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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1914-07-17 · 29 (17.7.1914) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
31 (1914)
Issue
29 (17.7.1914)
Date
1914-07-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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©rite 508 Äi. 29 Dr. BLoch-s Wochenschrift heißt verheiratet, und', er hätte auf seinem Lebensweg auch weiterhin ungestört , und zufrieden wandeln können; aber es sollte anders kommen. Ueber den Weg, dem Perlmannschen Hanse gegenüber,- befand sich ein freier Platz, auf welchem gewöhnlich Holz abgeladen und Bretter geschnitten wurden. Auch durften dort die benachbarten Kinder ihre Spiele im Freien arrangieren. Eines Tages erschien auf dem Platze eine reichgekleidete Dame mittleren Alters in Begleitung zweier Herren, die den Platz nach seiner Länge und Breite ausmaßen und schriftliche Aufzeichnungen machten. Dieser Vorgang erweckte die Neugierde aller Nachbarn, und Antschel Perlmann war außer sich, als er erfuhr, daß es Channale Schönhaut war, die den Platz so eingehend besichtigt hatte. Es stand für ihn fest, daß sie hier ein Haus aufführen lassen will. Da Channale Schönhaut viel Geld hatte, war vorauszusehen, daß ihr Harts, das Perlmannsche an Umfang überragen und daher von -der Marktseite gänzlich abschneiden werde. Es dauerte nicht lange und inan fing aus dem Platze wirklich zu bauen an. An einem Nachmittage fand sich Channale Schönhaut wieder aus dem Bauplatze ein, und zwar diesmal in Gesellschaft einiger Frauen aus der Nachbarschaft, die sie eingeladen hatte, um — wie sie sagte :— sich mit ihnen in einer , wichtigen Angelegenheit zu beraten. Sie teilte ihnen mit, daß sie hier ein Bet-ha-Midrasch (Bessliamedrisch) aufführen lassen wolle und wünschte ihre Meinung in bezug auf die Lage der Frauenabteilung swaber'sche Schul) zu hören. Das Resultat der Beratung war, daß ein Balkon den Eingang in die Frauenschul mit dem Haupteingang verbinden müsse. Die Frauen waren über diese Mitteilung sichtlich erfreut, und als ihnen Channale Schönhaut die besten Sitzplätze (Stät) in dem zukünftigen Bethause versprach, konnten sie nicht genug Worte des Dankes finden. Tags darauf besprach man überall in der Stadt das wichtige Ereignis, daß Channale Schönhaut ein Bet-ha- Midrasch bauen läßt. Alle glaubten es, nur nicht Antschel Perlmann. Gegner sehen ja gewöhnlich schärfer als andere. Man pries nun die Frau Schönhaut als eine Wohltäterin ersten Ranges. Man erzählte, daß sie eine Waise f Jessoime)- an Kindes Statt angenommen und sorgfältig erziehe, und bedauerte nur, daß diese wackere Frau (Esches cliajil) in der Ehe kein Glück hatte, daß sie zweimal verheiratet war und doch kinderlos blieb und sich von chren beiden Männern scheiden lassen mußte. Antschel Perlmann aber war darüber anderer Meinung. Er sagte: „Channale liot nischt Rachmunes5j auf Menschen in der grössten Noit, ün a uremen Juden könn sie nischt unkücken. Die Jessoime is ihre Kroiwe6) ün hot gejarschet7) a groisse Poiteke“8). - _ Inzwischen wuchs der Neubau immer höher, und es sahen nunmehr auch ganz unparteiische Leute ein, daß Perlmanns Haus ein großer Schaden erwachse, indem es nicht nur von der Marktseite abgeschnitten, sondern auch für einen großen Teil des Tages der Sonne beraubt werde. Man meinte aber, daß das Interesse, eines Einzelnen vor dem der Allgemeinheit (Toiwas liakela1) zurücktreten müsse, und dies um so Mehr hier, 'wö W sich um ein („Mukom kndoseh“9) handelt. Da^der Mubau bald hierauf mit Bogenfenstern — ähnlich deren der -Schul“10)-- versehen wurde, zweifelte niemand — außer Antschel Perlmann —. an,, die Aufrichtigkeit der Frau Schönhaut. * ' - Als das Haus aber fertig war, zog letztere mit s) Erbarmen. 