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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Dr. BLoch's Wochenschrift Seite 539 Nr. 3\ tratwtb ihre brüllenden und schäumenden Wogen in unaufhaltsamem Laufe gegen Klüsserath wälzte. s Das Dorf hatte etwa 800 Seelen, die Häuser wareir auch nicht so gebaut, daß sie einer so gewaltigen Flut und ihrer Wucht zu widerstehen imstande waren. Das Wasser kam wie ein Blitz, so schnell und mit solcher Macht und Gewalt, daß den armen Leuten nichts anderes übrig blieb, als alles preiszugeben und nur ihre Kinder, Weiber und das eigene Leben zu retten. Das arme Vieh banden sie schnell los und überließen es dem eigenen Triebe, sich zu retten. In der Hoffnung, daß sich die Flut bald wieder verlausen würde, flohen 40 Menschen von allen Altersklassen und Geschlechtern in ein ziemlich hochgelegenes Haus. Da hielten sie sich sicher und blickten getrost in die wild tobende Flut, die Bäume, Sträucher und Steine von ansehnlicher Schwere rauschend daherwälzte. Anfangs waren sie guter Dinge in ihrem Zufluchtsort; aber bald kehrte denn doch Angst und Sorge in ihre Herzen ein, denn das Wasser stieg von Minute zu Minute; chie Wellen wurden wilder und gingen höher mit ihren weißen Schaumkämmen; der ganze Strom wendete sich gegen das gebrechliche Haus, wo die 40 jetzt laut aufjammernden Menschen saßen, und brach sich wild an den Fachwänden und Balken. Lange konnte solchem Andrange das Haus, ohnehin alt und wackelig, nicht widerstehen, und dann begrub die wilde Flut vierzig Menschenleben! Sie ringen jetzt die Hände! Ihr Jammergeschrei ist herzzerreißend — denn das Haus krachte in seinem Gebälke unter den Stößen der Flut. Bald mußte es sinken. Auf einer erhöhten Stelle, die völlig sicher war, stand eine große Anzahl Einwohner, und es war gar nicht weit von dem Hause, wo das Jammergeschrei mit jedem Augenblicke größer wurde; aber alle hatten nur Wehklagen, keiner Mut, Umsicht, Aufopferungsfähigkeit, für die Rettung der Unglücklichen das eigene Leben einzusetzen. Unter der Menge stand auch ein Jude aus Klüsserath, Moses Gumperich, dem die Lage der Verzweifelten durchs menschenliebende Herz ging und dem es weder an Umsicht, noch an Mut und Aufopferungsfähigkeit gebrach. „Mit dem Jammern," rief er plötzlich aus, „werden sie nicht gerettet, und wenn wir länger zaudern, sind sie ohnehin alle Kinder des Todes! Auf, folgt mir, ihr Männer und Bursche! Mit Gottes Gnade und Hilfe retten wir sie, ehe das morsche Haus bricht!" Das Wort 'des braven Kindes Israels traf alle wie ein Blitz, der durch die Seele fuhr. Ohne weiter ein Wort zu reden, eilt der brave Mensch die Anhöhe hinab und schreitet durch die tobende Flut. Es gelingt ihm, das Haus zu erreichen. Ohne zu säumen, ergreift er dort eine junge Frau und trägt sie zur Anhöhe, wo er sie rasch niedersetzt und gleich wieder den Rückweg zu dem Hause des Jammers antritt. Das Beispiel wirkt so gewaltig, daß in demselben Augenblick alle Männer und Burschen in dem Haufen die Höhe hinabgleiten und in das Wasser waten. Sie erreichen das Haus, und jeder ergreift einen oder eine der Bedrohten und trägt sie ans Ufer; aber das können sie sich nicht verhehlen, daß mit jedem Augenblicke der Gang gefährlicher wird, weil der Boden aufgelöst, der Tritt unsicher und die drängende Gewalt der Flut immer heftiger wird. Das Haus aber kracht immer drohender, das Jammergeschrei wird herzzerreißender! — Die Gefahr für die Retter wie die zu Rettenden wird mit jedem Augenblick augenscheinlicher! — „Vorwärts!" ruft der brave Jude, und zum drittenmale schreitet, er durch die wachsende Flut und alle mit ihm.. Auch jetzt gelingt der Rettungsgang — aber es ist kaum ein vierter möglich. — Aber — dort jammern noch einige!'Verzweifelnder wird ihr Hilferuf! Die Retter zaudern! — Sie vermögen es kaum mehr. Es ist dem reißenden Strome kein Widerstand mehr zu leisten. — „Sollen die dort umkommen? Soll unser Werk nur ein halbes sein?" ruft Moses Gumperich aus. „Soll ihr Tod auf unserem Gewissen brennen? Gott lebt noch!