Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3022089-3022121--23330-3048523
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 31 Seite 533 Dr. Blach's Wochenschrift Weißrußland zu den verläßlichsten und opferfreudigsten Bekämpsern der Trunksucht zählen, was sie in packender Weise damit bekundeten, daß sie in einer grüßen Anzahl von Städten und Dörfern sich in den Synagogen versammelten und unter heiligem Eid sich verpflichteten, keinen Alkohol zu verkaufen und nicht mehr vom Alkoholhandel zu leben. Statistik der Rechtlosigkeit. Einem statistischen Berichte der Kabinettskanzlei in Petersburg ist zu entnehmen, daß im .Jahre 1913 nicht weniger als 14.605 Gnadengesuche von Juden an den russischen Kaiser gelangt sind, in welchen die Petenten UM gnadenweise Aufnahme in öffentliche Anstalten ansuchten. Im Jahre 1912 betrug die Zahl solcher Gnadengesuche bloß 6212. 60 Proz. aller dieser Gesuche wurden a limine abgewiesen, die übrigen der normalen Behandlung zugeführt . 1832 Bittgesuche von Juden betrafen die gnadenweise Erlaubnis^ in den Ortschaften, aus denen sie ausgewiesen wurden, weiterl wohnen zu dürfen. Bon diesen Gesuchen wurde? bloß 9 stattgegeben. Alle Gnadengesuche jüdischer Ad-' vükaten um Erlaubnis zur Ausübung der Advokatur, ihre Zahl wird nicht angegeben, wurden abgelchnt. Von den 316 Gnadengesuchen um Erlassung der 300 Rubel- Strafe, weil irgend ein Verwandter des jüdischen Bittstellers der Militärdienstpflicht nicht genügt hat, wurden bloß 29 positiv erledigt, während die. übrigen abgewiesen wurden. Eine jüdische Agrarbank. Der Verband der jüdischen Farmer in Amerika beschloß dieser Tage, eine eigene Bank zu gründen, welche den Titel „Erste jüdische Farmer-Leih- und Spargesellschaft" führen wird. Diese jüdische Agrarbank wird unter der Aufsicht des Bankdepartements des Staates Newyork stehen und wird als eine Abteilung der staatlichen landwirtschaftlichen Bank anzusehen sein. Die Bank wird ihre Tätigkeit beginnen, sobald zumindest 30.000 Dollar Aktienkapital gesichert sein werden. Diese Summe dürfte bereits beisammen sein. Sie wurde ausschließlich von jüdischen Farmern gezeichnet und eingezahlt, da nach den von der Regierung genehmigten Statuten nur jüdische Farmer von Amerika Aktienbesitzer der Bank sein können. Ein christliches Opfer der antijüdischen Boykottbewegung. Aus Warschau wird uns geschrieben: Aufsehen erregt der Selbstmord des bekannten außerordentlich begabten Thdaterdirektors Lipczinski, der sich in einem Kurorte in Russisch-Polen erschossen hat. Lipczinski, ein Urarier, ist das Opfer der unheilvollen antijüdischen Boykottbewegung in Polen. Lipczinski hatte nämlich vor einigen Monaten für sein Theater einen jüdischen Schauspieler engagiert. Das Boykottkomitee forderte den Direktor auf, den jüdischen Künstler zu entlassen, da sonst auch gegen ihn der Boykott proklamiert werden würde. Da jedoch der jüdische Schauspieler den Beifall des Publikums gewonnen hatte und Lipczinski auch sonst kein Anhänger der Antisemiten war, wollte er das jüdische Mitglied seines Ensembles nicht dem Rassenhaß opfern. Die Folge davon war, daß das Boykottkomitee mit seiner unheilvollen Arbeit einsetzte, das Publikum unter Drohungen zwang, dem Theater fern zu bleiben, und so kam es, daß Lipczinski allmählich in Schwierigkeiten geriet. Vorige. Woche nun war es mit ihm so weit