Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 33 (14.8.1914)
- Date
- 1914-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Bloch's Wochenschrift Seite 567 Erinnerung, als er noch tu den späten Junitagen der verspäteten Generalversammlung seines Tentpelvereines lebhaft und gewandt präsidierte. Er war ein Typus. Es heißt, er habe sich aus bescheidenstetr Anfängen in verhältnismäßig kurzen Jahren zu großem Reichtum emporgearbeitet, den Bau- und Realitätenmarkt mitgelenkt. Immerhin, seine gewaltige kaufmännische Beflissenheit hinderte ihn nicht, sich mit wahrem Feuereifer den jüdischen Angelegenheiten zu weihen, sich ihnen hinzugeben mit seiner Person und mit seinem Reichtum. In rascher, hastiger, aber wohlgerundeter Sprache wußte er feilte Absichten und, Ansichten zu vertreten und zu verfechten, häufig unbeugsam und radikal, aber stets von hohem Ernste getragen und durch scharfen Blick geklärt, wie sie eben nur erfahrenen mtd kraftvollen Führern eigen sind. Der Tempel in der Müllnergasse, fast möchte man sagen, sein Tempel war ihm alles; dieses Werk, an dessen Aufrichtung er mitgearbeitet hat, war sein Stolz und seine Domäne; für diese Stätte war ihm kein Opfer und keine Mühe zu groß. Mit unübertrefflicher Tatkraft mtd Entschiedenheit führte und pflegte er seine Interessen und damit diejenigen aller Tempelvereine. Ergiebig ist die Zahl und Tragweite seiner Anregungen und Schöpfungen, ergiebig das Maß der Zuwendungen, die er aus der Fülle seiner Mittel mit offener Hand gestreut hat. Er war ein Mann der großen Geste, dem Phrase und Pose fernlagen. Zäh und unnachgiebig steuerte er nach den Zielen, die er für recht erkannte, mit unaufhaltsamem Altlaufe überrannte er die Hindernisse, die ihm den Weg verstellten, um sieghaft und selbstbewußt seinen Willen durchzusetzen. Das hat er erst letzthin wieder gezeigt, als es galt, grundlegende Aenderungen unter den Benefiziaten des Tempels durchzuführen; das hat er bewiesen, trotzdem sich ernstliche Dissense seinem Vorhaben entgcgcnstcmmten. Treue und Anhänglichkeit zeichnetet! ihn auch aus, wenn es sich um die Interessen der Gefamtgemcinde handelte; ihnen hat er vielfach und hingebend gedient, so vor allem in der Schätzungskommission, der er als Leiter seine Sinnesart und seine Richtpunkte ausgeprägt hatte. Auch in der Bruderschaft stellte er feinen Mann, um plangemäß und ausschlaggebend mitzuwirken, was sich im Vorjahre besonders nützlich traf, als der verheerende Brand die Preßburger Judengasse in Asche legte. In zahllosen jüdischen Organisationen und Körperschaften wurde seine Stimme und sein' Rat gern gehört. Die Vornehmheit seiner Denkart kam mir aber vollends zum Bewußtsein, als er in der besagten letzten Hauptversammlung dem Oberkantor des Tempels, der nach langer Tätigkeit wohlverdient in den Ruhestand trat, zum Ehreumitgliede des Tempelvereines promovierte und dabei bekundet hat, daß nicht Geld und nicht wirtschaftliche Geltung, sondern Verdienst und Lebensführung das Wappen dieser Ehrung schmieden. Nun ist er heimgegangen und hat seinen Tempel und seine Schöpfungen zurückgelassen in einer rauhen, wilden Zeit, in der man seine Kraft, seinen Mut und seilte Ausdauer mehr denn je gebraucht hätte, lvo die Wucht und die Gewalt der Geschehnisse die Kulturwelt in einen sausenden Wirbel zieht. Mag seilt, daß ein solches Erleben das Gemüt abstumpft und zarte Regungen für das Einzelschicksal kltickt; an der Bahre unseres Toten kann indessen die Klage nicht verstummen, daß das Wiener Judentum einen starken Arm, die jüdische Sache einen gescheiten Kopf und das jüdische Leben einen hilfsbereiten, opferwilligen Förderer verloren hat. Die Werke, die er geschaffen hat, werden den Ruf und beit Ruhm seines Namens unvergänglich künden. Wien, am 7. August 1914. -!