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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Date
1914-07-31
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 532 Nr. 31 Dr. Bloch's Wochenschrift Vom Aabrmurkt des Lebens. Der Zar und seine Juden. Wenn der Zar reist, so erzählt Curt Aram in seinem demnächst bei Curtius in Berlin erscheinenden Buche „Der Zar und seine Juden", bekommt er von den Fenstern seines Eisenbahnzuges nur die Rücken der Soldaten zu sehen, die in Abständen von 10 Fuß angeordnet sind, und wenn der Zug hält, Militär, Polizei,. Popen und vielleicht in einiger Entfernung eine von der Polizei sorgfältig durchgesiebte jubelnde Menge. Der ganze Bahnhof steht unter schärfster Kontrolle und aller Verkehr ist völlig unterbunden. Wie das auf den Handel wirkt, ist ein besonderes Kapitel: „Ein einzigesmal (so erzählt Aram) ist der Zar eine längere Strecke die Wolga entlang gereist. Jeder russische Kaufmann bekreuzigt sich heute noch voller Schreck, wenn er daran denkt. Fünf Tage vorher und fünf Tage nachher waren sowohl die Wolga, die Hauptverkehrsader des europäischen Rußland, wie auch alle Bahnstrecken ringsum für jeden Verkehr, auch für jeden Güterverkehr, gesperrt. Diese Zarenreise hat dem russischen Kaufmann Millionen gekostet, und es ist durchaus nicht ausgeschlossen, daß der Zar nicht einmal weiß, was die Wolga für sein Reich bedeutet; denn mit eigenen Augen hat er von ihrem riesigen Verkehr nichts zu sehen bekommen. Einen Zarenbesuch in Moskau habe ich persönlich miterlebt. Wie es dabei zuging, ist zu charakteristisch, als daß ich darüber schweigen könnte. Ich wohnte damals bei einem russischen Großkaufmann, einem bis dahin durch und durch „loyalen" russischen „Untertan". Aber das Unglück wollte, daß sowohl seine Fabrik außerhalb der Stadt wie sein Geschäftshaus in der Stadt auf der Route lag, die der Zar Nach den Informationen der Polizei passieren würde. iDrei Wochen vor dem Zarenbesuch durchsuchte die Polizei schvohl die Fabrik wie das Geschäftshaus von oben bis unten, vom Dach bis zum Keller hinab. Und dann wurden alle Dachkammern und Bodenräume polizeilich versiegelt. Sie waren damit für Wochen völlig unbenützbar. Eine Woche vor dem Zarenbesuch erschien der Reviervorsteher und verlangte binnen achtundvierzig Stunden eine zuverlässige Liste über alle Personen, die im Betriebe des Großkaufmanns beschäftigt waren. Die Liste sollte den Namen jedes einzelnen enthalten, sein Geburtsjahr, den Geburtsort, die Religion, das Datum, an dem er zugezogen, und einen Vermerk über die politischen Anschauungen des betreffenden. Außerdem eine Liste über alle Personen, die nach Ansicht des Kaufmanns in den drei Tagen vor und nach der Ankunft des Zaren in 'seiner Fabrik und in dem Geschäftshaus der Stadt aus- und eingehen mußten. Dem Kauftnann schwoll die Stirnader, aber er beherrschte sich. Da er weit über 1000 Personen beschäftigte und auch sein Geschäftshaus in der Stadt reichlich frequentiert wurde, sei es chm nicht möglich, ohne Hilfe der Polizei dem Ansuchen nachzukommen. Der Reviervorsteher solle chm ein Dutzend Polizisten zur Verfügung stellen. Ihnen wolle er alles Gewünschte nach bestem Wissen in die Feder diktieren. So geschah es denn auch, und wie diesem Kaufmann, erging es vielen anderen." Ein Beitrag zur Geschichte des Tierschutzes. Wir lesen in der deutschen Tierschutz-Zeitung „Ibis", Berlin, folgendes: Vor etwa tausend Jahren erging an das Rektorat der Hochschule in der babylonischen Stadt Pumbeditta eine Anfrage über die Grenzen der Pflicht des Tierschutzes. Das vom damaligen Rektor Scherira Mit dem Titel Gaon (gleich Erzellenz), der von 930 bis 998 lebte, erteilte Gutachten ist in der aus Manuskripten der Kaiserlichen Bibliothek in Petersburg veröffentlichten Eutachtensammlung von Harkavy (Berlin 1885) wörtlich enthalten. Von Interesse ist folgender Auszug: Anfrage: „Es belehre uns unser Meister über die Bedeutung einer eigentümlichen Erzählung im Talmud. Dort lesen wir, der Fürst Rabbenu Jehuda habe einst ein Kalb, welches geschlachtet werden sollte und sich schutzsuchend zu ihm flüchtete, hartherzig zurückgeschickt, indem er ausrief: „Geh' hin, dafür bist du geschaffen!" Zur