Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 31 (1914)
- Issue
- 29 (17.7.1914)
- Date
- 1914-07-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 509 Nr. 29 Dr. Vloch's Bei den letzten Worten beugte er sich tief und berührte^mit den Fingerspitzen die Erde. So mancher lachte bei diesem Anblick und amüsierte sich Mer Perlmanns Auseinandersetzung, und doch hatte dieser recht. Denn wenn er auch auf dem Wege des Gesetzes nichts dagegen tun konnte, wurde seinem Hause nichtsdestoweniger ein großer Schaden zugefügt. Dazu kam noch der lange und breite Balkon, der in die Straße hineinragte, so daß die Wagen jetzt mehr in der Nähe des Perlmannschen Hauses fuhren und demselben noch mehr schadeten. Frau Schönhaut aber kannte Perlmann und seine beiden Söhne als Leute, die Man nicht um den kleinen Finger wickeln konnte, und wußte daher zu gut, daß sie ihr das Bauen gar nicht leicht machen würden, weshalb sie sich zu der bigotten Lüge entschloß. Antschel Perlmann stellte schließlich seine Ausfälle ein, und Channale Schönhaut ließ vor ihrem Hause einen hübschen Garten anlegen und einen Brunnen graben. Letzterer wurde der Öffentlichkeit übergeben, hätte aber kein gutes Trinkwasser. Perlmann hatte nun seine Schadenfreude daran und sagte: „Vün dem Schlechten klimmt keen Güts nischt araus.“ Frau Schönhäut ließ an ihrem Hause auch eine Straßenlaterne anbringen, die in der Selichos- Zeit^^) die ganze Nacht hindurch brannte und ein Stück des Weges nach den Bethäusern beleüchtete. Späterhin spendete sie der „Schul“ eine Sefer-Thora mit Silberkrone (Keesserj und Behang. Dies alles stimmte die Nachbarn zwar versöhnlich gegen sie, aber aufrichtige Freundschaft hegte niemand derselben für sie. Sie war wohl geachtet, aber nicht beliebt. Antschel Perlmann verachtete sie nach wie vor. Man' sah ihn jetzt auch an den schönsten Sommerabenden me mehT vor seiner Haustür stehen, offenbar weil er deck Anblick des gegenüberliegenden stolzen Hauses nicht ertragen konnte/ 'ilj Es vergingen mehrere Jahre. Ich hatte inzwischen meine Heimat verlassen, und als ich nach zehn Jahren wieder einmal nach Hause kam, war Channale Schönhauts Haus verschwunden. Eine Feuersbrunst hatte dort zwei Jahre vorher viele Häuser eingeäschert und das der Frau Schönhaut gänzlich zerstört. Nur der Brunnen mit dem ungenießbaren Wasser und ein paar Bäume des Gartens waren übrig geblieben. Auf dem Platze lagen wieder^ Bretter und anderes Büumetrial, ganz wie vor einigen 20 Jahren. Channale Schönhäut wohnte nunmehr wieder in dem alten Hause, düs sie''von ihrer Mutter geerbt hatte. Antschel Perlmanns,'Haus aber stand ganz unversehrt da, die Wände waren weiß getüncht, die Fenster, Türen und Dachrinnen grün gestrichen und selbst die grüne Holzbank stand noch vor dem Hause. Ein Sohn von Antschel Perlmann wohnte nun in demselben. Sein Vater aber war bereits seit vier Jahren tot. Ich bedauerte sehr, daß er es nicht erlebt hatte, sein geliebtes Haus wieder frei und reich an Luft und Licht zu sehen. Er hätte auch mit Genugtuung* * konstatieren können, daß seine Strafverkündigung über Channale Schönhauts Haus: „’s mös angesünken weren, ’s müs weren ke- Afro de-Aro“, in Erfüllung gegangen ist. Uebrigens wurde dies dort allgemein als verdiente göttliche Strafe angesehen. - Seit jener Zeit sind nun wieder mehr als zwei Jahrzehnte verstrichen. Channale Schönhaut wohnt schon längst auf dem „helicken Ort“23) in Z., ihr Geld half einem verarmten Neffen, der trotz seiner höheren Bildung sich ein jüdisches Herz bewahrte, wieder auf die Beine, und derMlatz des versprochenen Bet-ha-Midräsch ist bis auf den heutigen Tag nicht wieder bebaut worden. ") Dieselbe beginnt einige Tage vor dem Neujahrsfeste an einem Sonntage und dauert bis zum Versöhnungstage. *s) Jüdischer Friedhof. Kiteratrrr. D'ösn *"21 ny*r -22 Gesammelte Vorträge und Aufsätze zur Erklärung zahlreicher Talmud- und Midraschstellen von Dr. Wolf M i s ch e l, Rabbiner und Prediger in Kimpolung (Bukowina) 1914. Heber die rabbinische Gelehrsamkeit des Verfassers vorliegenden Werkes hat sich der verstorbene Lector I. H. Weiß 3 Jahre vor seinem Hinscheiden dahin geäußert, daß der Verfasser ein junger „moderner Eaon" sei. Damals ahnte man kaum, daß dieser „moderne Gaon" sich in der Folge auch zum ausgezeichneten jüdischen Religionsphilosophen entwickeln werde. Würde man nach dem Titel des Buches urteilen, so