- Der uns bis jetzt half, hilft auch noch einmal. Auf mit Gott!" Das Wort schlägt auch dieses Mal ein und durch; der brave Jude ist wieder der erste voran. Mit riesenhafter Anstrengung und sich an den Händen haltend, damit sie gemeinsam stärkeren Widerstand leisten, erreichen sie endlich das wankende Haus und retten auch die letzten: aber kaum haben sie die Höhe erreicht, so schlägt, vonr Winde g peitscht, eine mächtige Sturzwelle wider das Haus. Es kracht, wankt und stürzt dann auseinanderbrechend irr die tobende Flut, welche Dach, Wände, Giebel in ihrer Wut mit sich fortreißt und in ihrem tiefen Schoße begräbt. Jetzt aber sinken, überwältigt von der Macht des gewaltigen Eindrucks, alle auf die Knie nieder, erheben Herzen, Augen, Hände zu dem Gott aller Gnade, und Christ und Jude Preisen den Herrn. Groß und herzlich war der Dank der Geretteten und ihrer Familien gegen ihre Retter, besonders gegen den wackeren Moses Gumperich, dem sie nächst Gott ihre Rettung verdankten; aber auch die Gemeinde Klüßserath hat sich ein Denkmal der Ehre gefetzt durch die Art und Weise, wie sie den edlen Juden auszeichnete. Moses Gumperich wurde mit seiner Familie von allen Abgaben befreit und allgemeine Liebe und Achtung wurde ihm, wohlverdient, weit und breit bewiesen. Noch heute leben seine Nachkommen in Klüsserath, und da die Steuerfreiheit später nicht 'mehr durchzusetzen war, so tat die Gemeinde, was sie vermochte. Diese Nachkommen beziehen noch heute als dankbares Anerkenntnis der edlen Tat ihres Vaters und Großvaters, auch wohl Urgroßvaters, die Gemeindenutzungen um die Hälfte der Taxe, welche alle übrigen Einwohner dafür zahlen müssen. Der Name Moses Gumperich wird dort nicht vergessen und der Spinnstubenschreiber, der von Herzen sich jeder menschlich edlen Gesinnung und Tat freut, will ihn auch im weiteren Kreise bekannt machen, daß das Gedächtnis dieses Gerechten in Segen bleibe." Nach dem statistischen Jahrhuche des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes besteht in Klüsserath keine jüdische Gemeinde. Die wenigen dort wohnhaften Familien beerdigen ihre Toten auf dem jüdischen Friedhofe zu Neumagen im Regierungsbezirk Trier. Nach obigem wäre es immerhin wünschenswert, zu erfahren, ob nöch Nachkommen von Moses Gumperich in Klüsserath ansässig sind und ob auf dem Friedhofe zu Neumagen noch die Stätte deutlich ist, in welcher der edle Menschenfreund begraben liegt. B. jitenln». Die „Lebenserinnerungen" von M. Lazarus, Georg Reimer 1906, Berlin. Die freundliche Anteilnahme, das mein an dieser Stelle vor einigen Wochen erschienenes Feuilleton über das Buch „Ein deutscher Professor in der Schweiz" erweckt, läßt mich hoffen, daß auch das ältere und größere Werk, das Frau Nahida Lazarus in Gemeinschaft mit Dr. Alfred Leicht herausgegeben, im jüdischen Lesepublikum in Oesterreich denselben Anklang finden werde, den es in Deutschland gefunden. Ist eigentlich alles, was die speziell für das Judentum interessante Tätigkeit von Lazarus in der „Allianz" und andern jüdischen Vereinigungen bilden würde, ausgeschaltet und einem andern Werke Vorbehalten, worin auch 1

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