Strafe wurden Rabbenu vom Himmel langjährige schwere Leiden beschieden. Später sah einmal der Gelehrte, wie seine Magd die Jungen einer Katze wegsangen wollte. „Latz sie," ries er, „seine Barmherzigkeit erstreckt sich über alles, was er geschaffen." (Ps. 145, 9.) Seit diesem zweiten Ereignis wichen die über ihn verhängten Leiden. Mit Rücksicht auf die Erzählung von den Leiden Rabbenus, die wegen einer Handlungsweise gekommen und wegen einer Handlungsweise wieder von ihm genommen sind, fragen wir, tut man denn wirklich gut, wenn man ein Tier nicht schlachtet und Jungen einer Katze oder dergleichen, was Schaden anrichtet, nicht tötet? Es belehre uns unser Herr." Antwort: „Also scheint es uns: Tiere, welche Schaden anstiften, etwa Schlangen, Skorpione, Löwen, Wölfe, dürfen immerhin getötet werden. Andererseits sollen lebendige Wesen, die uns nichts Böses tun und auch zur Speise oder Heilung nicht gebraucht werden, nicht getötet werden, und selbst sie quälen ist verpönt. Die Jungen der Katze aber, welche Rabbenus Magd wegfegen wollte und Rabbenu gerettet hat, gehören durchaus nicht zu den schädlichen Wesen, und solche Tiere werden mit vollem Recht vor Untergang bewahrt. Ein Kalb jedoch zu retten, welches zum Speisen nötig ist, das ist uns nicht geboten; wenn trotzdem über Rabbenu infolge des erwähnten Ereignisses Leiden kamen, so war das eben nicht eine vergeltende Strafe für ein Vergehen, sondern eine Leidensstrafe, wie sie Gott auf die Großen und Bevorzugten herabzusenden pflegt. Mit ihnen nimmt er es strenger als mit anderen, mit Rücksicht darauf, daß die große Masse von ihnen zu lernen und aus ihren Handlungen weitergehende Folgerungen auf sich selbst zu ziehen pflegt. Wenn nun jenes Kalb vor dem Schlachter geflohen war und seinen Kops in den Schoß Rabbenus vergrub, um gerettet zu werden, so erschien von Seiten Rabbenus die sofortige Auslieferung an den Schlachter als besondere Grausamkeit. Eine barmherzige Art wäre es gewesen, das Tier wenigstens einige Zeit auszuhalten, und wer Rabbenu so handeln gesehen hätte, der würde daraus für sein eigenes Verhalten Folgerungen gezogen haben und hätte gelernt, barmherzig zu sein. Wer aber sah, daß Rabbenu das Tier sofort auslieferte und sich nicht das geringste Mitleid in ihm angesichts des schutzsuchenden lebendigen Wesens regte, der wurde hartherziger in seinem Verhalten auch . gegen solche Tiere, deren man nicht bedarf und die unschädlich sind." Antisemitische Strömungen in Frankreich. Die Antisemiten Frankreichs benützen in letzterer Zeit die wachsende Zahl der Mischen Einwanderer zu einer heftigen Agitation gegen die Juden. Vor einigen Tagen hat diese Strömung in einem Anträge Ausdruck gefunden, den der Pariser Kammerdeputierte Conti der Kammer unterbreitete und darin gipfelt, daß die ausländischen Arbeiter in Frankreich mit einer eigenen Steuer belegt werden mögen. Dieser Antrag richtet sich hauptsächlich, man kann sagen fast ausschließlich, gegen die aus Rußland, Rumänien und Galizien eingewanderten jüdischen Arbeiter. Die Regierung hat wohl gegen die Tendenz des Antrages nicht ausdrücklich Einwendung erhoben, sondern bloß erklärt, daß sie, bevor sie zu denrselben Stellung nimmt, die Frage eingehend studieren müsse. Die weißrussischen Bauern für die Juden. Aus Wilna wird geschrieben: In Weißrußland leben die Juden von jeher mit der weißrussischen Bauernbe- 'völkerung in bestem Einvernehmen. Sie unterstützen sich gegenseitig in ihren Bestrebungen. Dieses friedliche Beisammenleben wollen die antisemitischen Parteihäuptlinge nun stören und haben zur Verhetzung dieser Bauern eine selbständige Aktion eingeleitet. Vorläufig scheinen diese Hetzereien nicht zu verfangen. Das Organ der weißrussischen Bauern, „Nascha Niwa", tritt diesem niederträchtigen Beginnen in scharfen Artikeln entgegen. In einer Artikelserie weist das genannte Blatt nach, daß alle gegen die Juden vorbereiteten Beschuldigungen jeder Grundlage entbehren, denn die Juden bilden ein friedliches und nützliches Element, das bestrebt ist, mit der nichtjüdischen Umgebung in Frieden zu leben. Interessant "tst auch die Mitteilung des Blattes, daß die Juden in

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