könnte man glauben, man habe vor sich eine^ homiletische Arbeit. Dem ist aber nicht so, wenn auch der Prediger von Berus durch die Lektüre dieses Buches sehr vorteilhaft angeregt wird. Es sei nur vorderhand hier hervorgehoben, daß der vorliegende Band bereits der dritte ist in der Reihe des großangelegten Werkes des abseits vom Kulturzentrum lebenden Verfassers. Schon der erste Band dieses großartigen Werkes hat wegen der originellen Art, talmudische Themata wissenschaftlich und modernphilosophisch zu behandeln, berechtigtes Aufsehen erregt und in der literarisch-wissenschaftlichen Welt Rußlands dem Verfasser große Anerkennung verschafft. So wurde damals das Werk im Hafchiloach ausführlich besprochen und der Verfasser als ein Denker nicht alltäglichen Stils gerühmt. Er ist von Professor Lazarus' Herbartianismus stark beeinflußt und huldigt außerdem, dem Geiste der jüdischen Religionsphilosophie entsprechend, einer ideal-eudämonistischen Welt- und Lebensanschauung. Damit ist nicht gesagt, daß der Verfasser die neuen ethischen Werte unberücksichtigt läßt, oder daß die moderne Soziologie in ihm nicht ihren Dolmetsch oder Verteidiger gesunden hätte. Im Gegenteil. Alle diese neuen Theorien mit ihrem sozialistisch-kommunistischen Einschlag werden in dem vorliegenden Werke vielfach berührt und an manchen Stellen sogar, soweit es in den Rahmen des Buches gehört, ausführlich gewürdigt. Doch verläßt der Verfasser nie den Boden des Judentums, verfällt nie in Ertreme, sondern, der maimonidisch-aristotelischen Theorie folgend, begründet und empfiehlt er, wo es sich um ethisch-soziale Prinzipien handelt, den Weg der Mitte. Ein Beispiel für viele. Heldentum, sagt der Verfasser, auf Steinthal sich berufend, bedeutet Genuß; das Christentum verwirft den Genuß, verbannt die Lust. .Gegenüber der Weltlust des Heidentums steht die Lehre von der Weltslucht des Christentums. Die Ausgleichung dieser Theorien, die, wenn sie, ertrem wie sie sind, praktische Anwendung fänden, das Bild der Welt verunstalten und mit düsterem Gewölk es umziehen würden, ist das Judentum, das Judentum in Lehre und das Judentum im Leben. Weder Weltgenuß noch Weltflucht, sondern Weltpflicht. Die Weltpflicht aber, die das Judentum lehrt, predigt und betätigt, besteht in der Vereinigung des Himmlischen mit dem Irdischen, des Geistigen mit dem Materiellen. Die Erfüllung dieser Weltpflicht bedeutet nach der Anschauung des Judentums, so deduziert der Verfasser, die erhabenste Glückseligkeit. Gibt es dann einen edleren Eudämonismus? Man stößt in diesem Buche auch auf sehr seine bibelkritische Bemerkungen, die einer gewissen Originalität nicht entbehren. Referent, der jede neue literarische Erscheinung aus dem Gebiete des Judentums, wenn ihr nach Form und Inhalt ein gewisser Wert nicht abgesprochen werden kann, freudigen Herzens begrüßt, erachtet es als seine jüdische Pflicht und Schuldigkeit, vorliegendes Werk dem jüdischen Publikum wärmstens zu empfehlen. Dr. H. E. Kaufmann, Rabbiner der israel. Kultusgemeinden Virovitica und Daruvar. Von der im Verlage des zionistischen Zentralbureaus erscheinenden zionistischen „Broschürenbibliothek" ist das erste Heft aus der Feder von Dr. Osias Thon, Krakau, erschienen und Theöd. Herzl gewidmet, dessen zehnjähriger Todestag jetzt in der ganzen zionistischen Welt feierlich begangen wird. Aus 21/s Bogen gibt die hübsch ausgestattete Broschüre ein gutes Bild des Menschen, des Schriftstellers, des Zionistenführers, eine lebendige und getreue Darstellung seiner Absichten und seiner Tat. D. S. van Zniden, De Hoogduitsche Joden in’s-Gravenbä'ge van af dünne körnst tot op decken. Den Haag 191b, U..-7 50 ^Komm - Verlag von I. K a u f f m a nFranksiirt, a. M.).. Die Ausstattung und der Bilderreichtum dieser Geschichte der hochdeutschen Judengemeinde im Haag verleihen ihr den Charakter eines Prachtwerkes. Für ' die Gediegenheit des Inhaltes sprechen schon die im Vorwort genannten S. Seeligmann und Hillesum, mit deren Hilfe und unter deren Auspizien das Buch entstanden ist. Der Gesichtspunkt ist weit genug gefaßt, daß außer lokalem auch allgemein jüdisch-historisches Interesse hier seine Befriedigung findet. Die Errichtung besonderer jüdischer Kompagnien im Jahre 1810, die Beziehungen zur Familie des Wiener Oberhofi. faktors Sam. Oppenheimer und viele andere Einzelheiten verdienen die Beachtung eines weiteren Leserkreises. L.