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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 534 Dr. Bloch's Wochenschrift Ar. 31 Massenbewegung muß einem tatsächlichen Bedürfnisse der Massen selbst entsprechen, sie muß einer bereits vorhandenen Tendenz Ausdruck und Gestalt verleihen, mit einem Worte: sie muß ihre Existenzberechtigung von innen heraus begründen können; denn die Massen lassen sich nicht führen, sondern nur leiten. Das konnte man z. B. bei den Anfängen der Kolonisierung Nord-Amerikas beobachten. Alle Versuche sowohl des Staates als auch reicher Kompanien oder Privatpersonen fruchteten nichts, bis in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts einerseits die Verschlechterung der ökonomischen Lage der Massen, andererseits die religiösen Verfolgungen eine starke Auswanderung aus England nach sich zogen. Erst von da an beginnt das Aufblühen der neuenglischen Kolonien. Aehnliches war auch in Australien, Südafrika und Kanada zu konstatieren. Bei uns Juden schienen die Dinge in dieser Hinsicht recht günstig zu stehen. Das Land? Die Zionisten vermeinten dieses bereits zu besitzen, die Territorialisten hofften, ein solches in Bälde ausfindig zu machen. Aber auch die anderen zwei Faktoren waren bereits vorhanden: von Osten nach Westen wälzte sich ein gewaltiger Menschenstrom, in welchem sämtliche Schichten und Berufe vertreten waren (sogar ca. 1 Prozent wirkliche Ackerbauer), folglich auch die zum Aufbau einer neuen Siedlung nötigen Elemente.. Also ein passendes Menschenmaterial, bereits in Bewegung, wobei die immer unerträglicher werdende Lage im Osten leider eine genügende Garantie dafür bot, daß diese aktive Tendierung von Hunderttausenden nach besseren Existenzmöglichkeiten in absehbarer Zeit nicht aushören werde. Alles war somit theoretisch in bester Ordnung. Ein Haken war aber doch dabei: dieser Menschenstrom hatte bereits seit Jahrzehnten eine bestimmte Richtung eingeschlagen, und zwar nach solchen Punkten, wo vermöge der örtlichen Verhältnisse höchstens ein neues Ghetto, iricht aber eine ausgedehnte, auf landwirtschaftlicher Beschäftigung basierende jüdische Ansiedlung sich entwickeln könnte. Es handelte sich nun darum, sestzustellen, ob man es bei der jüdischen Emigration tatsächlich mit einer unregulierbaren Elementarerscheinung zu tun hat, oder ob die Möglichkeit vorhanden ist, einen Teil dieses Menschenstromes im Bedarfsfälle nach einem Nebenkanal abzulenken, wo er eine nützliche — im Sinne der Gesa m t interessen — Arbeit verrichten könnte. Darüber zu entscheiden, das war eben die Aufgabe von Galveston. Nun sind etwa sieben Jahre verflossen, seit die erste kleine Gruppe, begleitet von einem ganzen Chorus düsterer Kassandra-Rufe, im bis dahin der jüdischen Oeffentlichkeit fast gänzlich unbekannten Hafen von Texas landete. Im Laufe dieser sieben Jahre haben ca. zehntausend Emigranten auf dem gleichen Wege eine auskömmliche Existenz gefunden. Immer zahlreicher wurden die Gruppen, immer populärer wurde das Unternehmen in den Kreisen der russischen Judenschaft, die im Grunde genommen aus 90 Proz. potentieller Emigranten besteht. Denn nirgends ist man sicher, daß morgen nicht ein Boykott oder ein Pogrom oder auch ein einfacher Ausweisungsbefehl Tausende auf einmal an den Bettel¬ und Wanderstab bringt. Und nun hat diese segensreiche Institution zu existieren aufgehört. Es ist noch nicht an der Zeit, über die tieferen Ursachen zu sprechen, die dazu geführt haben: die bevorstehende