Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 32 (7.8.1914)
- Date
- 1914-08-07
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Blo.ch's Wochenschrift Seite 557 „höfischen Wesen" angeeignet hatte, verkörpern lebhaft Erscheinungen jener Zeit. j Es war ein unsagbar harmonisches, gottgesegnetes, von echt jüdischem, aber auch echt deutschem Geist durchsonntes Familienleben, das unter einfachen und bescheidenen Daseinsbedingungen in Julius Rodenbergs Elternhaus herrschte. Das Beispiel der Eltern konnte nur vorbildlich aus die Kinderschar wirken. Ernstes Lernen wechselte mit friedlichen Spielen und Wanderungen durch Feld und Flur, Lebensereignisse bildend. Es war unendlich rührend, den Greis selbst noch von diesen goldenen Kindheitstagen erzählen zu hören. Von seinen Eltern zum Kaufmannsstande bestimmt, bezog der gut vorgebildete, poetisch und musikalisch veranlagte Knabe, dreizehnjährig, die höhere Bürgerschule in Hannover. Die erste bedeutende Persönlichkeit, die dort in seinen Gesichtskreis trat, war der Komponist Heinrich M a r s ch n e r, der in der Folge nicht nur seine Lieder und Gedichte in Musik setzte, sondern ihm auch ein vertrauter Freund wurde. In Hannover vertauschte er später seinen Familiennamen mit dem seiner Heimatstadt, unter welchem er sich einen ehrenvollen Platz in der deutschen Literatur geschaffen hat. Später besuchte er das Gymnasium zu Rinteln, ließ schon als Primaner 1849 seine Sonette „Für Schleswig-Holstein" erscheinen und widmete sich seit 1851 in Heidelberg, Güttingen und Berlin juristischen Studien. Die Brüder Grimm empfingen in Berlin den jungen Landsmann freundlich, er wurde auch in den Varnhagenschen Kreis eingeführt, in dem noch Persönlichkeiten, die das alte Berlin repräsentierten, verkehrten. Seine Muse zeitigte anmutige Dichtungen, die sich durch Formvollendung auszeichneten; er trieb Musik, hörte Vorlesungen bei den Historikern Schlosser, Häußler und Weitz, den Philosophen Zeller und Loge, neben denen bei den berühmten Rechtslchrern Stahl und Gneist. Mit Otto Roquette, Paul Heyse, Franz Dingelstedt und Hermann Erimm knüpften sich innige Beziehungen für das Leben. Die preußische Residenz war ihm so lieb geworden, daß er schon 1854 äußerte: „Mag es kommen, wie es will, Berlin soll immer mein Ziel bleiben. Hält' ich nur immer die Zeit dazu, ich wollte das vortrefflichste Buch über Berlin schreiben." Sein Wunsch hat sich erfüllt, Berlin sollte einige Jahre später seine Heimat werden, in Berlin sollte er einen einflußreichen Wirkungskreis, Ehre und Anerkennung finden, es sollte ihm dereinst vergönnt sein, Bücher über Berlin zu schreiben, die zu dem Besten zählen, was auf diesem Gebiete geschaffen worden ist. Damals stand er noch in seiner Sturm- und Drangperiode. Ohne noch seine Studien zum Abschluß gebracht zu haben, zog es ihn unwiderstehlich in die Ferne; seine Wanderjahre wurden seine Lehrjahre. 1855 begab er sich nach Paris und lieferte von dort die interessantesten Berichte für eine bedeutende deutsche Zeitung, die später als „Pariser Bilderbuch" erschienen. Nachdem er im folgenden Jahre in Marburg zum Doktor beider Rechte promoviert hatte, ermöglichte ihm sein gütiger Vater einen längeren Aufenthalt in London. Er trat mit den deutschen Landsleuten, die in jener Zeit dort freiwillig oder in der Verbannung lebten, in Verbindung: mit Gottfried und Johanna Kinkel, Ferdinand Freiligrath, Malwida von Meyfenbug u. a. m. Der größte Gewinn für Rodenberg war das Freundschaftsband, das sich zwischen ihm und dem bedeutend älteren, am Britischen Museunl angestellten Landsmann Emanuel Deutsch knüpfte. Dieser