gekommen, daß er nicht in der Lage war, seine Leute zu bezahlen. Aus. Erbitterung hierüber machte er seinem Leben ein Ende. Ausschluß der größten jüdischen Dichter aus den Lehranstalten. Aus Petersburg berichtet man uns: Als Zeichen der bildungsfeindlichen Richtung, welche gegenwärtig in Rußland die herrschende ist und vielleicht auch als ein wenn auch nur schwacher Trost für die Juden mag die Tatsache gelten, daß die Unterrichtsverwaltung in Rußland jetzt auch die größten Dichter des Landes zum Ausschluß aus den Lehranstalten verurteilt hat. Der Bezirksschulinspektor von Kiew hat nämlich vor einigen Tagen an die Direktionen sämtlicher Volks? und Mittelschulen seines Bezirkes einen Ukas erlassen, wonach aus verschiedenen Gründen die Bilder der in einer Liste bekannt gegebenen russischen Dichter von den Wänden der Schulen entfernt werden müssen. Auf diesem merkwürdigen Index befinden sich fast sämtliche wirklich großen russischen Dichter, wie z. B. L. N. Andrejew, M. Garschin, Maxim Gorki, Korolenko, Mickiewicz, Schewczenko und andere.! Galveston Die Jto hat die Galveston-Arbeit aufgegeben! Mit einem wahren Heißhunger stürzte sich ein Teil der jüdischen Presse auf diese Mitteilung. Kein Augenblick sollte versäumt werden, diese frohe Botschaft mit einer schlecht versteckten Schadenfreude der jüdisches Oeffentlichkeit aufzutischen. Man fragt sich mit Erstaunen, was denn eigentlich dieses Jubeln bedeutet. Warum frohlocken so diese jüdischen Patrioten bei der Nachricht, daß dem jüdischen Wanderer noch ein Weg abgeschnitten, noch ein Tor verschlossen worden? Denn daß Galveston eine Wohltat für Tausende jüdischer Familien war, das zu leugnen wagen sogar die enragiertesten Gegner nicht. Das Rätsel erklärt sich gar bald: das Aufgeben des Galveston-Werkes ist eine zu verlockende Gelegenheit, der Jto eins an dem Zeuge zu flicken oder sie gar totzusagen — der Jto, die seit langem schon manchen Leuten ein leidiger Dorn im Auge ist. Als Galveston vor Jahren ins Leben gerufen wurde, benutzte man das, um der Jto den Garaus zu machen. Da Galveston jetzt aufgegeben wird, beeilen sich die gleichen Elemente wiederum, der Jto auch daraus einen Strick zu drehen. Diese Taktik sieht wahrlich ein wenig bedenklich aus. Es lohnt sich, der Sache ein wenig nachzugehen: Was für eine Bewandtnis hat es nun in Wirklichkeit mit dem Galveston-Werk und mit dessen Verhältnis zu der Jto? * * * Als seinerzeit der erste Rausch der nationalistischen Begeisterung verflogen war, stand man plötzlich ratlos vor emem gewaltigen Problem: Kolonisation. Daß kolonisiert werden muß. darüber war man sich einig, aber — wie? Beim Studium dieser Frage stieß man immer auf neue Komplikationen und Schwierigkeiten. Immerhin konnte man am Ende gewisse allgemeine Prinzipien aufstellen, deren Befolgung auf jeden Fall für die Erzielung eines günstigen Resultates unerläßlich zu sein schien. Die vier Jahrhunderte europäischer Kolonisation beweisen zur Genüge, daß die zwei Faktoren: ein aufnahmefähiges Land und ein passendes Menschenmaterial noch nicht ausreichen, um den Erwlg einer Kolonisationsaktion zu verbürgen. Das bloße räumliche Zusammenbringen dieser beiden Faktoren, d. h. die rein künstliche Verpflanzung von Menschenmassen zeitigt nur ganz ausnahmsweise das gewünschte Ergebnis. Die einzuleitende

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.