Jto-Konferenz wird darüber Klarheit schaffen. Was uns heute interessiert, ist die Frage, in welchem Verhältnis die Galveston-Arbeit, resp. deren Aufhören zum Territorialismus steht, und ob die Jto tatsächlich wie einige übereifrige Journalisten zu behaupten belieben, mit Galveston steht und fällt. * * * Was hat zunächst Galveston bewiesen? Daß die jüdischen Massen zwischen Weizen und Spreu wohl zu unterscheiden wissen; daß trotz ihrer scheinbaren Leichtgläubigkeit und Unbeholfenheit sie ihre Schritte nicht dorthin lenken, wo ihnen buntschillernde „Imponderabilien" winken, sondern dahin, wo sie die Möglichkeit einer tatsächlichen Verbesserung chrer materiellen Lage erblicken; daß all die schönen Phrasen und Verlockungen auf sie keine nennenswerte Wirkung ausüben, wohl aber ein klares, vernünftiges Wort, das sich aus konkrete Tatsachen zu stützen vermag. Mit einem Worte: Galveston hat unseren nicht wenig erstaunten Volksbeglückern unwiderlegbar dargetan, daß wir es beim jüdischen Emigrantentum nicht mit einer zu nichts brauchbaren, panikartig dahinstürmenden Heerde zu tun haben, sondern vielmehr mit einem Menschenmaterial, welches trotz seiner verzweifelten Lage imstande und gewillt ist, unter Aufopserung augenblicklicher Vorteile die Pionierrolle zu übernehmen — freilich nur unter der Voraussetzung, daß man ihm etwas in der Tat Greifbares bietet. Galveston ist und bleibt eine ausgezeichnete Bejahung der Realisierbarkeit des territorialistischen Gedankens. * * * Was hat uns nun das Aufhören der Galveston- Arbeit bewiesen? Vor allem hat uns dieses betrübende Faktum zum hundertsten Male die Richtigkeit des Psalmistenwortes: „ Al-tiw tecliu windiwim“-mir allzu deutlich vor. Augen geführt.. Wäre dasMalvestonMnternehmM-»uHt..poy der Laune von ein paar Wohltätern abhängig, "so könnte es sicherlich noch lange Jahre hindurch seine segensreiche Tätigkeit fortsetzen. Dann aber hat uns das Aufhören der Galveston- Arbeit gezeigt, daß sogar das freiheitliche Amerika und sogar die schwachbevölkertest Südstaaten auf die Dauer nicht als sichere Zufluchtsstätte für die wandernde Judenschaft betrachtet werden können, weil jedes Land mit einer mehr oder weniger dichten autochthonen Bevölkerung sich instinktiv gegen jede M a s s e n - Immigration mit großer Energie zu wehren pflegt, indem es in den Fremdlingen unwillkommene Lohndrücker und unliebsame Konkurrenten erblickt. Aus der letzteren Tatsache folgt aber auch eine für das Kolonisationsproblem überhaupt sehr wichtige Erkenntnis, nämlich, daß ein erfolgreiches Seßhaftmachen in einem neuen Lande keineswegs durch Heranziehung von Gewerbe- und Handeltreibenden herbeigeführt werden kann, sondern einzig und allein durch Binden der Kolonisten an die Scholle, wodurch die Ankömmlinge eben in die Lage versetzt werden, primäre Werte zu produzieren und infolgedessen als ein überaus wertvoller Zuwachs für das betreffende Land erscheinen müssen. Das Ausgeben Galvestons hat also ferner bewiesen, daß die bloße Regulierung der Emigration noch nicht ausreicht, um den jüdischen Wanderern eine bleibende Ruhestätte zu bereiten, sondern daß man es nur durch Bildung ackerbautreibender Kolonien zu erreichen vermag. Wie sagt aber noch der alte W. Roscher: „Da das Grundeigentum zu den ältesten und teuersten Einrichtungen jedes Kulturvolkes gehört, so werden sich friedliche Ackerbaukolonien nur in einem ganz wüsten oder höchstens von Jäger- und

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