Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 569 hatten wir die förmliche Jagd auf die Schul- und akademische Jugend in den PriHatschulanstalten; die Pfadfinder und Schützen wurden bis in die Wälder hinein verfolgt. Keine Wohnung, die nicht durchsucht wurde, jeder halbwegs Verdächtige wurde verhaftet; und überall Spione. . . . Heute ist dies alles vorbei, denn die Russen sind fort. Es gibt keine Beamten mehr, welche die Aufgabe haben, die Banditen zu organisieren und mit ihnen die Beute zu teilen; man braucht nicht mehr zu fliehen und braucht nicht mehr in dieser Pest ewiger Lüge zu atmen! Denn bei jedem Schritte mußte man ja lügen, vom Kindesalter angefangen lügen: auf der Schulbank, im Bureau, im Amt, in der Werkstätte, immer und überall. Heute kann man sich endlich auf die Gasse hinaustrauen, jeder einzelne und alle zusammen können die Larve wegwerfen und zeigen, was man ist. * * * Die erste von den Deutschen in Besitz genommene Stadt in Russisch-Polen, Kalisch, hat bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 30.000 Seelen gut 15.000 Juden, die ein blühendes Gemeindewesen und bedeutende religiöse und philanthropische Institutionen erhalten. Als Rabbiner wirkt dort der unter dem Namen „d er Kalischer Raw" auch im Westen wohlbekannte Rabbi Jecheskel Lipfchütz, der Verfasser des B’—re*. Direkte Nachrichten über das Schicksal der Juden vor und nach der Einnahme der Stadt durch die Deutschen find natürlich nicht zu erhalten. Berliner Zeitungen melden, daß, als die russischen Soldaten vor Anrücken der Deutschen davonliefen und die brennende Stadt ihrem Schicksal überließen, sich der Mob sofort auf die Besitzenden stürzte und ihre Häuser pli'mderte. Man weiß in jüdischen Kreisen, was dieses Wort bedeutet. . . . Russische Rechtlosigkeit treibt zum Wahnsinn. Aus Krakau wird uns berichtet: In der letzten Zeit haben sich die Fälle gehäuft, daß Juden, welche infolge der willkürlichen Auslegung der russischen Gesetze über das Wohnrecht der Juden plötzlich existenzlos geworden sind, dem Wahnsinn verfallen. Großes Aufsehen erregte dieser Tage ein solcher Fäll von Wahnsinn, hervorgeruscn durch russische Willkür, der sich auf dem Bahnhöfe von Kiew abspielte. Ein junges Mädchen namens Freude Sang, das auf Grund irgend eines lauernden Paragraphen aus der Stadt, in der sie geboren wurde, vertrieben ward, verfiel plötzlich dem Wahnsinn und schrie unausgesetzt, daß sie eine neue „Erklärung" bezüglich des Wohnrechtes der Juden erlassen habe, welche alle bisherigen Verfügungen aushebt. Das unglückliche Geschöpf mußte in eine Heilanstalt gebracht werden. Tort wird sie wenigstens vorläufig das Wohnrecht besitzen. Ein neues Zirkular über den Eintritt von Juden in die Mittelschulen. Das Ministerium der Volksausklärung hat, wie die „Rjetsch" meldet, ein neues Zirkular über die Verlosung von Vakanzen unter den jüdischen Aspiranten zum Eintritt in die Mittelschulen ansgearbeitet. Das neue Zirkular stellt einen ganz anderen Modus fest, als er zu Beginn dieses Jahres vom Ministerium stipuliert worden ist. Das Ministerium der Volksausklärung hatte durch ein zum Beginn dieses Jahres veröffentlichtes Zirkular bestimmt, daß die Aufnahme von Juden in Mittelschulen innerhalb der Prozentnorm durch eine Verlosung unter allen Aspiranten, welche die Prüfung bestanden haben, vorzunehmen ist. Das neue Zirkular fußt auf einer anderen Basis. Dem neuen Zirkular nach wird die Verlosung der Vakanzen nicht unter den Juden, welche ihre Examen bestanden haben, sondern vorher unter allen.Aspiranten ausgeführt. Nur diejenigen, die ein positives