Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 31 (31.7.1914)
- Date
- 1914-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Kr. 81 Dr. Blocht Wochenschrift Seite 537 Man darf wohl ohneweiteres annehmen, daß dieser Schochet tatsächlich, auch in den Ritualien sowie in den mannigfachen zivilen Streitsachen Bescheid wußte und Entscheidungen traf, also eigentlich den Rabbiner abgab. Es" wird noch des Rossauer Friedhofes sowie des dort befindlichen Krankenhauses Erwähnung getan. Die Toleranzgelder, welche die Wiener Juden zahlten, waren im Vergleich mit den Steuern der Prager Juden im Grunde nicht hoch. Die „3 Leiderstorfer", unwidersprechlich die reichsten Juden unter den „hiesigen", zahlten aus diesem Titel 500 fl., der „Jud Eskeles", welcher' „starke negotieu treibet", zahlte 300 fl., „dann der Taumel Wertheimer des zu München stehenden wohl Vermögenden Juden Wolf Wertheimer Sohn, und also nicht so unvermögend, wie mir es anfänglich beygebracht worden, seyn solle", zahlte ebenfalls 300 fl.*) Alle diese Summen sollten zur Expiation für die erwähnten Sünden erhöht werden, dann wird sich alles gut fügen. Aus allen obigen Ausführungen ersieht man zur Genüge, daß den Juden eigentlich keine bewiesenen Tatsachen von Belang vorgeworfen werden konnten, andererseits daß nur die grundsätzliche, theoretisierende Bosheit ihnen was anzuhaben vermochte und durchaus zu schaden suchte. Korrespondenzen. Fünfundzwanzigjähriges Jubiläum oes Präsidenten der Prager israelitischen Kultuegemeinde Dr. A. Rosenbacher. In aller Stille beging Herr Dr. Arnold Roseuba ch e r dieser Tage das 25jährige Jubiläum als Präsident der Prager israelitischen Kultusgemeinderepräsentanz, der er seit dem Jahre 1873 ununterbrochen als Mitglied angehört. Was er in diesen vier Jahrzehnten für die Gemeinde getan hat, ist bleibend für die Geschichte der Prager Judengemeinde. Schon im Jahre 1884 wurde Dr. Rosenbacher zum Vizepräsidenten und fünf Jahre später zürn Präsidenten der Kultusgemeinde in Prag gewählt. Neben der Durchführung des neuen Statutes für die jüdischen Gemeinden, an dessen Ausarbeitung er über Auftrag des Kultusministers mitgewirkt hat, widmete er sich besonders der Ordnung des Stiftungswesens, das während seiner Zeit einen großen Aufschwung genommen hat. Die unter seiner Präsidentschaft ins Leben gerufenen Humanitären Institutionen der israelitischen Kultusgemeinde haben im Jubilar oft den Urheber, immer aber den arbeitswilligen Förderer gefunden. Auch zu dem ge- *) Bgl. Staatsratsakten 135 vom 19. Mai 1763: „Was die allhiesige Jndenschaft betrifft, ist vor allem die Kriegsstener-Relnitivn per 7000 fl. hereinzubriugen, sodann aber das Darlehen auf 5. Uu st. oder am mindesten auf 30.000 fl. anznschlagen." die angeführten Zahlen für die verschiedenen Leistungen sind — nebenbei bemerkt — unrichtig, und zwar auffallend niedrig angegeben; ob hier unfreiwilliger Irrtum oder absichtliche Fälschung vorliegt, ist im Wesen gleichgiltig, allein für die Leichtfertigkeit in der Darstellung von leicht zugänglichen Tatsachen denn doch bezeichnend. Die Eesamthöhe der „Toleranzgelder" und der Auflage des sogen. Schutzgeldes der Wiener tolerierten Judenfchaft schwankt zwischen 14.000 fl., (vgl. den Beschluß der n.