hochbegabte, aus einer Familie von Talmudisten und Rabbinern stammende Gelehrte, gleichbedeutend als Talmudist wie als Sprachforscher, übte aus alle, die in seine Nähe kamen, den Zauber aus, den nur eine wahrhaft edle'Natur um sich verbreiten kann. George Elliot hat ihn in der Gestalt des Titelhelden in dem Roman „Daniel Deronda" verewigt. Als Rodenberg ihn kennen lernte, lebte er einsam in dürftigen Verhältnissen, und dem jüngeren Freunde gebührt das Verdienst, lange Zeit der einzige gewesen zu sein, der diesen genialen Mann nach seinem vollen Wert zu schätzen wußte. Erst später hat sich der ausgezeichnete Sprachforscher Bahn gebrochen und durch seine vortrefflichen Schriften, besonders durch seine Essays über den Talmud die Aufmerksamkeit der wissenschaftlichen Welt auf sich gelenkt. Im zweiten Bande seiner ,,Jugenderinnerungen" hat Rodenberg dem unvergeßlichen Freunde ein rührend liebe- und pietätvolles Andenken gewidmet. Wiederholt hat Rodenberg in den folgenden Jahren mit Vorliebe in England, Schottland und Irland geweilt und lernte dort das englische Leben in seinen Höhen und Tiefen kennen. In jener Zeit legte er die gewonnenen Eindrücke nicht nur in zahlreichen trefflichen Reiseschilderungen nieder, in dem Roman „Die Straßensängerin von London" schilderte er die Nachtseiten des Lebens in London ebenso wahrheitsgetreu als ergreifend, das Idyll „Die Myrte von Killarney" und „Die Harfe von Erin" entstanden damals' ebenfalls. Streifzüge durch Belgien, Holland, Friesland und Dänemark unterbrachen den Aufenthalt auf den britischen Inseln. Wohin er kam, überall hat er auch die Judengassen, die älteren Friedhöfe und Synagogen besucht und diese oft trefflich geschildert. Zu Ende des Jahres 1861 unternahm er eine größere Reise durch Italien und bei längerem Aufenthalte in Triest erblühte .ihm an der Adria die zarte Blume einer reinen, hohen Liebe. Er gewann die Neigung der Tochter eines Patrizierhauses, Justin« Schiff.**) Sie hat ihm im Norden eine Häuslichkeit geschaffen, wie sie reizender und idealer nicht gedacht werden konnte. 1863 führte er die Erwählte seines Herzens in sein Berliner Heim. Er redigierte hier zuerst das „Deutsche Magazin", später die belletristische Beilage des „Bazar" und begründete 1367 gemeinsam mit Ernst Dohm den „Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft", der in Leipzig erschien. Dazwischen ent faltete er eine reiche literarische Tätigkeit. Aus der Höhe seines Lebens und dichterischen Schaffens rief er 1374 die „Deutsche Rundschau" ins Leben, die unter seiner umsichtigen Leitung zu einer führenden deutschen Revue wurde und sich als solche unentwegt bis zur Stunde behauptet hat. Wenn Julius Robenberg sich auch in der Folge mit der modernen Richtung nicht befreunden konnte, er hat jeder Zeit fremdes Verdienst anerkannt, sich neidlos anderer Erfolge gefreut. Er war, wie selten einer, befähigt und berufen, die Großen im Reiche des Geistes zu sammeln, um den Gebildeten weit über die Grenzen des Vaterlandes hinaus mit der von ihm begründeten Zeitschrift eine Quelle von Anregung, Belehrung und Erhebung zu erschließen. Viele von den ersten Mitarbeitern der „Deutschen Rundschau" sind schon in die Ewigkeit hinübergegangen, aber neben Gottfried Ke.ler. Berthol) Auerbach, Conrad Ferdinand Meyer, Paul Heyse, Hermann Grimm, Wilhelm Scherer, neben Heini Goltz. Dubois-Reymond, Luise von Fram.-ois, Marie von Ebner-Eschenbach fanden hier auch jüngere Talente wohlverdiente Beachtung, aäen voran Ernst von W.Isenbruch und Erich Schmidt und seine Mitarbeiter zählten zu seinen Freunden. 