Los gezogen haben, werden zur Prüfung zugelassen. Dadurch fällt die Möglichkeit fort, daß alle, die ihre Prüfung unbefriedigend bestanden haben, von der Verlosung ausscheiden. Da es immerhin möglich ist, daß von den auf Grund des neuen Zirkulares zugelassenen Aspiranten einzelne durchfallen, so würden durch den Modus trotz des Verlosungssystems alljährlich, einige Vakanzen frei bleiben. Da das Zirkular über die Besetzung dieser Vakanzen schweigt, so nimmt die „Rjetsch" an, daß sie christlichen Aspiranten zufallen werden, was bei der allgemeinen Ueberfüllung unserer Mittelschulen eigentlich ausgeschlossen erscheint. Wir wollen in dem neuen Zirkular nichts weiter sehen als eine weitere Rechtsbeschrünkung der Juden, weil bei einer Verlosung der Vakanzen vor der Prüfung einige Aspiranten, vielleicht aber auch alle eine ungenügende Nummer erhalten können, zumal wenn den Lehrern ein Wink zugeht, den jüdischen Aspiranten etwas schärfer auf den Zahn zu fühlen. Andererseits werden die Lehrer mit dem neuen Zirkular ganz zufrieden sein, weil es sie einer großen, aber überflüssigen Arbeit enthebt. Die Zahl der jüdischen Aspiranten war immer sehr groß und die Zahl der Vakanzen klein. Nach dem neuen Modus wird den Examinatoren ein gutes Stück Arbeit und dadurch auch viel Zeit erspart, die sonst ziemlich nutzlos vergeudet wurde. Der zweite Teil des Zirkulares setzt den Modus der Verlosung fest, die in Gegenwart des pädagogischen Konsens vorgenommen werden muß. Die Lose werden vom Stadthaupt gezogen, oder im Falle es verhindert sein sollte, vom Vorsitzenden des Elternkomitees. Sollte auch der Vorsitzende des Elternkomitees verhindert sein, so wird diese Pflicht dem örtlichen Rabbiner übertragen. Aus einem Warschauer Brief. Die letzte Korrespondenz, die uns aus Warschau zukanl, datiert vom 25. Juli, enthält folgenden Situationsbericht über die Lage der Juden in Rußland: Die große Kiewer jüdische Gemeinde ist momentan von einer Katastrophe bedroht, deren Folgen noch unabseh-' bar sind. Laut einer neuerdings getroffenen Verfügung werden voraussichtlich acht- bis neuntausend jüdische Familien, insgesamt etwa vierzigtausend Seelen, die Stadt verlassen müssen. Dabei handelt es sich nicht etwa um solche Juden, die ungesetzlich auf Eirund von Bestechungen in Kiew gewohnt haben, sondern um zwei besonders privilegierte Kategorien, deren Wohnrecht seit Jahrzehnten kodifiziert ist. Als nämlich die russische Regierung unter dem liberalen Alexander II. die Verbreitung der Bildung unter den Juden besonders fördern wollte, da erließ sie ein Gesetz, wonach alte diejenigen Juden, die ihre Kinder in die Unterrichtsanstalten Kiews schickten, unbehelligt am Orte wohnen durften. Dieses Gesetz blieb bis aus den heutigen Tag bestehen, obschon die russische Regierung ihren Kurs in bezug auf die Verbreitung von Bildung unter den Juden in den entgegengesetzten umgewandelt hatte. Mit dem Ueberhandnehmen der Reaktion suchte wohl die lokale Verwaltung durch Schikanen den Gebrauch dieses Gesetzes zu erschweren, aber sein Fundament wagte sie nicht umzustürzen. So wohnen augenblicklich etwa zweitausendfünfhrmdert jüdische Familien in Kiew nur auf Grund der Erziehung ihrer Kinder in staatlichen Schulen. Da ist nun plötzlich die russische Administration auf den (Gedanken gekommen, das seit Jahrzehnten bestehende Privileg ohne jegliche Sanktion seitens der gesetzgebenden Körperschaften — also wider das bestehende Recht — den Juden zu nehmen. Neben dieser Kategorie soll aber noch eine weit größere, diejenige der Handwerker, schon in den nächsten Wochen der Entrecht