-ö. Repräsentation und 'Kammer vom 7. Oktober 1751, cfr. Z. 151, vom 23. Oktober 1751), 14.100 fl. (Vgl. Dejretuin in Consilio Direklorii in Publicis et Cameralibus vom 10. Oktober 1749) und 14.500 fl., (vgl. den Beschluß »Ex Consilio Repraesentation s etCamerae Inferioris Austriae« vom 10. September 1750). Diese feststehende Leistung, welche der ..Halbe Vierten Stands Cinnember" Ullrich damals einzutreiben hatte, fanden die Einen zu hoch (vgl. die Beschwerdeschrift der Juden ekr. Z. 60 ex Januar 1750), die Anderen zu niedrig (vgl. das Einrathen (Ex Pleno Consilio Directorii] vom 23. November 1767) — beides vergeblich. Außerdem betrug die Höhe ' des Pachtschillings für die Mautpacht für Wien 6000 fl. (vgl. den Vortrag der Hofkannner vom 22. Jänner 1776). Allerdings ist die Zahl der in Wien ansässigen Juden im Frieden gestiegen, von 453 Seelen im Jahre 1752 auf 550 im Jahre 1781, von 18 auf 33 privilegierte Juden. räumigen modernen Siechenhaus in Ttraschnitz hat er die Anregung gegeben und die Mittel für den Bau aufgebracht. Der von der Gemeinde' betriebene Neubau des israelitischen Spitals, für dessen baldige Inangriffnahme der Spitalbauverein unter-Leitung des kais. Rates Robert Fuchs Edlen von Rob et in fürsorglich wirkt, hat cm Präsidenten Dr. Rosenbacher einen eifrigen Förderer, der die ihm zum 60. und 70. Geburtsfeste gewidmeten Ehrengaben den genannten beiden humanitären Institutionen gewidmet hat.; Ableben einer großen Wohltäterin. Aus Budapest wird uns geschrieben: Vorige Woche starb hier im Alter von 75 Jahren Frau Ignaz von Wechselmann, geb. Sofie Neuschloß, Witwe nach dem vor mehreren Jahren verstorbenen Wohltäter Ignaz Ritter v. Wechselmann. Die Verstorbene errichtete vor ungefähr acht Jahren mit ihrem ebenfalls verstorbenen Gatte:', das weit über die Grenzen Ungarns hinaus berühmte Wechselmannsche Blindeninstitut in Budapest, in welchem sich gegenwärtig 50 Zöglinge befinden. Im Sinne der Verfügungen der Stifterin sind in diesem Blindeninstitute auch nichtjüdische Zöglinge untergebracht. Das Stiftungskapital beträgt 1,400.000 Kr. Auch eine 2 Millionen- Stiftlmg zum Besten von Lehrerwilwen und -Waisen ist vom Ehepaar Wechselmann ins Leben gerufen worden. Beide Stiftungen werden von der Budapester jüdischen Religionsgemeinde verwaltet. Nach dem Tode ihres Gatten setzte die Witwe sein Lebenswerk fort. Sie lvidmete ihr Leben ausschließlich der Wohltätigkeit. Kaiser Franz Joseph hat der nunmehr Dahingeschiedenen in Anerkennung ihrer hervorragenden Verdienste aus dem Gebiete der öffentlichen Wohltätigkeit den Elisabeth-Orden II. Klasse und das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehen. Wie wir erfahren, hat die edle Dame in ihrem Testamente noch eine große Summe für wohltätige Zwecke vermacht. Gemeinsamer Trauergottesdienst von Protestanten und Juden in der Synagoge. lieber eine interessante Erscheinung wird aus Budapest berichtet: In der ungarischen (Gemeinde Baranyasellye hat die jüdische ÄUltusgemeinde ebenso wie in der ganzen Monarchie anläßlich der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin einen feierlichen Trauergottesdienst veranstaltet. Zunächst hielt Rabbiner S. L. Großmann eine ergreifende Trauerrede, worauf dann der protestantische Seelsorger Alexander Cukeez die Kanzel in der Synagoge bestieg und gleichfalls eine zu Herzen gehende Rede hielt. An der seltsamen Trauerfeier haben sowohl die Juden als auch die Protestanten der ganzen Umgebung teilgenommen. Moral insanity. Ein interessantes Urteil hat, wie man uns aus New York von informierter Seite berichtet, die Einwanderungsbehörde in Ellis Jsland-Newyork dieser Tage gefüllt. Sie hat einen russischen Einwanderer, der selbst bekannte, daß er an einem Pogrom gegen Juden teilgenommen hat, wegen erwiesener Moral insanity zur Deportation verurteilt. Dieser Pogromheld, namens Andrej Schestera, erzählte auf die Frage, ob er jemals zu einer Strafe verurteilt lvorden sei, stolz, daß er im Jahre 1905 zur Zeit der großen blutigen Pogrome in Rußland zusammen mit 10 anderen Russen das Haus eines reichen Juden überfallen und nach Mißhandlung der Insassen vollständig ausgeplündert habe. Erst sieben Jahre später, 1912, wurde er arretiert und nach siebenmonatiger Haft vom Zar begnadigt, in Freiheit gesetzt. Dieser echtrussische Huligan hat diese Schandtaten mit solchem Stolze vorge-