Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 30 (24.7.1914)
- Date
- 1914-07-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Wach s Wochenschrift Seite 515 um es Mer bis zum aussichtsreichen Ministerkandidaten zu bringen, hat einen größeren Aufsatz über die Bauern- und Judenfrage geschrieben, der folgenden Satz enthält: Man muß beachten, daß ein russischer, deutscher, französischer Jude, wenn er sich die europäische Kultur angeeignet und aus der Sphäre des Judaismus austritt, sich der Nationalkultur des betreffenden Landes anschließt, während er bei uns in diesem Falle höchstens der deutschen Kultur gewonnen ist, die, der unseren überlegen, ihm durch Sprache, gemeinsamen (?) Ursprung und durch den ganzen Komplex der wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen zugänglicher ist. Sieht man hier von etwas tendenziöser Uebertreibung ab, so bleibt die Beobachtung richtig, daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens in demselben Maße zur deutschen Kultur gravitiert, wie die gebildete Schicht der Rumänen selbst zur französischen. 'Der rumänische Antisemitismus ist ein künstliches Gewächs der regierenden Oligarchie. Jedoch ist seine Züchtung dadurch erleichtert worden, daß man die Judender politischen Rechte entkleidet und damit von der christlichen Bevölkerung immer mehr isoliert hat. Heute ist wohl nicht daran -zu denken, daß dieser Fehler von der deutschen Diplomatie gutgemacht werden könnte. Heute muß die Gleichberechtigung der Juden aus dem freien Entschluß der christlichen Mitbürger entspringen, und wer unter uns Rumänen an einen Fortschritt glaubt, wird nicht die Zuversicht aufgeben, daß dies auch eines Tages geschehen wird. Ein (politisches) Aufgehen der jüdischen Bevölkerung in der rumänischen, das sich ja trotz der Jsolierungsmauer, welche durch die politische Rechtlosigkeit und die Behandlung der Juden als Fremde errichtet worden ist, immer mehr durchsetzt, wird die einseitige Entwicklung Rumäniens mildern und durch die Vermischung französischer und deutscher Grundelemente der Kultur einen harmonischen Klang ergeben. Es werden dann vielleicht aus der inneren Politik jene übertriebenen, nur aus das rein Persönliche zugespitzten Kampfesmethoden mehr und mehr verschwinden und auch für die auswärtige Politik werden neue Gesichtspunkte maßgebend werden. Gm» Organisation der jüdisch»« Hand- M»rker»erri«r in Oesterreich Zur Vorberatung über die Schaffung einer Zentralorganisation der jüdischen Handwerkervereine Oesterreichs wurde am Sonntag, den 12. d. M., im Bielitzer israelitischen Gemeindehause eine Delegiertenversammlung der israelitischen Handwerkervereine von Bielitz, Mährisch- Ostrau und Prag abgehalten. Der Bruderverein Kattowitz hatte zu der Tagung mehrere Vertreter entsendet. Prag war vertreten durch Herrn Vorsteher Thaussig, M.-Ostrau durch die leitenden Vorstandsmitglieder Ignaz Boden stein, Landes, Wischnitzer, Süsser und Rabbiner-Stellvertreter Dr. Färber, Bielitz durch die Herren Rudolf Kestel, Josef Rosenfeld, Adolf Rosenbaum, Kattowitz durch Linnemann und Zweig. Außer den Genannten waren auch noch anderweitige Vorstandsherren (auch aus Königshütte) anwesend und von Bielitz die Herren k. k. Fachvorstand Erber und k. t Professor Ed. Feuerstein, überdies als Ehrengäste' die Herren M. Braunberg als Vertreter des, Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde, Rabbiner Dr. Steiner und einige weitere inoffizielle Teilnehmer. Die Versammlung wählte zum Vorsitzenden Herrn R. K e st e l - Bielitz, zum Stellvertreter Thaussig -Prag, zum Schriftführer Boden st ein - Mähr.