1878 erschien Julius Rodenbe.'gs epochemachender Roman „Die Grandidiers",***) den Otto von Lei.rner in seiner Literaturgeschichte „das Beste, das die große Zeit 1870 71 gezeitigt," nennt. Anläßlich des 25 jährigen Jubiläums der „Deutschen Rundschau" wurde der verdienstvolle Leiter zchm Professor ernannt und empfing von allen Seiten die ehrendsten Beweise von Teilnahme und Anerkennung. , Aber auch sein Jugendtraum hatte sich erfüllt. Das Emporbiühen Berlins zur Reichshauptstadt, zur Metropole des geistigen Lebens hatte eine neue Schriftstellergeneration hervorgebracht, auf die älteren Berliner Schriftsteller einen großen Einfluß ausgeübt und eine vielseitige Lokalliteratur gezeitigt. Julius Rodenberg wurzelte mit allen Fasern seines reichen Herzens in Berlin. Mit inniger Liebe hing er an seiner zweiten Heimat, hier war er geistig gewachsen, hier war sein Name gekannt, geschätzt, geliebt. Mit liebevoller Hingebung hat er sich in das Leben und die Beziehungen der Bewohner Berlins in Vergangenheit und Gegenwart vertieft, und seine Bilder aus dem Berliner Leben repräsentieren ein Stück Geschichte des alten und neuen Berlin. Julius Rodenberg liebte auch in seinem späteren Leben häufig zu reisen und als echter Schriftsteller von seinen Reisen zu erzählen; er verstand vortrefflich zu sehen und das Gesehene gut wiederzugeben. „Eine Frühlingsfahrt nach Malta" reiht sich seinen früheren Reisebeschreibungen würdig an. Der 70. Geburtstag Julius Rodenbergs gab seinem engsten Freundeskreise, den Mitarbeitern der „Deutschen Rundschau", die hochwillkommene Veranlassung, ihn durch eine ihm gewidmete Festschrift in ganz ungewöhnlicher Weise zu ehren und zu feiern. Schwerlich hat der Jubilar in seiner rührenden Bescheidenheit Dank dafür gewußt, aber wie viel Liebe, Freundschaft und Verehrung er wie nicht minder seine treue, edle Lebensgefährtin genossen, davon legen diese Blätter Zeugnis ad. Das letzte Lebensjahrzehnt und die drei Jahre, die ihm noch darüber hinaus geschenkt wurden, brachten ihm die schmerzlichsten Verluste, und die „Deutsche Rundschau" weist eine große Anzahl rührender und ergreifender Erinnerungsblätter an seine verewigten Freunde aus. Nach dem Tode von Julius Rodenbergs Vater war die Mutter zu einer Tochter nach Fulda übergssiedelt und die Pforten des Elternhauses hatten sich für ihn geschlossen. Wiederholt hat er noch sein kleines Heimatstädtchen besucht, auf dem kleinen jüdischen Gottesacker an teuren Hügeln gebetet und den Fünfundsiebzigjährigen grüßten die Kinder und Enkel seinvr Jugendgenossen und sagten ihm: „Nein, du bist uns kein Fremder geworden, und wenn du jetzt noch einmal in dein Vaterstädtchen kommst, dann wirst du sehen, daß wir auch das Haus nicht vergessen haben, in dem du deine glücklichen Kinderjahre verlebt hast." In innigster Seelengemeinschaft mit seiner Gattin lebend, der kleinen, zierlichen Frau mit dem großen Herzen und dem großen Sinn, die ihn ganz verstand, ganz in ihm ausging, ihm stets zur Seite war, wurde der stille Poetenwinkel, fern von dem Getriebe der Großstadt, da draußen im dritten Stock der Margaretenstraße, in dem die Gatten seit vierzig Jahren hausten, die Stätte eines häuslichen Glückes, wie es nur wenigen Erdenkinderi» **) Ihre Großmutter mütterlicher- und mein Großvater väterlicherseits waren Geschwister. 1859 haben ihre Oheime Salomon und Josef Wollheim in ihrer und meiner Heimat, Lissa (Provinz Posen) ein „Jüdisches Kranken- und ^iechenhaus" errichtet. Dieser Stiftung wurden später von Frau Johanna Schiff und deren Nachkommen bedeutende Summen zugewendet. ***) In 4. Auflage 1911 in der Deutschen Verlagsanstalt Stuttgart.