6) Anverwandte. 7) geerbt. - 8j Vennögen. ■ *) Heilige Stätte. . 10) Hauptsynagoge. ihrer Verwandten und ihren zwei Dienstmädchen in dasselbe hinein und ließ den sehr enttäuschten Nachbarinnen mitteilen, daß dieses Haus wohl ein Bet-ha-Midrasch sein werde, aber erst nach ihrem Tode. Sie habe zwar vorher beabsichtigt, das . Haus bald seiner Bestimmung zu übergeben, sei aber dann zu der Ueberzeugung gekommen, daß sie in dem Hause ihrer Mutter, wo sie bis jetzt wohnte, nicht länger wohnen könne, während ihre ökonomischen Verhältnisse ihr doch nicht gestatten, noch ein zweites Haus bauen zu lassen. Diese Mitteilung oder quasi Entschuldigung wurde ziemlich gleichgiltig zur Kenntnis genommen. Hätte sie in dem Hause ein Bethaus eingerichtet, so wäre Man Hr dankbat: gewesen, da sie dieses nicht getan hatte, so interessierte man sich für sie und ihr Haus nicht mehr. Uebrigens pflegte Channale Schönhaut besseren Geschäftsleuten Geld auf Zinsen zu leihen, und da sie keine hohen Prozente forderte uüd Geld immer vorrätig hatte, wollte man sich es mit ihr nicht verderben und schwieg deshalb. Allein Antschel Perlmann schwieg nicht, sondern schrie, was er schreien konnte. Solange es allgemein geglaubt wurde, daß Channale Schönhaut ein Bethans errichte, .wagte erdicht,, öffentlich dagegen zu protestieren; jetzt aber glaubte er '.sich aller Rücksichtnahme enthoben und suchte daher seinem bis dahin verhaltenen Groll in folgender Weise Luft zu Machen: Jeden Mdrgen, um die Zeit, da ich ihn sonst auf den Markt gehen sah, stand er nun vor der Tür seines Hauses im langein Kaftan, ohne Gürtel u.yd mit dem Sammetkäppchen aus dem Kopse und lauschte so lange, bis er wenigstens einen Schein von . Channale Schönhaut zu sehen bekam Kaum war sie .auft dem Balkonoder in einem Fenster erschienen,'da sing er sofort zu schreien an. Und obgleich sie so schnell als möglich wieder verschwunden war, blieb er auf seiner Warte stehen, den Kops auf die rechte Hand gestützt und mit dem Zeigefinger der -linken. Hand-auf das gegenüberliegende, ihm so sehr verhaßte neue Haus hinweisend, und redete und schrie so lange- bis er heiser wurde. Die Quintessenz seiner Rede war gewöhnlich die Beweisführung, daß Channale Schönhaut in Wahrheit nie haran gedacht hatte, ein Bet-ha-Midrasch zu erbauen, daß sie dies nur vorgespiegelt, damit ihr die Nachbarn kein Hindernis in.. dW^Weg legen sollten. „Channale, Channale“ so, upgefäyr lauteten einige Sätze seiner Rede, ..wü is euer Besshamedriseh? Die Schuchintes11) wüllen gehen auf die Stät,12) wus Ihr hot sei ziigesugt, ün wüllen springen Kediische13) in Channales Besshamedriseh. Naresehe Waber! Püschke-Gabbetes!14) Channale hot sei angeredt, as sie baut a Besshamedriseh mit ä waberischer Schül! Sie, wus sie hot faant a Juden, hot plüt.zing bekiimmen a jüd’sch Harz 1 Sie, wus sie hot keen mukl nischt gewollt giben an urmen Juden a Stückei Broit, chotsche16) sie hot ihm gewogt sehen, tacke16) ausgehen far Hunger, is auf eenmulil gewören a güte ün a frümme Jüdinne ün baut Bute medruschim!l7) Sie höt gewollt buben a langen ün abreeten Gannek,18) hot sie därzählt, as sie baut a Mukom kndoseh. Heesst das nischt Gott ün Menschen uppnaren? Achleben.19) a Haus wie dus, a sa Haus, wus is aflfgebaut auf Scjheker we Kusow20) müs Jangesünken weren, müs weren kerf. Afro de-Aro“.21) . ... ") Nachbarinnen. , . - , ") Sitzplätze. 1S) Anspielend auf die körperlichen Betpegüngen, die dort beim' Lesen dieses Gebetes ausgeführt werden. ■?! ") Spöttische Bezeichnung von Frauen, die immer fromm tun. ") Obgleich. ", Wirklich. : . .; : 17) Bethäuser. ' 18) Balkon. 19> So wabr ich lebe! 20) Lug und Trug. *') Dem Staub der Erde gleich.

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