- Ostrau. Von den israelitischen Handwerkervereinen Wien, Lemberg, Brünn und Berlin waren Begrüßungsschreiben eingelangt. Nach der Eröffnung der Sitzung durch den Vorsitzenden begrüßte die Versammelten namens des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Bielitz Herr M. Braunberg in einer Längeren Ansprache. Der Zweck der Versammlung, die Zusammenfassung und Ausgestaltung der jüdischen Handwerkervereine, erregt die lebhafte Sympathie des Kultusvorstandes. Die Wertschätzung des Handwerkes bei den Juden ist nichts neues, und in der neuen Zeit hat das jüdische Handwerk aüch für die soziale Haltung der Juden unter den anderen Konfessionen an Bedeutung gewonnen. Der Kultusvorstand begleitet die heutigen Verhandlungen mit Wohlwollen und wird alle einschlägigen Bestrebungen bestens unterstützen und wünscht guten Erfolg. Herr Obmann R. Kestel widmete den Vertretern der auswärtigen Vereine Worte herzlicher Begrüßung sowie auch den Herren Dr. Steiner, Erber und Feuerstein und allen Teilnehmern der Versammlung und erteilte dann Herrn L an d es-M.-Ostrau das Wort zum Hauptreferat. Der Redner begann seine Ausführungen mit Dank und Anerkennung für Herrn R. Kestel, als dem Pionier des jüdischen Handwerkervereinswesens, der, von dem sel. Dr. Lesser unterstützt, schon vor 30 Jahren den Wert der israelitischen Handwerkerorganisation erkannt, uns darin ein leuchtendes Vorbild geworden ist und den Grund zu der zu schaffenden Zentralorganisation gelegt hat. Es dürfte gefragt werden, wozu diese Organisierung, da wir doch die Gewerbegenossenschaften besitzen. Nächstenliebe und Selbsthilfe gebieten den Zusammenschluß. Wir wollen damit nicht gegen die Kollegen anderen Glaubens handeln, sondern mit ihnen gehen. Die Juden sind keineswegs ein ausschließliches Handelsvolk, unsere Vorfahren haben sich außer mit der Bodenkultur auch mit dem Handwerke beschäftigt, uüd es muß im jüdischen Altertum schon ganz tüchtige Meister gegeben haben. Daß den Juden früher die Ausübung der Handwerke verboten war, war ein trauriges Faktum. Die alten Zunftgesetze waren gegen die Arbeit der jüdischen Handwerker gerichtet und die Lex Liechtenstein hat Tausende jüdischer Existenzen vernichtet. Es muß auch auf die moderne Klausel bei der Vergebung von Gemeindearbeiten hingewiesen werden, wonach eine Verpflichtung zur Annahme des billigsten Anbotes nicht besteht, die nach Selbsthilfe hindrängt. Die zu schaffende Organisation bezweckt, alle Aufgaben der Lokalvereine zu zentralisieren und durchzuführen. Sie wird Stellung nehmen zu gewerblichen Fragen, Handwerkervereine gründen, Arbeitsstellen vermitteln, Fonds für verarmte, alte Meister schaffen und ähnliches. Sie wird auch ein Verbandsorgan einrichten, wie es der? reichsdeutsche Bruderverband bereits besitzt für die Verbände in Berlin, Breslau, Frankfurt a. M., Kassel, Düsseldorf, Beuchen u. v. a. Unsere Bewegung, welche heute mit einem kleinen Wässerchen vergleichbar ist, soll durch die Zusammenfassung der einzelnen Kleinfbestrebungen ein großer Strom werden, der Mühlen treibt und Schiffe trägt, den kein Sonnenbrand auszwtrocknen vermag. Das will sagen, daß wenn ein Einzelner ungehört bleibt, eine große, starke Vereinigung nicht mehr so leicht übergangen werden kann. Der Beschluß, einen jüdischen gewerblichen Zentralverband zu bilden, wird ein gewaltiges Gewicht in der Wagfchale unserer sozialen Zustände sein. Der Redner schließt mit dem Anträge, einen Zentralverband der jüdischen Handwerkervereine zu errichten. Herr Thaussig-Prag dankte für die Einladung und die auszeichnende Erwählung zum Stellvertreter des Vorsitzenden. Der Prager Verein ist der Einladung sofort gefolgt, weil er die Organisation als sehr wichtig