch die „Gewure" im Lasttragen war Mendel die Zielscheibe der spottfüchtigen Jugend, sondern auch durch sein komisches Benehmen beim „Dawenen" in der Synagoge. Er hatte nämlich die Gewohnheit, sehr laut zu schreien und die letzten Worte eines jeden Satzes dreimal zu wiederholen. So stand er am unteren Ende der „Bergelschul" nächst der Türe, mit dem linken Arm an die Wand gelehnt, die Augen zur Erde gerichtet und verrichtete unter unzähligen Rezitationen mit krächzender Stimme sein Gebet. Es mußte den andächtigsten Beter oft zum Lachen bringen, wie die liebe Jugend ihn umringend bei jeder Rezitation im Chorus laut einfiel. Doch ließ er sich in der Schul' nicht so leicht aus dem Terte bringen von den ihn schikanierenden „Taschkaschen"") und harrte wacker aus, bis sich alle Andächtigen schon längst entfernt hatten und der Synagogendiener ihn durch das Sperren der „Schul'" zum Nachhausegehen zwang. Trotz seines langen Verweilens in der Synagoge wurde cr mit dem „Dawenen" nicht fertig und konnte man ihm oftmals, wenn er gerade reinen „Geschäftsgang" hatte, nachmittags hinter einem Haustore oder auf irgend einer Stiege sitzend, noch ein Stück vom „Schachrisgebet"") „dawenen" sehen. An den „Jomim taumim"'-“) und gar am „Roschhaschano"") und „Jom kippur""), da hatte ec einige Schwierigkeiten mit dem „Dawenen". Er kannte den großen „Jauzer""') nicht überwältigen und wollte dennoch kein Jota verfehlen. Doch Mendel wußte sich zu helfen. Schreiber dieses hat chm die ersten Tage") Sukoth auf der Bodenstiege nächst seiner Wohnung den nicht fertiggebrachten „Jom Kipurjauzer" in größter Andacht beten gesehen. Wie der liebe Leser sieht, war das „Dawenen Mendels liebste Beschäftigung und die Schul'" sein angenehmster Aufenthalt. In der Bergelschul', welche er mit seiner Anwesenheit beehrte, war man an ihm und seine lächerlichen Rezitationen schon gewöhnt, so datz die Andacht nicht gestört wurde. Doch an einem für ihn unheilvollen Tage sollte er auch aus seinem Eden, aus der Schul', wo er gewöhnlich seine Andacht verrichtete, gewiesen werden. Es war am zweiten Sukothtage, da brachte Mendel das andächtige Publikum der „Bergelschul'" durch sein hochkomisches") „Lulofschütteln" derartig zum Lachen, daß man ihm von diesem Tage an die Schul' verwies. Mendels „Lulofschütteln" war aber auch dazu geeignet, die Lachlust zu erregen. Er hielt den ihm von seinem Nachbar geliehenen Lulof wagrecht vor sich hin und machte Evolutionen, als stünde er auf dem Schlachtfelde in Reih' und Glied und stürmte gegen eine feindliche Batterie. Vier Ellen im Umküeise, so weit sein Lulof reichte, war man vor seinen heftigen Stößen nicht sicher, und als er nach oben und unten schütteln sollte, machte er Lustsprünge, daß viele der Zunächststehenden vor Lachen bersten wollten. Doch da von dem spaßigen Lulofschütteln nur die nächste Umgebung Mendels berührt wurde und sich diese komische Szene im unteren Ende der Synagoge abfpielte, wäre die Affäre anstandslos verlaufen. Doch nahm die Sache eine für Mendel ernstere Wendung, als sich ein Spaßvogel den unverantwortlichen Spaß erlaubte, ihm am zweiten Tage der Sukoth mit der „Amida"") zu beehren. Wie gebräuchlich, stellte er sich an der Steile des Vorbeters und begann anfangs sachte, dann immer stürmischer mit dem wagrecht vor sich hrrgehaltenen Lulof derartige Verwüstungen anzurichten, daß einerseits der neben ihm stehende Vorbeter, aus der anderen Seite der Vorsteher Hieb- und Stichwunden erlitten und, um weiteren Verletzungen zu entgehen, eiligst unter Schreien der Entrüstung die Flucht ergriffen. Als er nun die „Ninuim""), „Lemaalo ulemuto" und seine Luftsprünge begann, passierte ihm das ") Gassenbuben. ") Morgengebet. ") Feiertage. 1;i) Neujahrsfest. u) Versöhnungstag. 15) Festgebet. 16) Laubhüttenfest. 17) Palmenzweigschütteln. ls) Hinstellen neben dem Vorbeier. ") Schütteln nach oben und unten.

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