- -i- * Auf dein Zentralfriedhof fand am 9. d. M., 11 Uhr vormittags, das Leichenbegängnis des Fabrikbesitzers Gottlieb Bettel he im statt. Es waren anwesend: Rektor Hofrat Professor Dr. v. Wett stein, die Universitätsprofessoren Dr. Hupka, Dr. Benedikt und Dr. Ehr mann, der Vizepräsident der Kultusgemeinde Hofrat Dr. Rappaport mit vielen Mitgliedern des Vorstandes, die Bethausvorstände Karl Freund und S. W a s s e r v o g e l, erster Sekretär kais. Rat Doktor Lieben, Hofrat v. Baiersdorf, Universitätsprofefsor Dr. Josef Polt a k, Gemeinderat Dr. Ritter v. Dorn, die kaiserlichen Räte Maurer und Julius Ster n, Vertreter des deutsch-akademischen Korps „Marchia", Militäroberrechnungsrat W o l l n e r, der Präsident des humanitären Vereines B'nai B'rith „Eintracht" Doktor Schnabl, der Obmannstellvertreter des Tempels im 9. Bezirk Doktor S chn e p p mit den Vorstandsmitgliedern, die Schriftsteller Dr. Bloch und S. D eutsch, Vereinsobmann Adolf H o f m a u n, der Vorsteher der Israelitischen Allianz Herr Wilhelm Pappenheim, die Rabbiner Dr. Mandl lind Reich, die Präsidentin des Seehospizes Frau Sophie G r ü n f e l d mit Vorstandsmitgliedern des Vereines, Frau Professor E h r m a n n, Frau Clotilde Benedikt mit den Vorftandsdamen des Vereines „Frauenhort", die Obmänner der Tempelvereine, eine Abordnung der jüdischen Mensa Academica, die kaiserlichen Räte L e mb erg er, Dr. S. Krüger und S. Kauders, kaiserlicher Rat Dr. Mittler, Gemeinderat Architekt Melcher, der Obmann der Bezirkskommission Dr. Josef W i n t e r n i tz, der ehemalige Reichsratsabgeordnete W r a b e tz, Professor S u l z e r, Professor N a s ch i», Bezirksrat Hitler, Kommerzialrat L e i n k a u f, die Industriellen Karl L e m b e r g e r, Kommerzialrat H a ck e r, K r e m e n e tz k y, K a r p e l e s und kais. Rat E n g e l o. I a n o s y, kais. Rat Albert Frankl, zahlreiche Aerzte und Advokaten, Rechtskonsulent Dr. Adler, Feldrabbiner Dr. Kolinsky, Bahnoberinspektor Engel, Notar Dr. B ermann, Dr. Siegfried Halber st am vom Adas Jeschurun, Leiter der jüdischen Heimstätte Bertedikt K r e i s k y, die Schriftführerin des Ausspeisungs Vereines in Fünfhaus Frau Jda Berliner. Rabbiner Dr. Feuchtwang sprach ein Gebet. Hierauf sprachen Vizepräsident Hofrat Dr. Rappaport für den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, Vizepräsident Dr. Schn epp für den Tempelverein im 9. Bezirk, Präsident Dr. Jakob Engel im Namen der Tempelvereine, Professor Dr. Benedikt für den israelitischen „Frauenhort", dessen Gründer Bettelheim war, Herr Lampel für den israelitischen Krankenunterstützuugsverein im 9. Bezirk, Rabbiner Dr. K a minka für die Talmudschule „Beth Hamidrasch", Herr Ignaz Frankl für den Kredit- und Vorschußverein. Die kantorale Funktion versah Oberkantor K l ä g e r unter Die kantorale Funktion versah Oberkantor Kläger unter Assistenz der Kantoren Meyerowitsch und Fu nke. Am offenen Grabe nahm Kantor M e y e r o lv i t s ch im Namen der Angestellten des Tempels in rührenden Worten von dem Verblichenen Abschied. Gottlieb Bettelheim als Begründer des „Frauenhortes". An der Bahre von Gottlieb B e t t e l h e i tu stattd trauernd ein sechstes Kind: der Verein „F r a u e n h o r t", dessen Gründung einzig und allein seiner Initiative zu verdanken war. Als vor zirka 30 Jahren der Exodus vieler Reicher aus dem 1. in den 9. Bezirk begann, war es der Tatkraft Gottlieb Bettelheims klar, daß neben dem ersten großen Ferienverein auch im 9. Bezirk ein israelitischer Wohltätigkeitsverein entstehen müsse. Er gab den ersten Fonds her, er wußte in Rosa Zi ffer er.